Siebzig, vielleicht achtzig Meter sind es von der einen Seite des Platzes zur anderen. Eine Distanz, zu Fuß in einer halben Minute zurückzulegen, aber für Timo* und Mehdi: eine unüberwindbare Entfernung.

An der einen Seite des Platzes, vor dem Stadtmuseum, sitzt Mehdi mit ein paar Freunden. Flüchtlinge aus Syrien, Libyen, Marokko und deutsche Jugendliche, die sich "links" nennen.

An der anderen Seite des Platzes, vor dem Reichenturm, steht Timo mit ein paar Freunden. Deutsche Jugendliche, die sich "rechts" nennen.

Es ist ein Samstagabend Ende September auf dem Kornmarkt im sächsischen Bautzen. Als um kurz nach sieben die Sonne untergeht, kommen vier Polizeibusse auf den Platz gefahren. Sie stoppen in der Mitte, zwischen Mehdi und Timo.

Mehdi, 18 Jahre alt, kommt aus Marokko. Er sieht aus wie ein junger Fußballer, mit Undercut-Frisur und viel Gel im Haar, einem Ohrring und einem rasierten Streifen in der Augenbraue. Er ist klein, hat lange Wimpern und Segelohren. Angela Merkel, sagt er, sei eine gute Frau. Und Nazis seien scheiße, weil sie etwas gegen Ausländer wie ihn hätten.

Timo, 19 Jahre alt, kommt aus Sachsen. Er hat blonde, kurze Haare und einen Seitenscheitel, er trägt Schwarz, und auf seinem Pullover steht in Frakturschrift "Identität durch Tradition". Er ist 1,82 Meter groß, und man sieht ihm an, dass er jeden Tag trainieren geht. Angela Merkel, sagt er, sei eine schlechte Frau. Und Ausländer seien eine Gefahr, weil sie Deutschland zerstörten. Timo nennt sich selbst einen "Nationalisten".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Mehdi und Timo sehen sich öfter, von Weitem, hier auf dem Bautzener Kornmarkt. Aber sie haben nie miteinander gesprochen und werden es wohl auch nie tun. Was sie verbindet, ist ihr Hass aufeinander. Und der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Platz.

Der Kornmarkt liegt am Rand der Innenstadt. Eine öde, graue Fläche an einer lauten Straße. Wasserspiele, ein paar Bänke und dürre Bäume stehen für den erfolglosen Versuch, dem Platz Leben einzuhauchen. Die meisten Bautzener nennen ihn abschätzig "Platte". Touristen kommen nur unfreiwillig vorbei, schnell ziehen sie weiter in die Altstadt mit ihren mittelalterlichen Türmchen. Auf der Platte bleiben zurück: die Ausgestoßenen. Menschen, die noch keinen Platz in der Gesellschaft gefunden oder ihn verloren haben, vor allem jene, die von dieser Gesellschaft die Schnauze voll haben. Links die Flüchtlinge, rechts die Neonazis, etwas abseits, auf einer Treppe, die Trinker. Aber eigentlich trinken hier alle.

Bis vor einigen Wochen hat sich kaum jemand für den Kornmarkt interessiert, nicht in Bautzen, schon gar nicht anderswo in Deutschland, doch seit dem 14. September ist der Platz zu einem Symbol geworden. Auf der Bautzener Platte hat sich etwas ereignet, wovor das ganze Land Angst hat: eine Straßenschlacht zwischen Menschen, die vor Krieg, Terror oder Armut aus ihrer Heimat geflohen sind, und denen, die ihre Heimat nicht mit den Geflohenen teilen wollen.

Schon fünf Tage zuvor, am 9. September, einem Freitag, waren die beiden Seiten bei einer Kundgebung der asylfeindlichen Gruppierung "Die Sachsen Demonstrationen" aneinandergeraten. Die linke Jugend von Bautzen hatte zu einer Gegenveranstaltung aufgerufen, die Flüchtlinge machten mit. Auf dem Kornmarkt flogen Flaschen, die Polizei eskortierte die Linken und die Flüchtlinge vom Platz.

In den folgenden Tagen gab es immer wieder kleinere Schlägereien. Mal seien sie von den Rechten ausgegangen, mal von den Flüchtlingen, so stellt es die Polizei dar. Als am Dienstag ein Asylbewerber einem 32-jährigen Deutschen mit einer abgebrochenen Bierflasche in Hals und Rücken stach, sannen die Neonazis auf Rache. So kam es, dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf dem Kornmarkt 80 Rechte und etwa 20 Flüchtlinge gegeneinander kämpften.

Seit dem ersten Aufeinandertreffen registrierten die Behörden auf dem Platz 39 Straftaten. Bedrohungen, Nötigungen, Volksverhetzung, Verstöße gegen das Waffengesetz. Neun Körperverletzungen.

Am 15. September, dem Tag nach dem Knall, hält der örtliche Polizeichef Uwe Kilz eine Pressekonferenz ab. Er berichtet Erstaunliches: Die Aggressionen der Nacht seien von einer Gruppe von 15 bis 20 sogenannten UMAs ausgegangen, unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern. Diese hätten die etwa 80 meist betrunkenen "eventbetonten" Personen mit Flaschen und Holzlatten angegriffen. Die "Eventbetonten" hätten dann versucht, der Flüchtlinge "habhaft zu werden". Die vier "Rädelsführer" der Asylbewerber seien umgehend in andere Landkreise "verbracht" worden. Zudem habe das Landratsamt ein Alkohol- und Ausgehverbot für die UMAs verhängt.

Aggressive Flüchtlinge verprügeln Deutsche. Die Meldung verbreitet sich rasant und ist nicht wieder einzufangen. Sie bestätigt alle Asylskeptiker und Fremdenfeinde. Eine bessere Kampagne hätte sich die AfD nicht basteln können. Allein: Was ist dran an dieser Darstellung? Und ist das jetzt der Beginn eines Straßenkampfes in Deutschland?

Als Uwe Kilz bei der Pressekonferenz gefragt wird, woher seine Erkenntnisse stammen, beruft er sich auf Zeugenaussagen vom Kornmarkt. Wer diese Zeugen sind, will die Polizei offiziell gegenüber der ZEIT nicht preisgeben. Spricht man jedoch mit Beamten, die an dem Abend auf der Platte waren, erfährt man: Die Zeugen gehören selbst zu jener Gruppe von "Eventbetonten", die von den Flüchtlingen angeblich angegriffen wurden.

Was der Polizeichef nicht sagt: Die "Eventbetonten" sind nicht bloß ein paar betrunkene Jugendliche, es sind größtenteils Rechtsextreme, die den Flüchtlingen in Bautzen das Leben seit Monaten zur Hölle machen. Auf Videos, die im Internet kursieren, sieht man, wie sie die Flüchtlinge mit Gebrüll vom Kornmarkt treiben, ihnen am Einkaufszentrum vorbei in die Innenstadt folgen. Die Rechtsextremen jagen die Flüchtlinge wie Wild.

Nur fünf Stunden nach der Pressekonferenz stehen in der 40.000-Einwohner-Stadt 400 Neonazis aus ganz Sachsen am Kornmarkt. Sie grölen "Hier marschiert der nationale Widerstand!" und "Frei, sozial und national!". Die Worte des Polizeichefs müssen für sie wie eine Einladung geklungen haben.