John Cryan hat derzeit den vielleicht schlimmsten Chefposten. Seit Juli 2015 leitet der Brite die Deutsche Bank. Seither ist der Aktienkurs seines Instituts um mehr als die Hälfte abgesackt; die Fragen, was die Deutsche Bank sein will und wozu man sie überhaupt noch braucht, sind lauter denn je; die Antworten so wenig überzeugend wie nie. Und am vergangenen Donnerstag wurde es richtig brenzlig. In den USA begann der Ausverkauf der Deutsche-Bank-Aktien, nachdem bekannt geworden war, dass einige Hedgefonds ihr Geld abgezogen hatten. Selbst normale Privatkunden in Deutschland wurden nervös und holten Geld von ihren Konten. Aktionäre der Bank waren ebenfalls erschrocken und verkauften. Am Freitagmorgen sackte der Aktienkurs erstmals kurz unter die magische Marke von zehn Euro, Spekulationen über eine Rettung durch Vater Staat wurden lauter.

Kurz danach ließ ein neues Gerücht den Kurs zwar wieder steigen. Doch da hatten Cryan und Co. ihre Nahtoderfahrung längst gemacht. Die Deutsche Bank, sie wurde nun ernsthaft in einem Atemzug mit Lehman Brothers genannt – jener amerikanischen Investmentbank, die am 15. September 2008 Insolvenz angemeldet und Bankenrettungen weltweit notwendig gemacht hatte.

Besonders heikel an diesen Turbulenzen ist, dass der Auslöser dieses Mal nicht aus dem Markt stammt, sondern aus der Politik, und zwar aus der amerikanischen. Am 15. September wurde bekannt, dass das US-Justizministerium 14 Milliarden Dollar von der Deutschen Bank fordert, um Vorwürfe wegen unzulässiger Praktiken im Geschäft mit Hypothekenpapieren beizulegen. Die Höhe der Summe überraschte nicht nur die Bank, die bisher nur 5,5 Milliarden Euro (6,2 Milliarden Dollar) für juristische Streitigkeiten zur Seite gelegt hatte. Sie schockierte vor allem Investoren und Kunden. Die Lage entspannte sich erst wieder, als bislang nicht bestätigte Berichte die Runde machten, die Deutsche Bank stehe kurz vor einer Einigung auf eine weitaus geringere Summe.

Natürlich hat der Markt auf die erste Zahlungsandrohung nur deshalb so hart reagiert, weil es sowieso schlecht steht um die Deutsche Bank. Wäre sie gesund, hätte also reichlich Kapital, dann hätte sie ob solch einer Nachricht höchstens gehörig gehustet. So lag sie fast danieder.

Merkwürdig ist nur: Die Probleme der Bank waren den Amerikanern bekannt. Ebenso wussten die Behörden, wie empfindlich Finanzmärkte auf bestimmte Nachrichten reagieren. Wieso nur haben sie die Deutsche Bank trotzdem derart in die Enge getrieben? Wieso haben sie eine Strafzahlung gefordert, die rund 90 Prozent des Börsenwerts der Bank ausmacht? War es Unwissen, oder war es ihnen egal?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sagt: "Man kann das als unfreundlichen Akt gegen den deutschen Steuerzahler sehen, der die Zeche zu bezahlen hätte, wenn die Deutsche Bank gestützt werden müsste. Wie hätte wohl die US-Regierung reagiert, wenn die Bundesregierung etwas Ähnliches mit einem amerikanischen Unternehmen gemacht hätte?" Und auch mancher Amerikaner hält das Vorgehen für problematisch. "Die Vergleichssumme von 14 Milliarden war klar überzogen", sagt Peter Henning, Experte für Wirtschaftskriminalität an der Wayne State University in Detroit, der früher selbst beim US-Justizministerium war.

Die Frankfurter Banker haben sich ganz offenbar das mächtige Justizministerium und die US-Aufseher zum Feind gemacht. Anders ist das aggressive Vorgehen von Obamas obersten Strafverfolgern nicht zu verstehen. Zumal das Durchsickern der Zahl von 14 Milliarden Dollar die Bank nach eigenen Angaben dazu zwang, Stellung zu nehmen. "Aufgrund der europäischen Marktmissbrauchsverordnung musste die Deutsche Bank eine Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichen, nachdem das Wall Street Journal die korrekte Zahl berichtet hatte", erklärte die Bank.

Aus Insiderkreisen verlautete, die amerikanischen Ermittler hätten sich über die Bank geärgert und deshalb die hohe Vergleichssumme gefordert. "Diese Typen haben uns das Leben schwergemacht, jetzt kriegen sie dafür eine höhere Summe aufgebrummt", erzählt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Deutsche Bank habe sich lange höchst arrogant verhalten.