DIE ZEIT: Herr von Hirschhausen, in einer alternativmedizinischen Klinik in Brüggen am Niederrhein sind vor Kurzem drei Patienten gestorben, trotzdem werden viele Menschen weiterhin zu Alternativmedizinern gehen. Auch Sie befassen sich in Ihrem neuen Buch mit dem Thema. Was ist so faszinierend daran?

Eckart von Hirschhausen: In vielen von uns wohnen zwei Seelen in einer Brust: Einerseits wollen wir den Superexperten. Einen, der weiß, was die beste Medizin ist, was wissenschaftlich begründet ist. Andererseits wünschen wir uns jemanden, der uns mit allen Ängsten, Hoffnungen und der seelischen Ebene der Heilung sieht und begegnet.

ZEIT: Und das bieten Schulmediziner nicht?

Von Hirschhausen: In den sechs Minuten, die sie für ihre Patienten im Schnitt Zeit haben? Das Feld der sprechenden und zuhörenden Medizin müssen viele Ärzte den Heilpraktikern und Alternativmedizinern überlassen. Die haben einen großen Zulauf. Darüber kann man die Nase rümpfen, oder man kann sich fragen, was da schiefläuft.

ZEIT: Was läuft denn schief?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Von Hirschhausen: Das Medizinsystem hat sich in einem Ausmaß von den Bedürfnissen der Patienten entfernt, wie es vor 30 Jahren noch unvorstellbar war. Durch finanzielle Fehlanreize wird viel zu viel geröntgt statt mit den eigenen Sinnen untersucht, es werden Herzkatheter geschoben, statt zu verstehen, was Menschen auf dem Herzen haben. Ich frage mich, wo da der Aufschrei von Ärzten bleibt, dass sie dafür nicht angetreten seien; und von Patienten, die sagen, dass das Gesundheitswesen kein Selbstbedienungsladen ist.

ZEIT: Alternativmediziner machen das besser?

Von Hirschhausen: Der Wert von Alternativmedizin hängt davon ab, was die Alternative ist. Die sprechen mehr mit ihren Patienten, und das allein bewirkt schon viel. Es ist fast eine versteckte Form von Psychotherapie: Vielen Menschen fällt es leichter, zum Homöopathen zu gehen als zum Psychotherapeuten.

ZEIT: Für die Anziehungskraft muss es aber noch mehr Gründe geben.

Von Hirschhausen: Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen. Wir haben ein Bedürfnis nach Ritualen, Spiritualität und Sinngebung. In einer säkularisierten Welt wird Gesundheit zur Ersatzreligion. Und die "Priester" beziehen die Glaubensbereitschaft der Patienten stärker ein, wenn sie mit Reiki und Kügelchen arbeiten – was ja sinnvoll sein kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

ZEIT: Obwohl die Methoden keine spezifische Wirksamkeit haben.

Von Hirschhausen: Die Skeptiker haben natürlich recht, die Theorie der Homöopathie hat nichts mit Naturwissenschaft zu tun. Was wirkt, ist die Beziehung, die Zuwendung und das Gefühl, in seiner Individualität gesehen zu werden. Das war immer der Kern guter Medizin. Der Homöopath nimmt sich beim Erstgespräch eine Stunde Zeit für seinen Patienten.

ZEIT: Etwas, das für einen normalen Hausarzt illusorisch ist: Wenn der sich so lange mit seinen Patienten unterhalten würde, hätte er bald nur noch sehr wenige.

Von Hirschhausen: So ist es. Als Kassenarzt kann man entweder für ein ganzes Quartal eine Pauschale von 17 Euro pro Patient erhalten, egal wie oft er kommt; oder man kann die Zusatzbezeichnung Homöopathie erwerben – dann rechnet man für eine Stunde Reden hundert Euro oder mehr ab. Ärzte, die es wichtig finden, viel mit ihren Patienten zu sprechen und sich Zeit für sie zu nehmen, können auf diesem Umweg die Medizin machen, die sie für sinnvoll halten.

ZEIT: Aber nutzt das den Patienten denn auch?

Von Hirschhausen: Die Ärzte sind mit ihren Patienten in einer Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr Vertrauen diese zu ihnen haben, desto wirksamer sind die verschriebenen Medikamente.

ZEIT: Sie sprechen vom Placeboeffekt.

Von Hirschhausen: Genau. Der wird oft abgetan als Täuschung oder als Einbildung des Patienten. Dabei spielt er bei jeder Behandlung eine große Rolle. Positive Erwartungen verändern messbar die Wirkung auch von wirksamen Medikamenten. Da werden Selbstheilungskräfte aktiviert, eine Art innere Apotheke, ein innerer Heiler.

ZEIT: Im Studium und in der weiteren Ausbildung lernen Mediziner allerdings nicht allzu viel darüber ...

Von Hirschhausen: ... und deswegen sollten die angehenden Ärzte, wenn jetzt das Medizinstudium reformiert wird, nicht noch mehr über Pharmakologie lernen, sondern über Kommunikation, Gesprächspsychologie, Patientenführung. Die nächste Generation muss bewusster damit umgehen, dass Ärzte als Persönlichkeit wirken – was sie auslösen bei den Patienten.