Schon nach zwei, drei Minuten gibt es einen Moment, in dem der Kunstsammler François Pinault, 80 Jahre alt, der da auf zehn Meter langen, sandfarbenen Sofas unter zwei riesigen monochromen Bildern des New Yorker Künstlers Rudolf Stingel in seinem Büro in der Pariser Rue François 1er zwischen seinen Beratern sitzt, eigentlich etwas Gutes sagen könnte. Das heißt: Der kleine Mann mit dem tadellosen dunklen Anzug, den weißen, kurzen Cäsar-Haaren und den klugen, kleinen, wasserblauen Augen macht ein Gesicht, als könne er auf die Frage "Sehen Sie sich selber als radikalen Sammler?" durchaus mit einem widersprüchlichen, selbstironischen, unterhaltsamen Gedanken antworten – habe aber in den vielen Jahrzehnten als öffentliche Figur die Erfahrung gemacht, dass es in Interviews klüger ist, lediglich Andeutungen der eigenen Ironie, des eigenen Charmes und der eigenen Klugheit zu geben. Er guckt seine beiden Berater an, die neben ihm auf den Sofas sitzen, Jean-Jacques Aillagon, Frankreichs ehemaligen Kulturminister, der seit vielen Jahren als Berater seiner Museen arbeitet, und Martin Béthenod, den Direktor seiner zwei Privatmuseen in Venedig, des Palazzo Grassi und der Punta della Dogana, und bald auch Direktor der Bourse de Commerce in Paris, Pinaults neuen Privatmuseums, das im November 2018 eröffnen soll. Ein kleines Lächeln des Patrons, und die Runde antwortet mit einem dezenten, freundlichen Gelächter. Dann spricht François Pinault in seinem gebrochenen, schwer verständlichen Englisch, das eigentlich ein aus französischen Worten bestehendes Englisch ist: "Ich liebe Minimal Art. Ich bin da sehr offen und neugierig. Ist das radikal?" Die Pressefrau, die das Gespräch mitstenografiert, fügt hinzu: "Monsieur Pinaults Leidenschaft ist die Minimal Art. Aber sein Interesse, verstehen Sie, hat einen Radius von 360 Grad. Es gibt kaum eine Richtung in der zeitgenössischen Kunst, die Monsieur Pinault entgeht." Wow, ein 360-Grad-Kunstinteresse. Das klingt wirklich gewaltig.

Zwanzig Minuten Interviewzeit mit dem großen französischen Sammler, dem Investor und Unternehmer, Besitzer des Auktionshauses Christie’s, Inhaber von Kaufhäusern, Verlagshäusern, des Weinanbaugebiets Château Latour, des Fußballclubs Stade Rennes und des Théâtre Marigny in Paris und Gründer des Luxusimperiums Kering (Gucci, Yves Saint Laurent, Puma). Pinault wurde 1936 als Sohn eines Holzhändlers im bretonischen Les Champs-Géraux geboren, schloss die Schule nicht ab, besuchte nie eine Universität. Heute wird sein Vermögen auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Seine Kunstsammlung, die aus 5.000 Werken besteht, soll einen Wert von 1,4 Milliarden Euro haben. François Pinault: der Privatsammler, der Champion, ein Supermann der Kunst, der gallische Citizen Kane, ein Guggenheim des 21. Jahrhunderts. 2007 wählte ihn das Branchenblatt Art Review auf Platz eins der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt. Pinault ist der eine große neben dem anderen großen französischen Investor und Kunstsammler Bernard Arnault, Inhaber des Luxuskonzerns LVHM (Louis Vuitton, Moët & Chandon, Hennessy). Interviewzeit mit Pinault, das ist in etwa so, als hätte man in Hollywood einen Termin mit Steven Spielberg oder in der Politik eine Privataudienz bei Hillary Clinton.

Aber vielleicht hinkt der Vergleich auch. Viel schicker und in der Welt des internationalen Jetsets begehrter als jede Hollywood-Party sind die Empfänge, die der Mäzen in seinen Privatmuseen gibt, etwa zur Eröffnung des vom japanischen Architekten Tadao Ando für 25 Millionen Euro renovierten ehemaligen Zollgebäudes Punta della Dogana in Venedig im Juni 2009 oder zur Eröffnung der zweiten Ausstellung im Palazzo Grassi im Juni 2007. Es kamen: Hollywood-Stars, Sammlerkollegen (Peter Brant), Galeristen und Kunsthändler (Larry Gagosian), die Unternehmer-Aristokratie des vergangenen Jahrhunderts (Evelyn de Rothschild), Designer (Miuccia Prada, Azzedine Alaïa, Stefano Pilati), Models (Naomi Campbell, Stephanie Seymour) und Pinaults guter Freund, der Schriftsteller und Philosoph Bernard-Henri Lévy. Wenn Pinault in diesen Monaten die ehemalige Getreidebörse Bourse de Commerce, einen Kuppelbau aus dem 19. Jahrhundert, im Zentrum von Paris zwischen Louvre und Centre Pompidou gelegen, für rund 100 Millionen Euro renovieren und zu seinem Privatmuseum umbauen lässt, dann kann er sich der Unterstützung durch die französische Politik, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und den Präsidenten François Hollande sicher sein.

Das Interview mit Pinault kam auf Initiative des Museums Folkwang in Essen zustande. Das traditionsreiche, von David Chipperfield entworfene, neu erbaute und 2010 wiedereröffnete Haus zeigt von dieser Woche an die erste große Ausstellung von Leihgaben aus der Collection Pinault auf deutschem Boden unter dem Titel Dancing With Myself. Selbstporträt und Selbsterfindung (bis zum 15. Januar 2017). Die Ausstellung ist, anders als vielleicht zu vermuten wäre, kein Best-of, also keine Feier der Hauptwerke der Sammlung Pinault, auch keine standardisierte Präsentation von Neuankäufen nach dem Motto "Frisch eingetroffen", sondern eine stringente, auf hohem Niveau kuratierte Show der zeitgenössischen Kunst, die sich mit dem Thema Körper, seinen sozialen, politischen und sexuellen Identitäten, befasst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Mit bekannten Namen wie Maurizio Cattelan, Steve McQueen, Gilbert & George, Bruce Nauman, Urs Fisher, Cindy Sherman und Martin Kippenberger und einigen bewährten Hipstern der Kunstszene, die in Deutschland bisher noch nie oder nur selten ausgestellt wurden (Adel Abdessemed, Hito Steyerl, Lili Reynaud-Dewar), hat die Show die Aura von einem beinahe garantierten Publikumshit: In einem medialen Cross-over, einem Ritt durch die Kunstgeschichte der letzten fünfzig Jahre durch alle Sparten (große Formate der Malerei, Skulptur, Video, Fotografie), ergibt sich auch manch überraschendes Zusammenspiel (etwa wenn die Fotos der amerikanischen Sozialaktivistin LaToya Ruby Frazier neben denen von Nan Goldin hängen). Natürlich, ein Mäzen wie Pinault operiert als Kunstsammler auf einem viel zu hohen Niveau, um sich in Essen etwas anderes als eine sehr, sehr professionell kuratierte und grandios sehenswerte Ausstellung zu leisten.

Vor dem Interview hat das Büro Pinault darum gebeten – bei Hollywood-Stars, Staatspräsidenten und milliardenschweren Kunstsammlern durchaus üblich –, die Fragen vorab schriftlich vorzulegen. Interessant ist, dass Pinaults Büro etwa fünf Stunden vor der vereinbarten Interviewzeit in Paris (der Interviewer befindet sich da gerade im Flugzeug) per E-Mail die schriftliche Beantwortung der dreißig eingereichten Fragen verschickt. Irritation beim Interviewer: Welche Fragen soll man beim Treffen mit dem Sammler denn noch besprechen, wenn alle Fragen schon vorab schriftlich beantwortet sind? Antwort aus Paris: Das sei die übliche Praxis bei Interviews mit Monsieur Pinault. Man sei dann mit der eigentlichen Arbeit schon durch und könne das Treffen in seinem Büro für ein entspanntes Kennenlernen nutzen.