Soziale Beziehungen sind eine ganz besondere Ressource. Sie geben uns nicht nur Halt, sondern können auch dazu beitragen, genau das Leben zu leben, das wir uns wünschen. Mit dem Wert eines Freundeskreises beschäftigt sich die sogenannte Netzwerktheorie schon lange. Die Ergebnisse der Vermächtnisstudie schließen sich an diese Forschung an und zeigen: Je vielfältiger ein Freundeskreis ist – also je mehr Freunde unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Schichtzugehörigkeit, sexueller Orientierung und Nationalitäten darin vertreten sind –, desto nachhaltiger empfiehlt man nachfolgenden Generationen, dem eigenen Beispiel zu folgen.

Das Design der Vermächtnisstudie erlaubt es uns, zu unterscheiden zwischen dem, was die Menschen über ihr Leben heute sagen, und dem, was sie kommenden Generationen empfehlen: ihren normativen Vorstellungen. "Die Ergebnisse belegen, dass Menschen mit einem vielfältigen Netzwerk viel häufiger als andere Menschen ihre persönlichen Lebenseinstellungen auch kommenden Generationen empfehlen würden." Menschen mit vielfältigem Freundeskreis erscheinen zufriedener mit ihrem Leben.

Nehmen wir das Thema Innovationsbereitschaft im persönlichen Bereich: "Ist es Ihnen wichtig, etwas ganz Neues zu beginnen?" Von den über 3.000 Befragten stimmen 48 Prozent mit Nachdruck zu. Betrachtet man nur Menschen mit vielfältigem Freundeskreis, so sind es 54 Prozent, bei Menschen mit einem homogenen Freundeskreis dagegen nur 40 Prozent. Dieses Ergebnis kann auf zwei Arten gelesen werden. Entweder ermöglicht es ein vielfältiger Freundeskreis, nach den eigenen Vorstellungen zu leben, oder er schafft eine größere Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, das deswegen auch nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Einmütig ist hingegen die Empfehlung an nachfolgende Generationen, in ihrem Leben Mut für Neues aufzubringen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Dies zeigt zunächst: Ein vielfältiger Freundeskreis gibt Halt und damit Mut für Neues. Die zweite Frage, unsere normative Dimension: "Sollte es wichtig sein, etwas Neues zu beginnen?" Menschen mit vielfältigem Freundeskreis bleiben bei ihrem "Ja". Wieder sind es 54 Prozent. Nun aber stimmen Menschen ohne vielfältige Freunde auch zu. Sie ändern ihre Meinung. Man erkennt: Auch Menschen ohne vielfältigen Freundeskreis würden ganz gerne den Mut für Neues aufbringen, schaffen es aber nicht.

Wie uns Freundeskreise stärken

Etwas ganz Neues beginnen

Quelle: Vermächtnisstudie, 3.104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Wir haben auch nach den künftigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gefragt: Werden die Menschen überhaupt die Möglichkeiten haben, Neues zu beginnen? Viele Menschen sind sich unsicher. Unterscheidet man zwischen Menschen mit vielfältigem und jenen mit einem eher homogenen Freundeskreis, sieht man, dass Menschen mit vielfältigem Freundeskreis viel eher davon ausgehen, dass sich die tatsächliche Zukunft im Sinne des eigenen Vermächtnisses entwickeln wird. Hier zeigt sich ein durchgehendes Muster der gesamten Studie. Wenn man viele und unterschiedliche Menschen und deren Lebenswelten kennt, kann man sich die Zukunft besser vorstellen, sie ist offenbar weniger fremd.

Beziehungen zu anderen Menschen

Quelle: Vermächtnisstudie, 3.104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Was bedeutet dies nun für ein Land wie Deutschland und für jene, die es regieren? Ein Auftrag, besonders an die Kommunalpolitiker, läge darin, durch soziale Vielfalt in den Stadtquartieren für eine Vielfalt persönlicher Netzwerke zu sorgen – und einer Abschottung vorzubeugen. Gerade in einer stark alternden Gesellschaft, die sich dazu noch der Herausforderung eines Einwandererlandes zu stellen hat, wäre eine solche Entwicklung eine Win-win-Situation: Einerseits tragen vielfältige Netzwerke zur Integration von Einwanderern und Senioren bei, und andererseits stellen sie für die Mitglieder der Netzwerke eine Ressource dar, die es ihnen offenbar wie keine andere ermöglicht, den eigenen normativen Vorstellungen zu entsprechen, mehr noch: ihre eigenen Vorstellungen vom Leben zukünftigen Generationen zu vermachen.