Geisteswissenschaftler gelten als verkopft und verzagt. Stimmt das wirklich? Anna-Lena Scholz besuchte drei Kongresse und brachte zehn Antworten mit.

Deutscher Historikertag Universität Hamburg

1. Die Beunruhigten wollen beunruhigen

"Haben Sie Fragen?", steht in Türkis auf den T-Shirts der studentischen Hilfskräfte. Sie bewachen den Eingang zu diesem Hörsaal an der Universität Hamburg. Als wolle die Geschichtswissenschaft beim Historikertag, dem größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas, klarstellen: Mitmachen darf nur, wer neugierig ist! Wer die Tür passiert, kann dem Göttinger Sozialgeschichtler Ravi Ahuja über den Demokratisierungsprozess Indiens zuhören. Er schließt mit dem Satz: "Ich möchte beunruhigen."

Der Satz ist verheißungsvoll. Zu lange waren die Historiker selbst die Beunruhigten. Die Welt wurde größer, die deutsche Geschichtswissenschaft immer kleiner. Der Orientierungssinn strauchelte, weil der weiße Westen nicht mehr das Maß aller Dinge war. Jetzt aber gerät das Denken wieder in Bewegung. Indien ist das Partnerland des Kongresses, als erstes Land außerhalb Europas und Nordamerikas. "Für mich ein völlig neues Feld", sagen viele.

Auch mit dem Tagungsthema holt man sich die Beunruhigung über die eigene Identität gewollt ins eigene Haus: "Glaubensfragen"; sie sind Selbstbefragungen: Was glauben wir eigentlich, wer wir sind?

2. Die Zeit der alten Männer ist vorbei

"Die Geschichtswissenschaft ist keine Veranstaltung der alten Männer mehr", sagt die Mittelalterhistorikern Hedwig Röckelein (Göttingen). Stimmt das? Hängt davon ab, durch welche Tür man geht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Hörsaal M, graue Anzüge, beige Studienratswesten, lichte Scheitel, weiße Haut. Die Luft steht, das Fernsehen ist da. Thema: "Hitler. Eine historische Vergewisserung". Ulrich Herbert (Freiburg) zückt sein iPhone und liest die Titel neuer Bücher vor: Hitler privat, Hitler als Philosoph, Hipster Hitler. Erheiterung. Männerzirkel, auf und hinter der Bühne, gibt es in den Geisteswissenschaften immer noch zuhauf. Sie tummeln sich da, wo sich symbolisches Kapital angehäuft hat (Hitler-Forschung), und sie sind in ihrer Forschung und Lehre geneigt, zu vergessen, dass seit Anbeginn der Zeiten auch Frauen Weltgestalter sind. Das hat Tradition. Die Geschichtswissenschaft ist die einzige Disziplin, die vollkommen unironisch von sich selbst als "Zunft" spricht. Man weiß was, man kann was – und verwaltet das schon Gewusste.

Hörsaal G, hier tagt die Zukunft: Die Jungen, die Frauen, die Anderen ziehen mit der Public History ein neues Forschungsfeld auf und twittern ihre Unlust an den Verkrustungen des Faches in die Welt hinaus.

3. Detailwissen ist okay

3.800 Historikerinnen und Historiker, 400 Veranstaltungen, Tausende Liter Kaffee, vibrierende Flure. Natürlich ist das alles too much. Zu viele Personen, Themen, Methoden, Theorien. Hinter jedem Hörsaal eine Welt. Feministische Lyrik der indischen Anti-Kasten-Bewegung trifft auf jüdische Religionslehrbücher des 19. Jahrhunderts. Überblick zwecklos, Stimmung gut.

Die Geisteswissenschaften, zeigt sich hier, haben sich verwickelt. Erst zogen sie jahrzehntelang gut gelaunt in alle Nebenfächer aus; plötzlich konnte man nicht mehr einfach "Geschichte" studieren, dafür Gender-, Verfassungs- oder Vergleichende Kulturgeschichte. Diese "Dissoziierung" tut der Geschichtswissenschaft besonders weh, denn Zuspruch von der Öffentlichkeit gibt es meistens nur für dicke Bücher im Welterklärerton: der Erste Weltkrieg, die Reformation, der lange Weg nach Westen.

Die großen Fragen werden in Hamburg durchaus diskutiert: Populismus in Europa, die Aushöhlung der Demokratie, die Geschichte der Migration und die Zukunft der Integration. Das große weltgeschichtliche Ganze immer noch zur Norm der intellektuellen Erkundung zu machen ist unnötig. Man kann das interdisziplinäre Knäuel nicht zurückwickeln. Die Geschichtswissenschaft, sagt Martin Schulze Wessel (München), "schult das Denken in Alternativen". Ohne spezialisiertes Detailwissen geht das nicht.

Deutscher Germanistentag Universität Bayreuth

4. Verzagtheit nervt

An einem Sonntagabend verkrümelt sich die germanistische Fachcommunity – knapp 800 Leute sind angereist, bei den Historikern waren es fünfmal so viele – auf den Campus der Universität Bayreuth und schaut sich beim Zweifeln zu. Auch der Hörbuchsprecher Christian Brückner ist da; der Mann mit dem Reibeisen im Hals soll über die Bedeutung der "Stimme des Erzählers" reden. Brückner schiebt sich ein Törtchen in den Rachen und sagt: "Das Selbstmitleidige hier überrascht mich."

Die Verzagtheit ist zum Verzweifeln. Die Germanistik ist mit 90.000 Studierenden eines der größten Fächer an deutschen Universitäten. Die Germanisten sind neugierig, forschen über Film, Comic, Computerspiel. Ihre linguistische Expertise – Mehrsprachigkeit! Deutsch als Fremdsprache! – macht sie wirklich relevant. Jedenfalls theoretisch.

Praktisch bekommt man davon nicht viel mit. Man forscht und murmelt so vor sich hin. Eine in Gesellschaft und Wissenschaftspolitik hörbare Stimme wird man so nicht. Martin Huber vom Germanistenverband irritiert dieser Vorwurf. "Soll ausgerechnet der Vorsitzende des Deutschen Germanistenverbandes eine große Stimme sein, die unser partikulares Fachwissen übersteigt?" Nun ja – warum eigentlich nicht?

5. Nichtbeachtung erzeugt Nichtbeachtung

Über den Historikertag gab es Medienberichte in dreistelliger Zahl. Beim Germanistentag gibt es keine Fernsehkabel, über die man stolpert, keine Kollegin, die einem in der Pressekonferenz die Frage vorwegnimmt. "Der Historikertag wird automatisch besucht, der Germanistentag wird automatisch nicht besucht", sagt Huber.

Ausgerechnet das Fach, das über die Macht der Sprache forscht, traut der Macht ihrer eigenen Worte wenig zu: Die Pressearbeit des Verbands ist schüchtern; der Germanistentag selbst, der nur alle drei Jahre stattfindet und sich zum sinnstiftenden Event hochjazzen ließe, findet in den sozialen Medien – hallo, Germanisten, da entstehen heute Identitäten! – nicht statt. Eine Facebook-Seite existiere, sagt Huber, gibt aber zu: "Wir tun uns nicht leicht, das zu produzieren, was Sie erwarten." Leider ist das eine Fehleinschätzung. Die Öffentlichkeit erwartet von der Germanistik schon lange nichts mehr, weil die Germanistik denkt, von der Öffentlichkeit nichts erwarten zu können.