Nehme ich es genau, sind Kirchen die ersten mehr oder minder großen, fremden Wohnungen gewesen, die ich in meinem Leben besucht habe. So jedenfalls wurden sie mir seit Kindestagen erklärt: Es handle sich um Wohnungen Gottes, in denen er die Menschen (bei sich zu Hause) zu einem kurzen Besuch oder zu längeren Aufenthalten empfange. Dabei handelte es sich aber nicht um Wohnungen gewöhnlicher Art, wie ich sie bei Freunden meiner Eltern oder bei Nachbarn kennenlernte. Es waren vielmehr Behausungen, die in einem geradezu verschwenderischen Maß geplant und organisiert waren.

Man betrat sie meist nicht durch eine einfache Haustür, sondern durch ein Tor, und stand dann oft in einer dunklen Vorhalle, in der einige Kerzen vor einem Marienbild brannten. Die Vorhalle war durch ein hohes Gitter vom Hauptschiff getrennt und machte als Empfangsraum bereits einen so starken Eindruck auf mich, dass ich meine Mütze von allein auszog und all meine Gedanken auf den vor mir liegenden Raum konzentrierte.

Mit anderen Überlegungen oder Fantasien, die mir draußen durch den Kopf gegangen waren, war es nun vorbei. Das Betreten einer Kirche machte mich nicht nur stumm, sondern verdrängte das Sammelsurium, das ich im Kopf hatte, auf einen Schlag. Ich war nicht in irgendeine Wohnung oder eine Hütte oder ein Zelt eingetreten, in das man sein voriges Leben mit hineinnahm, sondern ich stand von einer Minute auf die andere in einer anderen Welt.

Wie diese Welt beschaffen war, konnte ich schon dadurch begreifen, dass in ihr nicht mehr laut gesprochen, sondern höchstens geflüstert wurde. Lautes, aber auch leiseres Lachen oder gar Kichern gab es in ihr überhaupt nicht. Die andere Welt war vielmehr die Welt eines einzigen, jede Bewegung bestimmenden Ernstes. Hier, in einer Kirche, ging es nämlich nicht mehr darum, ob man zu Mittag Blumen- oder Rosenkohl essen oder später mit der Straßenbahn oder dem Bus fahren würde, nein, hier ging es um die Lebensfragen schlechthin: Gut oder Böse? Gott oder der Satan? Ewiges Leben oder Verdammnis?

Das Gewicht und die Schwierigkeit dieser Fragen waren es also, die mich kleinlaut oder stumm machten. Selbst die Nähe von Vater oder Mutter half nicht weiter und machte nicht wie sonst in schwer zu meisternden Lebenssituationen etwas Mut. Die Eltern standen vielmehr vor demselben Problem, vor dem auch ich stand. Jeder musste sich, ganz auf sich allein gestellt, vor Gott bewähren, denn Gott schaute auf jeden Einzelnen und nahm sich seiner so an, dass er ihn nicht mehr aus dem Blick ließ.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Unablässig angeschaut, nicht mehr aus dem Blick gelassen und damit durch die gesamte Kirche mit Blicken verfolgt zu werden – das war nichts Leichtes, sondern gehörte zum Schwierigsten überhaupt. Man bewältigte einen so anspruchsvollen Parcours nur dann, wenn man wusste, wie man sich in einer Kirche zu benehmen hatte. Kirchen waren nicht irgendwelche Rumpelkammern, in denen man ein paar Siebensachen verstaute. Und Kirchen ähnelten auch nicht Privatwohnungen, in denen die einzelnen Zimmer mehr oder minder aufgeräumt waren und man über etwas stolpern konnte, das an dem jeweiligen Ort gar nichts zu suchen hatte.

Stattdessen waren Kirchen die aufgeräumtesten Wohnungen überhaupt und darüber hinaus Wohnungen, in denen jedes einzelne Detail, jeder Gegenstand, jeder Raumausschnitt etwas zu bedeuten hatte. Nichts war hier noch zufällig oder beliebig, alles war durchdacht und hatte einen oft auch verborgenen Sinn, den man entweder kennen oder durch Nachdenken erschließen musste. Was tat man zum Beispiel, wenn man die Vorhalle glücklich betreten und weiter durch eine Tür im hohen Gitter ins Hauptschiff wollte? Man ging vorsichtig und langsam, die Mütze in der Hand, hindurch und näherte sich dem Weihwasserbecken ganz rechts am großen ersten Pfeiler im Hauptschiff. Dann streckte man Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand aus und führte sie (wieder: vorsichtig und laaang-saam) in das geweihte Wasser. Das geschah nicht zu tief, sondern so, dass man das Wasser höchstens streifte und die beiden Finger damit benetzte. Danach führte man sie zunächst an die Stirn und machte dann mit ihnen das Kreuzzeichen, indem man sie gegen die Brust und die Schultern rechts und links führte.Nicht zu schnell das alles, laaang-saam (in einem Gotteshaus gingen auch die Uhren anders, sie tickten nicht, sondern standen still)! Und danach nicht gleich weitergegangen oder gar forsch durch das Hauptschiff, nein, jetzt ging es darum, sich andächtig zu zeigen. Die Andacht bestand in einem längeren Verweilen, still, auf der Stelle. Ich konnte dazu auch eine Bank aufsuchen und mich niederknien (auf keinen Fall hätte ich mich jedoch sofort auf die Bank setzen dürfen, als wäre ich zu matt oder zu lustlos, den Parcours fortzusetzen). Hätte ich eine Bank aufgesucht und niedergekniet, hätte das die Andacht um einige Minuten verlängert, denn schließlich kniete man sich nicht in eine Bank, um sie nach kurzem Niederknien rasch wieder zu verlassen.

Kein gewöhnliches Gehen und Sichumschauen

Andächtig zu werden bedeutete: sich in ein Gebet zu vertiefen. Im Stehen dauerte das nicht allzu lange, im Niederknien brauchte es etwas mehr Zeit. Ich kniete also nicht nieder, sondern betete im Stehen, während zum Beispiel meine Mutter immer niederkniete und dann sogar viele Minuten so verharrte. Nur mein Vater benahm sich (wieder einmal) anders als die meisten Gläubigen, die eine Kirche betraten. Er blieb nämlich weder betend stehen, noch kniete er in einer Bank nieder, sondern betrachtete nur einen Moment den Hut, den er in der rechten Hand hielt. Was war denn mit diesem Hut? Nichts, es erschien ihm anscheinend nur merkwürdig, dass er ihn in der Vorhalle ausgezogen hatte und nun in der Hand hielt. War mit dem Hut alles in Ordnung? War er auch sauber?

Oft machte mein Vater eine kurze Bügelbewegung mit der rechten Hand über eine Hutkante, als stimmte etwas nicht. Diese Bewegung ersetzte im Ablauf seiner sehr besonderen Rituale das Gebet. Vater betete nach Betreten einer Kirche nicht richtig, sondern bügelte stattdessen kurz seinen Hut und brachte ihn damit wieder in Form. Das alles dauerte nicht länger als etwa zwanzig Sekunden, dann ging er weiter, durch das Hauptschiff, auf den Altar im Chor zu.

Bis heute habe ich unzählig viele Gotteshäuser besucht. An der Art und Weise, wie ich sie besucht, studiert und meinen Gang zum Abschluss gebracht habe, hat sich nicht das Geringste geändert. Längst habe ich begriffen, dass es sich dabei nicht nur um einen Kirchenbesuch handelt, sondern dass diese besonderen Aufenthalte und Rundgänge eine Urerfahrung meines Lebens sind. Diese Erfahrung habe ich auf viele andere Lebensprozesse übertragen, zunächst ohne es zu wissen, später mit wachsendem Erstaunen.

Der Gang durch ein Gotteshaus ist nämlich kein gewöhnliches Gehen und Sichumschauen. Ich eigne mir dabei ein Gebäude an, das bis in jedes Detail auf ein Zentrum hin ausgerichtet ist. Die einzelnen Glieder des Baus und seine gesamte Ausstattung beziehen sich aufeinander und ergeben eine dichte Erzählung, die ein Besucher zu lesen verstehen sollte. Die Einzelheiten studieren, sie mit anderen verbinden, ein Ganzes herstellen – das sind die meist schwierigen Aufgaben, mit denen es der Besucher zu tun bekommt. Mit dem Eintritt in eine Kirche löst er die Verbindung zu seinem Alltag, in dem die Dinge ihm in beliebiger Folge und meist ohne Bezug zueinander begegnen. Er braucht sie nicht "zu verstehen" oder "zu deuten", sie sind ihm durch seine Alltagserfahrung bekannt.

In einer Kirche aber ist das ganz anders. Sie präsentiert keine Säulen, Figuren oder Altäre, mit denen einen von vornherein etwas verbindet. Vielmehr befindet man sich in einer anderen Welt, die von den ernsten Dingen des Lebens (Tod, Auferstehung, Leben im Jenseits) handelt. Man begreift das gesamte Kircheninnere nur, indem man es durchschreitet und auslegt. Auf diese Weise wird man ein Teil des großen christlichen Kosmos, von dem die biblischen Texte erzählen und den sie zusammenhalten. Das Gebet am Schluss des Weges soll besiegeln, dass man den Gang zufriedenstellend absolviert hat. Man hat ein Puzzle zusammengefügt, die Architektur des Baus hat die Architektur eines Gangs bestimmt und im Denken und Erleben eine dritte Architektur hinterlassen: die einer kosmisch geordneten Welt.

Genau diese Form einer architektonischen, spirituellen Erfahrung habe ich später, ohne es zu ahnen, auf andere Erkenntnisprozesse übertragen. So habe ich Texte und Bücher gelesen, indem ich versucht habe, ihre "Architektur" und damit den Zusammenhang ihrer einzelnen Momente zu ergründen. Und so habe ich selbst Texte und Bücher geschrieben, denen ich eine innere Architektur verlieh.

Anscheinend habe ich Lesen und Schreiben als einen Gedankengang von der Art der Kirchgänge verstanden. Einen Text vorsichtig betreten, die Mütze ablegen, kurz innehalten – so beginnen die Parallelen. Dann den Text Zeile für Zeile ergründen, sich umschauen nach Bezügen, die Bezüge benennen, die Details ergründen und deuten und endlich (vor dem Zentrum) zu einem Abschluss kommen – so setzen sich die Parallelen fort. In der Kirche habe ich mich als "umsichtiger" Diener Gottes zu bewähren. Lesend und schreibend bin ich ein umsichtiger Diener des Textes und seiner Schrift.

Solche Parallelen spielen aber nicht nur im Blick auf Texte und ihre Deutungen eine Rolle. Sie sind auch in meinem täglichen Leben erkennbar. So werde ich unruhig, wenn ein Tag "keine Ordnung" hat. So ärgert es mich, längere Zeit einem rigiden (und damit nicht Bedeutung vermittelnden) Alltag ausgesetzt zu sein. So bestelle ich selbst eine einfache Mahlzeit (mit Suppe, Hauptgang und Dessert), als käme es darauf an, ihr eine "Architektur" zu verleihen.

Spirituelle Erfahrungen sind Erfahrungen einer anderen, zweiten, hochgradig konstruierten und mit Bedeutung durchtränkten Welt. Als Kind habe ich sie in den Gotteshäusern kennengelernt und war von ihnen danach so fasziniert, dass ich sie immer wieder gesucht habe. Alles und jedes sollte eine "Bedeutung" haben, selbst der Alltag sollte davon erstrahlen. So dachte ich (vor allem während einer bestimmten Zeit meines Studiums) darüber. Selbst "die Liebe" war in diesen Studienjahren nur interessant, wenn ich in ihr eine Architektur wittern und erkennen konnte.

So spürte ich als junger Mann den geheimen Zusammenhängen und Hintergründen des Lebens nach. Ich fühlte mich wie ein Nachfahre des jüdischen Schriftstellers Walter Benjamin, der zu einem Vorbild durch seine unablässige Suche nach den spirituellen Zentren von Texten, Städten und Leben geworden war. Die Welt ergründen, ihrem Schein nicht erliegen – das verlangte ich von meinen Lehrern. Der große französische Zeichendeuter und Schriftsteller Roland Barthes löste Walter Benjamin in der Reihe meiner Lehrer ab. Ich ging bei ihm in die Schule, um noch tiefere Schwingungen hinter den alltäglichen Dingen wahrzunehmen.

Inzwischen hat sich diese fast hysterische Spurensuche und der Wille, alles in einen Kosmos (einen Zusammenhang, ein System) zu zwingen, beruhigt. Sie ist aber keineswegs verschwunden, sondern nur gelassener geworden. Ich schreibe und baue an der "Kirche meines Lebens". Sie steht in Köln (nahe St. Ursula) und hat eine Innenausstattung, die sich an italienische Kirchen der Renaissance und des Barock anlehnt. Statt eines großen Geläuts hat sie nur eine einzige Glocke. Es ist die Glocke der Dorfkirche meiner elterlichen, westerwäldischen Heimat.

Hanns-Josef Ortheils neues Buch "Was ich liebe und was nicht" erscheint am 24. Oktober im Luchterhand Verlag (363 Seiten, 23 Euro).