"Weder Waffenstillstand noch Verhandlungen milderten das Ringen der Armeen. Die Verwundeten krepierten zwischen den feindlichen Linien, die Toten düngten die Äcker (...). Man gab sich jede Mühe, um ganze Nationen durch Hunger zur Unterwerfung zu zwingen, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht." So bilanziert der vormalige britische Kriegsminister Winston Churchill den Ersten Weltkrieg, und er fährt in seinem Schreckensbericht fort: "Städte und Kulturdenkmale wurden von Artillerie zusammengeschossen. Bomben wurden wahllos abgeworfen. Giftgas der verschiedensten Arten erstickte oder verbrannte die Soldaten, flüssiges Feuer vernichtete ihre Körper (...). Die Größe der Heere war nur durch die Bevölkerungszahl ihrer Länder begrenzt. Europa und große Teile Asiens und Afrikas verwandelten sich in ein einziges wüstes Schlachtfeld, auf dem nach Jahren des Kampfes nicht Armeen, sondern Nationen zusammenbrachen."

Churchills Bilanz, fünf Jahre nach dem Ende des "Großen Krieges" 1923 publiziert, liest sich im Rückblick bereits wie ein Ausblick auf die nächste Katastrophe, den Zweiten Weltkrieg. Wer die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet, kann dem Sog von Gewalt und Zerstörung kaum entgehen. In ihm lösten sich die klassischen Kategorien begrenzter Staatenkriege immer mehr auf, wurde die im Zeichen von Luftkrieg und Holocaust zuletzt völlig entgrenzte Gewalt gegen Zivilisten zur Norm der Kriegführung.

So gab der Erste Weltkrieg eine konkrete Ahnung von den Möglichkeiten künftiger Gewalt, die das 20. Jahrhundert begleiten sollte – und auch die zweite Hälfte dieses "Jahrhunderts der Extreme" (Eric Hobsbawm) stand und steht bis heute vielfach in diesem Schatten. Nach 1945 brauchten die europäischen Gesellschaften Jahrzehnte, um die Wunden der ersten Jahrhunderthälfte zu heilen. Die Kämpfe um die Anerkennung der Opfer, die Erinnerungskulturen, die zahllosen Gedächtnisorte für die Zerstörungswellen und Zerfallsgeschichten sind in Europa gegenwärtig geblieben. Jeder aufmerksame Gang durch eine Stadt wie Berlin, Rotterdam oder Warschau zeugt davon. Will man das Friedensprojekt der europäischen Integration nach 1945 verstehen, dann muss man der Explosion von Gewaltenergien, der Erschöpfung und der Dialektik von Zerstörung und neuer Ordnung nachgehen.

Der britische Historiker Ian Kershaw, hervorgetreten mit wegweisenden Arbeiten über den Nationalsozialismus und einer zweibändigen Biografie Adolf Hitlers, legt nun den ersten von zwei Bänden vor, die das europäische Jahrhundert der Katastrophen und der Wiederkehr Europas nach 1945 vermessen. To Hell and Back lautet der englische Originaltitel und deutet damit den Grundton der Erzählung an.

Kershaws Koordinatensystem, gleichsam das Gitternetz seiner Erzählung, umfasst drei Dimensionen: Zeitverläufe, konkrete Erfahrungsräume und strukturierende Leitmotive. Das Buch geht chronologisch vor, in zehn Kapiteln von der Phase Europas Am Abgrund vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Aufstieg aus der Asche in den Jahren nach 1945.

In diese Kapitel bindet es die Vielfalt – wenn man so will: die Eigenzeitlichkeit – der europäischen Gesellschaften ein, aber auch immer wieder der unmittelbaren Zeitgenossen der Geschichte, als Akteure, Täter, Opfer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Zeit und Raum schließlich werden überwölbt durch vier übergreifende Themen, in denen Kershaw die Triebkräfte hinter der einzigartigen Krise Europas erkennt: erstens die explosionsartige Ausweitung des ethnisch-rassistischen Nationalismus, der nach dem Untergang der kontinentaleuropäischen Imperien des Zarenreichs, der Habsburgermonarchie und des Osmanischen Reichs am Ende des Ersten Weltkriegs die Vorstellung nährte, ethnisch homogene Nationalstaaten und rassisch "reine" Gemeinschaften seien die Antwort auf die Umbrüche seit 1914. Zweitens, und auch dies ist eine direkte Erbschaft aus dem Ersten Weltkrieg und dem überforderten Frieden von 1919: die vielfachen territorialen Revisionsforderungen, die sich mit imperialen Raumfantasien und Expansionsgelüsten verbanden. Drittens ein zugespitzter Klassenkonflikt, der mit der Oktoberrevolution der Bolschewiki und ihrem neuen, universalistischen Ordnungsmodell eine erhebliche Dynamik entfachte und über das Feindbild des Antibolschewismus eine entscheidende Triebfeder für die ideologische Polarisierung nach 1918 enthielt. Und viertens eine lang andauernde Krise des Kapitalismus, die im Zeichen von Schuldenkrise und deflationärer Austeritätspolitik seit dem Ende der 1920er Jahre immer mehr Menschen in existenzielle Not brachte.

Das Ergebnis ist eine souveräne Darstellung, die jedem Leser beweist, dass Analyse und Erzählung dieser so verdichteten Jahrzehnte einem einzelnen Historiker heute noch immer möglich sind.

Dabei profitiert Kershaw erkennbar von den Jahrzehnten internationaler Forschung. Seine Leistung ist vor allem, niemals den Überblick zu verlieren, Prioritäten zu setzen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, zu erklären und nicht in der dichten Beschreibung zu verharren. Die Meisterschaft seiner Erzählung liegt in der gelungenen Balance zwischen dem erhellenden Detail und dem roten Faden der Argumentation und dem darauf beruhenden, abwägend-sicheren Urteil. Das Buch liest sich wie eine mal definitive, an anderen Stellen vielleicht vorläufige Bilanz der Debatten und Kontroversen, in denen die Generationenarbeit von Historikern steckt.

So kommt er zu dem abgewogenen Schluss, dass der Erste Weltkrieg bei allen Belastungen der Vorkriegszeit nicht unabwendbar gewesen sei. Den Versuchen, die deutsche Verantwortung für den Ausgang der Julikrise 1914 im Zeichen schlafwandelnder Politiker, Diplomaten und Politiker zu relativieren und so die Formel des Hineinschlitterns aus den 1930er Jahren wiederzubeleben, hält er entgegen, dass die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges auch in London, Paris und zumal in Wien und Petersburg lag.