Liebe Olivia Weiß,

wie oft habe ich mir in diesen 20 Jahren vorgestellt, wie Ihre Hände nach dem Papier fassen, das ich an Sie richte, der Druck Ihres Daumens würde Wogen in meine Buchstaben schlagen – doch haben die Jahre das Papier verschwinden lassen, und wir beide blicken nun in einen Monitor.

Ich darf doch annehmen, dass Sie sich erinnern, wo wir einander zuletzt trafen? Oder haben Sie all unsere Mittwochnachmittage vergessen? Haben Sie vergessen, wie wir Mittwoch für Mittwoch unsere Sonatinen und Fantasien in die staubige Strenge einer Dachkammer schlugen, unterbrochen nur von den Klagen und Mahnungen des Klavierlehrers? Viel zu selten Vierhändiges! In diesen Jahren habe ich Ihre Hände studiert.

Lachen Sie ruhig, lachen Sie über die Verliebtheit, die mir vielleicht vor 20 Jahren gut zu Gesicht stand, heute aber der Lächerlichkeit gefährlich nahesteht. Oder ist gar eine bürgerliche Bescheidenheit in Ihr Leben gesickert, die solcherlei Verliebtheiten, die sich gar nach der Mutter zweier Kinder strecken, empört zurückweist? Woher ich dies weiß, fragen Sie? Verzeihen Sie, aber dachten Sie, es wäre mir möglich gewesen, Sie zu vergessen? Schon in der Woche nach unserer unfreiwilligen Trennung – kein Wort über die Umstände! – suchte ich Sie im Haus Ihrer Eltern. Es war an einen Mann mit Schäferhund verkauft! Wussten Sie davon?

Darf ich Ihnen sagen, dass es mich nicht im Geringsten wunderte, zu lesen, dass Sie sich der Keramik zuwandten? Ein Mensch mit Ihren Händen, die so kräftig und so zärtlich sind! Nein, ich kenne Sie, auch wenn Sie mir nun so lange verschwunden waren.

Halten Sie mich nicht für nachlässig. Auch ich weiß, wie oft verliebte Worte in mörderischem Spaß angeboten werden. Ich aber biete Ihnen mein Herz in aller Aufrichtigkeit. Warum ließen Sie mich nur so lange warten? Jahrelang tippte ich Ihren Namen in die Suchmaschine, und bis zum gestrigen Tag zeigte mir Google nur eine unscharfe Person. Sie standen dort vor einer Tongrube. Blickten Sie hinein, oder holten Sie etwas heraus? War dies einer Ihrer gewaltigen Sarkophage, die ich auf Ihrer Homepage sah, der dort brannte, oder einer Ihrer tönernen Pferdeköpfe? Aber all das ist doch nur Fantasie, von der Sie mich, so darf ich doch hoffen, bald erlösen werden.

Erlauben Sie denn, dass ich Ihre Ausstellung besuche?

Ihr Constantin Göttfert