Es gibt Begriffe, die sich gut anhören, die man gerne verwendet, aber die bei näherer Betrachtung nichtssagend und wenig hilfreich sind. Kulturdiplomatie ist so ein Begriff. Damit ist gemeint: Museen, Theater und andere Kulturinstitutionen sollen neben ihren eigentlichen Aufgaben auch weiche politische Ziele verfolgen. Sie sollen Menschen dort erreichen, wo sie die Politik offensichtlich nicht mehr erreichen kann.

Das scheint auf den ersten Blick ein seltsam überspanntes Anliegen zu sein. Wegen eines Museums ist Gott sei Dank noch kein Krieg begonnen worden. Welchen Krieg aber haben die Museen je verhindern können? Wird die politische Bedeutung der Museen nicht hoffnungslos überschätzt?

Nein, gerade jetzt, in Zeiten wie diesen, wäre es grundverkehrt, die Direktoren und Kuratoren vorschnell aus der Verantwortung zu entlassen. Wer ein Museum, eine Sammlung leitet, darf nicht nur die konservatorischen Belange im Blick haben, sondern ebenso die moralischen und ethischen Werte.

Was passiert, wenn dies nicht geschieht, wissen wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Deutschland der späten Weimarer Republik schaute die Kulturwelt in großen Teilen stumm dabei zu, wie sich ein überzogener und blinder Nationalismus in den Nationalsozialismus verwandelte und die Kultur zu einem Instrument der Propaganda wurde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Nationalmuseen, Nationaltheater, Opernhäuser sind nicht unpolitisch. Wer dies glaubt, überlässt die Häuser ungeschützt dem politischen Einfluss. Es gehört zu ihren Aufgaben, die moralische und ethische Dimension ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit zu vertreten. Museen und Sammlungen haben etwas Widerständiges an sich, sonst hätten sie nicht unzählige Systemwechsel in Europa überlebt. Deshalb wundert es mich sehr, dass in Deutschland so gut wie niemand aus der Kultur und Kunst gegen den zunehmenden Nationalismus, den xenophobischen Hass aufsteht. In der sächsischen Kleinstadt Bautzen schikanieren Neonazis junge Emigranten, und was macht die Polizei? Sie stellt die Emigranten unter Hausarrest. Wo bleiben da die Mahner aus der Kultur? Weshalb meldet sich hier nicht Monika Grütters lautstark zu Wort? Hat man mit der Einrichtung einer Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien nicht eine kompetente Stimme des Bundes schaffen wollen, eine Stimme, die nicht nur fördert, sondern auch fordert, mahnt, interveniert?

Vielleicht träume ich auch nur von einem populären intellektuellen Schwergewicht und wünsche mir einen Edwin Redslob des 21. Jahrhunderts. Anstatt das Humboldt Forum in Berlin zum Schönefeld der Kultur werden zu lassen, könnte man mit den dort bisher weitgehend konzeptlos verbauten Betonmillionen überall in Deutschland Zentren für eine offene und demokratische Gesellschaft unterstützen – das wäre zugegeben etwas weniger im Sinne der Gebrüder Humboldt, dafür mehr im Sinne von Popper und Habermas. Anknüpfungspunkte für ein solches kritisch-politisches Denken gibt es in jeder Museumssammlung.

Hier geht es wirklich um Kulturdiplomatie, um ein Brückenbauen mit Kultur. Nur 50 Kilometer entfernt von Bautzen befindet sich übrigens eine der schönsten islamischen Sammlungen weltweit, sie ist der Stolz der Kulturmetropole Dresden – oder sollte es sein. In Dresden, das vor 70 Jahren aussah wie Aleppo heute, werden Sprengsätze gezündet, und Menschen klatschen Beifall vor brennenden Flüchtlingsheimen. Wir sind heute in unserer behaglichen Kulturnation offenbar wieder umgeben von Brandstiftern. Und was tut die Kultur? Sie schaut zu.

Die Kreativindustrien sind Business

Doch ist die Lage außerhalb Deutschlands nicht besser. Wer protestiert in Frankreich gegen die Zerstörung der französischen liberalen Grundwerte durch den Front National? Und wer wehrt sich gegen die Vorgänge in England?

Niemand kann bisher ernsthaft sagen, was der Brexit für die Kultur bedeuten wird. Es ist wie mit der Klimakatastrophe, etwas Bedrohliches ist plötzlich mitten unter uns, wir kennen nur nicht die Auswirkungen. Ukip kündigt nun eine europaweite Einflussnahme an – wenn das nicht bedrohlich ist.

Doch was tun die Museen, Theater, Opernhäuser? Sie machen weiter, als sei nichts geschehen. Museum ist Business, Kultur ist Business, die Kreativindustrien sind Business. Davon profitieren die Volkswirtschaften immens, das ist überall nachzulesen. Allein die Londoner Museen ziehen mehr als 30 Millionen Besucher jedes Jahr an, und damit sind nur direkte Gewinne ausgewiesen, von den indirekten Gewinnen ganz zu schweigen. Können wir darauf verzichten? Müssten nicht die Museen schon aus ökonomischen Gründen gegen den grassierenden Nationalismus in Europa aufbegehren?

Viele der Kulturprogramme bauen auf die Zusammenarbeit mit Spezialisten weltweit auf. Schon heute ist es fast unmöglich, konsequent zu planen, weil es immer schwerer wird, ein Visum zu erhalten. Wenn wir schließlich auch in Kern-Europa eine Visumspflicht einführen, wird die Abschottungspolitik zu erheblichen Verlusten führen. Ein Europa der Grenzen, der Zölle, der Kontrollen könnte das ertragreiche Business nahezu unmöglich machen.

Die Älteren unter uns erinnern sich daran, dass internationale Leihgaben und damit hochattraktive Spezialausstellungen erst nach dem Fall der Grenzen wirklich möglich wurden. Wenn die Politik durch neue Hürden und Grenzen auf diese Form der Bildung verzichten möchte, ist es bedauerlich. Aber ich frage mich, wie die Verantwortlichen den Geschäftsverlust im einträglichen Kunst-Kultur-Business und in den Creative Industries dann der Öffentlichkeit erklären wollen. Allein der Brexit kostet das Vereinigte Königreich im kommenden Jahr 65 Millionen Pfund nur an Verwaltungskosten. Ich würde darauf wetten, dass dieses Geld dem Kulturhaushalt entnommen wird. Vermutlich verbunden mit Lügen, wie man sie aus den Zeiten des Kalten Kriegs kennt, damals vor allem in kommunistischen Ländern.

Wie gesagt, in der Kultur lebt etwas Widerständiges, sonst hätten unsere europäischen Sammlungen nicht Jahrhunderte unter zum Teil schwersten Bedingungen überlebt – viele Menschen aber sind den Katastrophen zum Opfer gefallen. "Nationalismus bedeutet Krieg", sagte François Mitterrand in einer seiner letzten Reden, das kann dann auch die Kulturdiplomatie nicht verhindern. Wie großartig aber wäre es, wenn jeder, der in Europa verantwortlich ist für die Zeugnisse der Geschichte – in den Hochschulen, Archiven, Bibliotheken, Museen, Theatern, Opern –, aufstehen würde und ganz einfach erklärte, zu welchem kulturellen Selbstmord ein übersteigerter Nationalismus führt. Vor allem sollten sich jene zu Wort melden, die durch ihre Reputation, ihre Erfahrung – und ihre Macht in der Lage sind, den gesellschaftlichen Diskurs entscheidend zu prägen. Sie sollten es tun, solange sie dies noch unabhängig und mit stolzer Stimme vermögen.

Sind solche Sorgen übertrieben, wird man als Mahner nicht rasch zum Defätisten? Wer wollte heute darauf wetten, dass der Direktor des Louvre nach einem Wahlsieg des Front National nicht ganz rasch gegen einen linientreuen Parteigänger ausgewechselt wird? In Polen und Ungarn kennen wir solche Vorgänge bereits.