Zions Englisch ist fast akzentlos, es klingt mehr nach Britannien als nach Westafrika. "Das kommt von der Uni in Lagos", erklärt er. Schon in der Schule sei er Klassenbester gewesen – deswegen hätten seine Eltern sich Geld geliehen und ihn nach Lagos auf die Business-School geschickt. Normalerweise beginnen so Geschichten von Erfolg und Aufstieg. Aber nicht hier im Nigerdelta. Zion wurde nicht etwa Manager, sondern Ölpirat. Ein groß gewachsener Mann mit wachen Augen in ordentlichem Hemd, ein Akademiker unter schwarzer Flagge.

Er sitzt in einem Haus außerhalb von Yenagoa, der Hauptstadt von Bayelsa State, einem der neun Bundesstaaten, die das ölreiche Mündungsdelta des Nigers ausmachen. Vor den unfertigen Mauern, die das Haus umgeben, liegen rostige Stahlbetonstreben, Autos fahren in der Ferne über eine kaputte Straße, über dem Delta in Richtung Meer rollt der Donner eines Gewitters. Die Luft ist feucht und schwer. Hier, wo die Zivilisation an die Wildnis stößt, kann man Zion treffen.

Das Nigerdelta könnte das Texas von Afrika sein. Nigeria hat weltweit die zehntgrößten Ölreserven. Es ist die stärkste Wirtschaftsmacht Afrikas. Das Delta aber ist ein Krisengebiet.

Denn aus dem hier geförderten Öl speisen sich etwa 70 Prozent des Staatshaushalts von Nigeria. Im Delta kommt von dem Geld so gut wie nichts an. Ungerechtigkeit und Korruption im Land ließen die islamische Terrortruppe Boko Haram im Norden und einen schwelenden Krieg im Süden entstehen. So dürfte die Wirtschaftsleistung des Landes trotz des Ölreichtums in diesem Jahr nur um 0,8 Prozent wachsen, schätzt die Weltbank. Im Jahr 2006 waren es noch mehr als acht Prozent.

Im Nigerdelta kann man den Fluch des Öls exemplarisch beobachten, ein Fluch, der viele arme Länder befällt, die reich an Bodenschätzen sind – und nicht mehr loslässt. Das Öl hat hier einen Kreislauf geschaffen, der immer wieder zum Krieg führt. Der letzte wurde 2009 durch ein milliardenschweres Amnestieprogramm beendet. Der nächste kündigt sich nun an.

Dort, wo auf insgesamt 7.000 Kilometern die maroden Pipelines verlaufen, wo die internationalen Ölkonzerne seit Jahrzehnten die Umwelt zerstören, ist keine Landwirtschaft mehr möglich und kein Fischfang. Dort werden die Menschen in die Kriminalität gezwungen, weil es weder Arbeit noch Essen noch sauberes Wasser gibt. Und da das Militär mit am Öl verdient, statt die Spannungen zu lösen, führt die Kriminalität zu Krieg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Fünfzig Kilometer südlich von Zions Haus liegt seine illegale Raffinerie. Für einen Reporter ist sie nicht zu erreichen – gewerbsmäßige Geiselnehmer kontrollieren das Gebiet. Selbst hier am Stadtrand vom Yenagoa ist es unsicher: Militante Rebellengruppen überfallen regelmäßig Dörfer und terrorisieren den ganzen Landstrich.

Zion ist ein freundlicher Mann. Er ist nicht stolz auf das, was er tut, aber er sieht keinen anderen Weg. Er sieht, wie das Öl das Delta zerstört, wie die Gewalt zunimmt und sich ein neuer Krieg abzeichnet. Er wünsche sich das nicht, aber vielleicht könne sich nur so etwas zum Besseren ändern, sagt er.

Eben ist er von einem verbeulten, flachen Metallboot gestiegen, dessen 200-PS-Motor eigentlich eine Versicherung gegen Banditen sein soll. Zion lächelt und deutet in Richtung der Flussbiegung, fünfhundert Meter von hier. Dort, so sagt er, sei er vorhin überfallen worden. Einen seiner Männer hätten sie vom Boot gezerrt und verschleppt. "Nichts Außergewöhnliches", ergänzt er, "so etwas geschieht mittlerweile täglich."

Ein Überfall pro Dorf und Woche

Männer wie sein alter Bekannter Maxwell, den er als Begleitschutz mit zu diesem Treffen bringt, haben keine andere Einkommensquelle. Maxwell, Ende vierzig, ist selbst Pirat. Früher war er Soldat in einer Miliz. Dann begann er, Öl zu stehlen, und stieg später ins illegale Raffineriegeschäft ein. Heute, nachdem das Militär seine Produktionsanlagen zweimal niederbrannte, überfällt er Dörfer. "Jeder, der ein bisschen Geld verdient oder Verwandte hat, die Geld verdienen, ist ein mögliches Ziel", sagt Maxwell und lächelt. In einem anderen Land als Nigeria könnte der kleine und drahtige Mann mit Brille und Polohemd problemlos als Buchhalter durchgehen.

© ZEIT-Grafik

Maxwell und seine Kumpanen kommen mit Speedbooten in die Dörfer. Zwei- oder dreimal 200 PS, hohe Bugwellen, wildes Kielwasser. Männer mit Patronengurten und Maschinengewehren in alter Tarnkleidung oder in Jeans und Hemd. Daran erkennt man sie.

Lösegeldforderungen hängen vom Wert der Geiseln ab, aber niemand ist sicher. Für einen alten Mann ohne Enkel zahlt bestimmt noch jemand ein paar Hundert Dollar. Hat der Bruder des Opfers ein Ladengeschäft, werden Zehntausende gefordert. "Gestern wurde die Frau eines Abgeordneten in der Stadt entführt", sagt Maxwell, da würden dann eher ein paar Hunderttausend fällig. Männer und Frauen in Gefangenschaft werden vergewaltigt und manchmal, wenn kein Geld kommt, auch umgebracht. "Jeder hier muss gucken, wie er überlebt", sagt er. Ein Überfall pro Dorf und Woche ist Durchschnitt im Nigerdelta. Zion kennt Maxwell seit seiner Kindheit, als die Menschen im Delta noch Fischer und Bauern waren, aber es hat sich sehr viel geändert seitdem.

Zion erzählt seine Geschichte. Sie lässt sich nicht überprüfen, aber sie geht so: Vor zehn Jahren kommt er von der Uni zurück. Ein stolzer Mann, gerade 30 Jahre alt geworden, ein Diplom des Institute of Administrative Management Lagos in Human Resources Management in der Tasche. Aber im Delta gibt es keine Jobs. Das Geld wird in anderen Landesteilen investiert oder verschwindet in den Taschen der Mächtigen.

Zion beginnt, Lasten über die Flüsse zu schiffen, fünf Jahre lang fährt er Motorboote durch das riesige Netz aus kleinen Flussarmen, dann verliert er den Job. Das war 2010, in der Hochphase der illegalen Raffinerien. Seit einem Jahr war das Amnestieprogramm in Kraft, die Milizführer hatten sich zurückgezogen, die Gewalt hatte nachgelassen, und die ehemaligen Miliz-Soldaten übernahmen das Geschäft mit dem geklauten Öl.

Zion fragt ein paar Bekannte beim Militär, ob sie sich an einer Raffinerie beteiligen wollen. So organisiert er sein Startkapital und verspricht im Gegenzug den Soldaten 50 Prozent der Einnahmen. Noch heute ist das ein weitverbreitetes Konzept. Es garantiert, dass das Militär die Anlage nicht zerstört.

Damals verdienten Zion und seine vier Partner 50.000 Naira am Tag, pro Kopf. Das waren umgerechnet 200 Euro. Ein kleines Vermögen. Heute ist es nicht mehr ganz so viel. Die neue nigerianische Regierung will, dass härter gegen die Öldiebe vorgegangen wird. Das Militär interpretiert das, wie es ihm passt: Soldaten attackieren jene, die sie stören, und lassen in Ruhe, wer mit ihnen zusammenarbeitet. Also rüstet die Gegenseite auf. So erzählt es Zion.

"Es gibt verschiedene Gruppen, die Pipelines anzapfen", erklärt er. "Die haben Leute in den Terminals der großen Multis. Denen geben sie Bescheid, dann wird die Pipeline kurz stillgelegt, denn wenn Druck auf den Rohren ist, können wir sie nicht anbohren." In dieser kurzen Zeit wird an die Pipeline ein Ausflusshahn gelegt. "Von diesen Kartellen kaufen wir unser Öl", sagt Zion, "dann bringen wir es mit unseren eigenen Schiffen zu unseren Raffinerien."

Zions Raffinerie ist ein apokalyptischer Ort aus Öl und Feuer. Er zeigt Fotos und Videos auf seinem Mobiltelefon. Schwarzer Boden, der giftig glänzt. Männer mit Tüchern vor Nase und Mund hantieren an großen Kesseln aus aufgeschnittenen Ölfässern. Metallboote liegen in schlickigem Wasser am Ufer. Kokospalmen ragen durch schweren Rauch in den Himmel. Das Rohöl wird gekocht, die Dämpfe werden durch gekühlte Rohre geleitet. So destillieren sie Benzin, Petroleum und Diesel. Es ist die gleiche Methode, sagt er lachend, nach der sie ihren Delta-Gin destillieren.

Das Absurde ist: Im Herzen der Ölproduktion des afrikanischen Kontinents gibt es kaum Benzin zu kaufen. Jedenfalls nicht legal. Vor den Tankstellen im Delta ziehen sich kilometerlange Autoschlangen die Straßen entlang. Nur drei große Raffinerien zählt das Land offiziell, der Großteil des Benzins wird importiert. Da Militär und Regierung in Ölschmuggel und den legalen Handel gleichermaßen involviert sind, profitieren sie von dem Benzinengpass. Knappheit ist gut für den Preis.

Die Villen der Warlords

Mehr als zehn Prozent der Fördermenge, also um die 200.000 Barrel am Tag, verschwinden im Delta. Ein Fünftel dieser Menge wird direkt im Delta gestohlen und gleich im Sumpf von Männern wie Zion raffiniert. Der große Rest, so schätzt die in England ansässige Organisation SDN, die Umweltverschmutzungen im Delta überwacht, werde in Schiffen außer Landes geschafft und im Ausland raffiniert.

Regierungsbeamte und Militärs sind dafür verantwortlich. An den Terminals der Verladestationen haben die Kartelle ihre Männer positioniert. Werden offiziell 50.000 Tonnen verbucht, werden stattdessen 100.000 Tonnen geladen. Der Zähler wird ausgestellt, die Ventile bleiben offen. Oder es wird direkt Öl aus den Pipelines gezapft und mit Militärschutz auf die Tanker vor der Küste gebracht. Zion sagt, er sehe diese Schiffe jede Woche.

Die Transportpapiere sind käuflich, sodass im Zielland legales Öl ankommt. "Big business for big people", sagt man beim SDN. Und dieses große Geschäft für große Leute, auch das gehört zum Fluch des Deltas, erhöht die Kriegsgefahr.

Nigeria zahlt seit der Amnestie 2009 mehrere Hundert Millionen Dollar jährlich an die Milizen, um sie ruhig zu halten. Das ist mehr Geld, als das Land zwischenzeitlich für seine Grundschulen ausgab. Eine Zeit lang funktionierte das, doch mit dem Öl wuchs die Gier, und die Milizen griffen wieder zu Gewalt. Mit fatalen Folgen für das Land: Betrug die nigerianische Fördermenge nach der Amnestie noch mehr als zwei Millionen Barrel am Tag, ist sie mittlerweile auf 800.000 Barrel gefallen.

Muhammadu Buhari wurde letzten August als Präsident vereidigt. Umgehend ließ er einen Plan entwickeln, um bis 2018 aus dem Amnestieprogramm auszusteigen. Vom nächsten Jahr an soll es gar kein Geld mehr geben. Die Armeen der Warlords gruppieren sich deswegen seit Monaten neu, Anschläge und Angriffe nehmen rapide zu.

Fährt man auf kaputten Straßen durch das Delta, fallen riesige Villen auf: die Residenzen der Warlords. Manche sind noch immer aktiv und werden von den Behörden gesucht. Angeblich, denn suchte man sie tatsächlich, brauchte es keine Stunde, sie zu finden. Man muss nur die richtigen Leute fragen, dann schicken Milizführer wie General Africa, Tompolo oder Ateke Tom ihre Emissäre und lassen ausrichten, vor einem Treffen müsse man ihnen großzügige Geschenke machen. Erwartet werden Bier, Gin und ein paar Tausend Dollar.

Einer von denen, die dem Staat Nigeria gerade wieder den Krieg erklären, ist Alhaji Dokubo-Asari. Er wolle weder Gin noch Geld, sagt er, ihm gehe es um Gerechtigkeit. Zurzeit versteckt er sich in einer Villa in der Nähe von Port Harcourt, der Hauptstadt des Delta-Staates River State. Zwei gepanzerte Jeeps mit schusssicheren Scheiben stehen vor der Tür, fünfzehn Männer bewachen sein Haus. Der Staat verfolge und bedrohe ihn, sagt er.

Asari ist ein Koloss von einem Mann, er besitzt die Attitüden eines Fürsten. Führer der Ijaw ist er, einer Volksgruppe im Delta mit ungefähr vier Millionen Angehörigen. 2003 gründete er die Niger Delta People’s Volunteer Force, eine der mächtigsten Milizen im Flusstal. Bald darauf erklärte Asari einen umfassenden Krieg gegen Nigeria.

Seine Angriffe auf Ölförderanlagen ließen die produzierten Mengen massiv schrumpfen und den Preis emporschießen. Ebenso wie seine Konkurrenten finanzierte auch er einen großen Teil der Operationen durch den Diebstahl von Öl. "Asari-Sprit" nannte man das Benzin.

Ethnische Spannungen im Nigerdelta

Als Teil des Amnestieprogramms bekam er später jährlich zehn Millionen Dollar, um seine 4.000 Soldaten zu bezahlen. Auf diese Weise wollte die Regierung die Ölpipelines schützen. Aber die Zahlungen bekomme er seit gut einem Jahr nicht mehr, sagt Asari, seit Präsident Buhari im Amt sei. Daher der Zorn.

Und deswegen will Asari heute Gerechtigkeit. Er will auch Öl und Geld, aber eigentlich will er sogar einen eigenen Staat. Eine neue Republik Biafra auf dem Gebiet des Nigerdeltas. Denn der Fluch des Deltas hat auch mit einem Vielvölkerstaat zu tun, in dem die eigenen Völker nichts zu sagen haben.

Es gab schon einmal einen großen Bürgerkrieg und eine Republik Biafra hier im Delta. Ethnische Spannungen existieren, seit die Briten 1914 aus mehr als 250 Ethnien den Staat Nigeria formten. Von 1967 bis 1970 kämpften die Menschen des Deltas um ihre Unabhängigkeit und um das Öl, das gerade entdeckt worden war. Mehr als eine Million Nigerianer wurden getötet, und die Republik Biafra war bald wieder Geschichte. Aber noch immer sind in weiten Teilen Nigerias und gerade hier im Delta ethnische Zugehörigkeiten weitaus wichtiger als ein gemeinsames nationales Gefühl.

Vor über 25 Jahren, so erzählt Asari, habe er die Universität verlassen und sei nach Libyen gegangen, um sich dort in Guerilla-Kriegsführung unterweisen zu lassen. In der Wüste Gaddafis habe er gelernt, zu schießen und Hinterhalte zu legen. Und hier, an diesem Nachmittag in der Villa, ruft er abermals zum Kampf auf.

Asari erhebt sich von seinem Thron. Er brüllt so laut, dass sich seine Augen weiten: "Dieser Staat", so schreit er voller Hass, "ist der böseste der Welt. Milliarden über Milliarden hat er von unserem Land gestohlen. Das Nigerdelta wird das Waterloo dieser Regierung werden." In Habitus und Duktus erinnert Asari an radikale Islamisten, denen er tatsächlich einmal nahegestanden haben soll. Heute streitet er jede Verbindung zu Al-Kaida ab.

Zwar habe er 2009 einem Frieden zugestimmt, aber das gelte nun nicht mehr. "Wir haben schon angefangen", sagt er, "die Anschläge im Delta, die großen und die kleinen – das sind wir." Mehrere Tausend Mann hat er unter Waffen, schätzen lokale Nichtregierungsorganisationen.

Auch die heftigen Anschläge im Mai, zu denen sich eine neue Gruppe namens Niger Delta Avengers bekannte, fügen sich in seine Strategie. Mehrere Gas- und Ölleitungen des staatlichen Mineralölunternehmens NNPC wurden zerstört. Die Anlagen am Bohrloch D25, wo der amerikanische Konzern Chevron Erdgas förderte, wurden gesprengt. Ein paar Tage später evakuierte Shell die Produktionsanlage Eja OML 79. Allein bei Shell fiel die Produktion um 90.000 Barrel pro Tag.

Jeder Krieg, so erklärt Asari, verlaufe in mehreren Phasen. Noch sind Anschläge und die Duldung von Kriminellen im Delta das Mittel der Wahl. Er will die Bevölkerung damit noch viel tiefer in die Frustration treiben, ihre Wut weiter schüren. Ihnen zeigen, dass der nigerianische Staat ihre Sicherheit nicht garantieren kann, dass sie ihn nicht interessieren. Danach werde eine neue Phase beginnen, ist er sicher. "Als ich am 5. Oktober 2003 mit den Niger Delta Volunteer Forces in den Krieg zog, waren die Leute noch nicht bereit. Sie gingen Kompromisse ein", sagt der Warlord. Das werde ihm nicht noch einmal passieren.