Die Trump-Wähler, das wissen wir genau, sind die Fußkranken der Moderne: die abgehängten weißen Männer von höherem Alter und niedrigerer Bildung. Es sind die Enttäuschten und Verängstigten – Leute, die um ihre Jobs bangen oder sie verloren haben. Sie haben ihre Zukunft hinter sich.

Diese Abgehängten, die unsere Vorstellung bevölkern, erinnern an den Orson-Welles-Klassiker von 1958, Im Zeichen des Bösen. Da bittet Welles, der verkommene Held, die Handleserin Marlene Dietrich, ihm seine Zukunft aufzuzeigen. Sie antwortet kalt: "Du hast keine Zukunft mehr; die ist total aufgebraucht." Diese Truppe der Gestrigen kann also abgehakt werden; sie ist aus der Geschichte gefallen, wie Hegel dozieren würde.

Leider ist dieses Bild von Trump, das sich quer durch die amerikanischen und deutschen Medien zieht, so falsch wie die Überzeugung, dass dieser Rüpel, Rassist und Frauenfeind Hillary Clinton nie schlagen könne. Nate Silver, der Guru der US-Wahlforschung, hat sich die Mühe gemacht, die Leute genauer zu durchleuchten, die Trump in den Vorwahlen den Sieg über 16 Rivalen geschenkt haben.

Erste Überraschung: Diese "Loser" haben ein höheres Haushaltseinkommen als der US-Median (Mittelwert): 72.000 Dollar vs. 56.000.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 6.10.2016.

Die zweite: Trump-Wähler verdienen mehr als die Wähler der linken Ikonen Hillary Clinton und Bernie Sanders, die auf 61.000 kommen.

Die dritte: 44 Prozent der Trumpisten haben einen College-Abschluss, was nur für 29 Prozent der Durchschnitts-Amerikaner zutrifft.

Es sind also weder die Doofen noch die Absteiger, die in den Vorwahlen für den Gelbschopf gestimmt haben (laut Nachwahl-Umfragen in 23 Bundesstaaten). Aber das doch nicht hier! Wieder gefehlt. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft sind AfD-Sympathisanten gut gebildete Besserverdiener. Ein Drittel gehört zum reichsten Fünftel der Bevölkerung. Laut stern/RTL liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen von AfD-Anhängern knapp über dem aller Wahlberechtigten. Es ist mit 3140 Euro höher als die Werte für die SPD (3000) und die Linke (2690).

Dem Klischee entspricht haargenau nur die NPD. Deren Fans sind in der Tat die Ärmeren und dementsprechend schlechter Gebildeten. Mit anderen Worten: Die neuen Populisten sind keine nachgeborenen Faschisten, die sich so einfach isolieren ließen wie die NPD-Mitläufer. Die Trump-Wähler sind kein "Trumpenproletariat", um Karl Marx zu bemühen. Wie die AfDler stehen sie nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern mittendrin.

Was daraus folgt? Wahrscheinlich haben wir es in der gesamten westlichen Welt eher mit einem Kultur- als mit einem Klassenkampf zu tun. Um Deutungshoheit. Um die Grenzen von Sprache, Denken und Tun. Welche Macht der Staat sich nehmen darf, um die kulturellen Vorgaben der "Eliten" durchzusetzen, die Trump und die Europopulisten im Visier haben.

Zwar wird Trump nicht gewinnen (wie dieser Autor so oft falsch prophezeit hat). Aber der Kulturkampf wird weiterschwären, weil auf der anderen Seite nicht umzuerziehende Randständige stehen, sondern Abermillionen von "Normalos" und Bessergestellten, die den etablierten Parteien davongelaufen sind. Sie werden sich abermals einen Trump suchen, bloß einen, der nicht so bizarr und unberechenbar ist.