Die Zahlen sind verwirrend. Einige Experten sprechen von Millionen afrikanischer Flüchtlinge und Migranten, die auf dem Sprung nach Europa sind. Konkrete Anhaltspunkte dafür gibt es aber nicht.

Fest steht allerdings: Auch 2016 werden wieder mindestens 120.000 Migranten aus Afrika an Italiens Küsten stranden, in etwa so viele sind es jedes Jahr. Sicher ist ebenfalls: Es werden sich auf Dauer mehr statt weniger Menschen aus den Not leidenden Staaten südlich der Sahara nach Europa aufmachen. Die meisten suchen Arbeit und wollen dem Hunger entkommen. Und es gibt einen traurigen Rekord: Dieses Jahr sind bereits mehr als 3100 Menschen auf ihrer Flucht über das zentrale Mittelmeer ertrunken, fast alle Opfer waren Afrikaner.

Dies vor Augen, versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel schon vor einem knappen Jahr, auf dem europäisch-afrikanischen Gipfel in Maltas Hauptstadt Valletta, ein neues "kameradschaftliches Verhältnis" zu Afrika und finanzielle Unterstützung. Anfang dieser Woche besuchte sie die Staaten Niger, Mali und Äthiopien, alles wichtige Knotenpunkte entlang der östlichen und westlichen Flüchtlingsrouten.

Die Bundesregierung will handeln. Vergangene Woche forderte die Kanzlerin in einem ZEIT- Interview (Nr. 42/16) eine neue Strategie für Europas Nachbarkontinent: Deutschland habe durchaus ein eigenes Interesse am Wohlergehen Afrikas, sagte sie. Wer verhindern wolle, dass Menschen aus ihrer Heimat flöhen, dürfe sie nicht nur aufhalten, sondern müsse dafür sorgen, dass sie in ihren Ländern "menschenwürdig" leben könnten. Zwei Ziele will Merkel miteinander verknüpfen: eine wirklich nachhaltige Entwicklung des ärmsten Kontinents – und den Stopp illegaler Migration.

Doch was heißt das? Hält Angela Merkel Wort? Wir prüfen nach:

1. "Wenn wir deutsche Interessen verfolgen wollen, müssen wir realistischerweise sagen, dass auch das Wohl Afrikas im deutschen Interesse liegt."

Ein zweistöckiger Bau in einer staubigen Seitenstraße von Niamey, der Hauptstadt von Niger, ist der Ort, an dem man die deutschen Interessen besichtigen kann. Im Innenhof schützt ein provisorisch aufgespanntes Zeltdach die Bewohner vor der Sonne. Auf bunten Plastikstühlen sitzen Flüchtlinge, vor allem junge Männer. Hier, im Flüchtlingszentrum der Internationalen Organisation für Migration (IOM), stranden jene, die alles verloren haben: Geld, Hoffnung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Niger ist das wichtigste Transitland für jene Migranten, die aus dem südlichen Afrika nach Europa gelangen wollen: Mehr als 160.000 Menschen durchkreuzten nach Schätzungen der IOM allein in der ersten Jahreshälfte 2016 dieses bitterarme Land auf dem Weg zur algerischen oder libyschen Mittelmeerküste. Wer scheitert, landet in einem der Flüchtlingszentren der IOM. Hier bekommen die Flüchtlinge einen Schlafplatz und etwas zu essen, bevor man sie wieder zurück in ihre Heimatländer schickt.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Geht es nach der Bundeskanzlerin, dann sollen künftig vier sogenannte Migrationszentren der IOM bereits in Niger so viele Flüchtlinge wie möglich davon abhalten, weiterzuziehen. Hier sollen sie über die Lebensgefahren der Flucht aufgeklärt werden, über die äußerst geringen Asylchancen in Europa und über legale Einwanderungswege. Beschäftigungsmöglichkeiten sollen entstehen, zum Beispiel bei Wasserprojekten, die Menschen sollen ausgebildet werden, zum Automechaniker etwa, man will ihnen Rückkehrhilfen anbieten.

Etwa 17 Millionen Euro will Deutschland Niger im kommenden Jahr zahlen, weitere 60 Millionen werden für die Folgezeit in Aussicht gestellt. Mit bis zu 15 Millionen Euro jährlich, sagte Merkel auf ihrer Reise, wolle Deutschland künftig der IOM unter die Arme greifen. Und immer wieder sprach die Kanzlerin von der "Migrationspartnerschaft" mit Afrika. Merkels Kalkül: Wem es in Afrika einigermaßen gut geht, der will nicht mehr um jeden Preis nach Europa, in die Bundesrepublik. Das ist das deutsche Interesse.

Doch als Nigers Staatschef Mahamadou Issoufou bei einem Treffen im Präsidentenpalast einen Marshall-Plan für Afrika fordert, weist Merkel das brüsk zurück. Was sie auf keinen Fall will, sind Schlagzeilen, dass Deutschland in Afrika mit Milliarden nur so um sich schmeiße. Sie sagt, das Geld müsse "vernünftig und wirksam" ausgeben werden, daran habe es bislang oft gemangelt. Der Präsident neben ihr nickt, wirkt aber leicht konsterniert.