Read the english version of this text.

Es gibt die Flakhelfergeneration, die weltberühmten 68er sowie die Generation Golf und die Millennials. Und dann ist da noch eine Generation, eine ohne richtigen Namen. Das wäre nicht weiter der Rede wert, sie brauchte bisher auch keinen, weil diese namenlose Alterskohorte sich ohnehin vor allem durch die Eigenschaften auszeichnet, die sie nicht hat: nicht so charismatisch, aber auch nicht so autoritär, raumgreifend und macho wie die 68er, nicht so international und digital wie die jüngeren Generationen.

Joschka Fischer hat diese Gruppe mal in gewohnter Herablassung die "Playback-Generation" genannt. Die Demografie kennt sie als Babyboomer, was jedoch weder eine historische Rolle noch einen politischen Charakter ausdrückt, sondern lediglich eine Zahl. Diese Menschen, geboren zwischen 1960 und 1965, repräsentieren die geburtenstärksten Jahrgänge der Bundesrepublik, etwa acht Millionen von ihnen leben noch heute, zehn Prozent aller Deutschen sind das, sie sind Anfang/Mitte fünfzig und ziemlich gesund. (Der Autor ist einer von diesen Menschen.)

Und sie regieren die Republik. Sie dominieren, sie lehren, kontrollieren und kommunizieren, sie sind, kein Zweifel, die kulturellen Hegemonen.

Gewiss, nicht alle Chef- und Moderatorenstühle sind von dieser Gruppe besetzt, und nicht alle aus der Generation sind Chefs. Aber sehr, sehr viele.

Und das ist der Grund, warum man sich noch einmal neu mit dieser Generation beschäftigen muss. Ausgerechnet die Kohorte der uncharismatischen Post-68er bestimmt nämlich wie keine andere Altersgruppe über das Schicksal des Landes – und das in der charismatischsten Zeit seit 1949. Gegen das, was heute an Gefahren und Herausforderungen vor der Tür steht, erscheinen die späten sechziger Jahre eher wie ein haschvernebelter Spaziergang.

Und ausgerechnet jetzt sind diese Leute an der Macht. Die ebenso berechtigte wie bange Frage lautet also: Können die das? Können die außer Stuhlkreis auch Drama, können die noch kämpfen? Ohne dabei autoritär und doktrinär zu werden? Davon hängt gerade einiges ab.

Zuerst die guten Nachrichten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Unsereins hat gelernt, zu konkurrieren und sich zugleich zu arrangieren. Von klein auf, denn wir waren immer zu viele, jeder Raum war überfüllt, immer fehlten Stühle. In der Schule, an der Uni, auf dem Arbeitsmarkt. Wir sind also robuster, als es vielleicht scheint.

Unsereins wurde gründlich politisiert, oder jedenfalls sehr viele von uns. Zwangspolitisiert könnte man sogar sagen. Denn damals in den Siebzigern, als die vielen volljährig wurden, hat der Staat alle jungen Männer gezwungen, sich zu entscheiden zwischen einem ausgedehnten Wehrdienst und einem sogenannten Ersatzdienst. Für den wurde man vor eine dreiköpfige Kommission aus missmutigen Herren gezwungen, die durch peinliche Befragung glaubten klären zu können, ob auch wirklich Gewissensgründe für die Verweigerung des Dienstes bei der Bundeswehr vorlagen und nicht etwa politische.

Zudem, auch keine schlechte Eigenschaft, hat diese Generation von frühester Adoleszenz an gelernt zu kämpfen. Mit den 68ern und gegen sie. Aber auch, soweit man nur ein bisschen links war, an jeder beliebigen Stelle in der seinerzeit noch ziemlich rechten Republik. Wer beispielsweise als Langhaariger mit Parka und Sticker in eine ganz normale Kneipe ging, musste stets auf eine blöde Anmache gefasst sein, mitunter auf robustere Formen der Aggression.