Später Vormittag im Kaffeehaus Sarah Wiener im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. Sie kommt mit ihrem Pressesprecher durch den Hintereingang gefegt und fängt, noch beim Stuhl-vom-Tisch-Wegziehen, an zu erzählen: Gestern Abend habe sie in Heidelberg an über einhundert inhabergeführte Buchhandlungen den Deutschen Buchhandlungspreis verliehen, es gehe bei diesem Preis wirklich darum, "die Fläche" der einzigartigen deutschen Buchhandlungslandschaft auszuzeichnen – einen ähnlichen Preis verleihe sie auch an Arthouse-Kinos und Musikclubs. Die Botschaft ihres Eröffnungsvortrags: Das ist ein irre aufregendes Leben, das Kulturleben, ich bin mittendrin und habe Ihnen irre viel zu erzählen.

Ihr grandios selbstbewusstes, durch ein katholisches, großbürgerliches, wertkonservatives Elternhaus in Nordrhein-Westfalen geerdetes Auftreten: Monika Grütters, 54, gebürtig aus Münster, mit 16 der Jungen Union beigetreten, seit 2013 Staatsministerin für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt. Spätestens im Juni nächsten Jahres wird sie auch noch den Vorsitz der restlos erschöpften Berliner CDU übernehmen. Ein Rührei mit Schinken, bitte. Ihr gegenübersitzend versteht man, dass ihre viel gerühmte Entscheidungsfreude und Handlungskraft bei ihr wirklich eine körperliche Sache ist: Sie bebt förmlich vor Charme und Unterhaltungslust, ihre hellblauen Augen wollen gleichzeitig ungeheure Dinge behaupten und staatsmännisch daherreden.

Ist das für sie, als Politikerin, eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen nervenstärker sind als Männer? Ja, diese Fragen mag sie. Nein, eine Selbstverständlichkeit sei das nicht, aber – freudiges Strahlen in ihrem Gesicht: "Es entwickelt sich zu einem Erfahrungswert." Sie kann Männer aber noch ernst nehmen, oder nicht mehr? "Ich nehme Männer natürlich ernst, Frauen übrigens auch. Das hängt immer vom Gehalt ihrer Aussage ab."

Jetzt müssen wir kurz über ihr elendes Kulturgutschutz-Gesetz reden, das bei Sammlern, Galeristen und bei Georg Baselitz nicht gut ankam. Das bürstet sie weg: "Es gibt mittlerweile in weiten Teilen einen professionellen Umgang mit dem Gesetz. Die Unesco hat uns schon ihre Aufwartung gemacht." Gerne würde sie erfahren, was ihr einst erbitterter Gegner, der Sammler Harald Falckenberg (er hatte mit einer Verfassungsklage gedroht), ein Jahr nach Verabschiedung zur Praxis ihres Gesetzes sagt. Nächste Frage. Mit Marzahn-Hellersdorf hat sie ein klassisches Problemviertel als ihren Wahlkreis. Widerspruch: Man habe dort das modernste Klinikum Europas, in den Vororten einen tollen Bürgerhausbestand und dörfliche Strukturen. Frau Grütters erzählt, wie sie sich im Kampf gegen die Demokratiefeinde von der AfD mit Petra Pau von der Linken, mit der sie menschlich gut auskomme, austausche und beide gegen Rechtsextremismus zusammenstünden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Lieber Himmel, kann sie reden (Urheberrechtsreform, Digitalisierung des kulturellen Erbes, Humboldt-Forum): Es klingt bei ihr alles frisch. Hat sie einen Tipp aus dem Berliner Kulturkalender, mit dem sie uns den Respekt vor der Hochkultur nimmt? Sie empfiehlt Wolfgang Rihms Orchesterstück Tutuguri, kürzlich in der Philharmonie aufgeführt. Ist das ihr politisches Programm, dass sie den Konservatismus mit der Großstadt zusammenbringt? Sie lobt die Integrationsfähigkeit Berlins: "Das finde ich an dieser Stadt so toll: dass sie sich alles einverleibt und es dann meistens gut geht." Frau Grütters hält nun eine Rede auf den Citoyen, der, im Gegensatz zum Bourgeois, mitmache und seinen Status und seine Privilegien in das gesellschaftliche Ganze zum Vorteil aller einbringe. Plötzlicher Aufbruch. In Bremen tagen die Kultusminister.

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