Keine Krise in Sicht. Die Wirtschaft brummt, Geld spielt fast keine Rolle mehr, und weil Olaf Scholz nun wohl doch nicht für das Kanzleramt kandidiert, kommt er der Hamburger SPD so schnell nicht abhanden. Arme CDU.

Arme CDU? In der Bürgerschaft stellt die 15,9-Prozent-Partei eine von fünf kleinen Fraktionen, ihre Abgeordneten aber zählen zu den auffälligsten, und wenn eine Debatte über den Kreis der Mandatsträger und Politikbesessenen hinausreicht, stehen meist CDU-Vertreter im Mittelpunkt. Wie machen die das?

Aus Sicht der Christdemokraten ist diese Aufmerksamkeit hochverdient: mit Fleiß, Beharrlichkeit, guten Ideen.

Aber das ist nicht einmal die halbe Antwort. Wie eine biologische Spezies sich veränderten Umweltbedingungen anpasst, so passen Hamburgs Konservative sich gerade veränderten Umständen an. Dass dabei Individuen auf der Strecke bleiben, liegt in der Natur der Sache, Darwins Prinzip vom survival of the fittest funktioniert auch in der Politik. Am Ende aber steht womöglich die Evolution einer neuen Art – einer neuen Art von Politik.

Wer sagt denn, dass man Mehrheiten braucht, um Einfluss zu nehmen? Ein neues Protestbürgertum fordert seinen Teil an der Macht ein: "Bürger mit hoher Bildung, ordentlichem Einkommen, vielseitigen sozialen Kontakten, anspruchsvoller Berufstätigkeit", wie der Politikwissenschaftler Franz Walter schreibt. Gerade in Hamburg mit seinen Volksentscheiden braucht dieses Protestmilieu nicht unbedingt eine Partei – aber das bedeutet nicht, dass es nicht auf der Suche nach Verbündeten wäre.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Mann, der diese Chance zuerst erkannt hat, heißt Christoph Ploß. Seit fünf Monaten leitet Ploß die Nord-CDU, wie nebenbei hat er auf dem Weg dorthin den ehemaligen Bürgermeisterkandidaten Dietrich Wersich beiseitegeräumt. Seit vier Monaten gehört Ploß auch dem Landesvorstand seiner Partei an, und gerade sieht es danach aus, dass er im nächsten Jahr für den Bundestag kandidiert – dazu muss er sich bloß noch ein weiteres Mal gegen Wersich durchsetzen.

Ploß ist trotz seiner 31 Jahre alles andere als neu in der Politik – neu ist, was er tut.

Er war es, der sich vor gut zwei Jahren die Kampagne gegen die Busbeschleunigung der damaligen SPD-Regierung ausdachte. Zunächst war das ein lokaler Konflikt in Winterhude, wo Ploß den CDU-Ortsverband leitet. Es gelte zu verhindern, "dass das unsinnige Busbeschleunigungsprogramm auch den Mühlenkamp zerstört", lautete die Parole. Das war grob übertrieben, später genügten schon wenige Änderungen der ursprünglichen Planung, um die Kritiker zufriedenzustellen.

Umso größer war der politische Effekt: Im Landtagswahlkampf 2015 wurde die Busbeschleunigung zum wichtigsten Einzelthema einer im Übrigen inhaltsarmen Auseinandersetzung, und wenigstens in Winterhude gelang es der CDU, sich dem Abwärtstrend der Partei zu entziehen.

Wer führte diese Kampagne: die CDU? Empörte Bürger? Empörte Bürger in der CDU? Spätestens als die Buskritiker eine Volksinitiative starteten und die Christdemokraten landesweit an ihren Wahlkampfständen Unterschriften sammelten, waren Partei und Bewegung, parlamentarische und außerparlamentarische Opposition, Kampagne und Wahlkampf nicht mehr zu unterscheiden. Ploß war damals auf allen Kanälen aktiv, auf Facebook, in den Zeitungen, am Infostand. "In der Form und so systematisch", sagt er im Rückblick, habe vor ihm kein anderer eine solche Kampagne geführt.

So wie Ploß müsse man es machen: Das war unmittelbar nach der Bürgerschaftswahl 2015 eine Lehre, die Parteichef Roland Heintze aus der verheerenden Niederlage zog. Die CDU als Partei eines Protestbürgertums, das sich von Roten und Grünen nicht vertreten fühlt: Ist das die Zukunft?

Zumindest ist es ein Erfolgsrezept für eine Partei in der Opposition. Im Streit um die Flüchtlingsunterkünfte war die CDU zuletzt so etwas wie der parlamentarische Arm einer außerparlamentarischen Bewegung. Für die Bürgerinitiativen war das hilfreich, und im Parlament profilierte sich die CDU-Flüchtlingspolitikerin Karin Prien als Stimme der Unzufriedenen.

Wie im Streit um die Busse war auch diesmal die Substanz der Kritik gering. Wer in einer Karte eintragen wollte, wo die CDU Flüchtlinge hätte unterbringen wollen, stünde ratlos vor weißem Papier. Diese inhaltliche Unbestimmtheit erwies sich aber als Stärke. Jeder Vorschlag der CDU hätte ebenfalls Protest hervorgerufen, zudem gelang den Konservativen so ein verblüffender Seitenwechsel. Kaum hatten sich Parlament und die überwiegend in wohlhabenden Gegenden entstandenen Bürgerinitiativen geeinigt, kritisierte Prien deren Erfolg: Nun werde "die Integrationslast der Flüchtlingskrise einseitig sozial schwächeren Stadtteilen aufgebürdet", das sei "weder sozial noch gerecht".

Inhaltlich mochte das angreifbar sein, taktisch war es brillant. Natürlich hatte die CDU in diesem Konflikt als Partei der Besserverdienenden agiert – aber wer wollte das kritisieren, wenn sich die Partei zugleich so klar für die Benachteiligten einsetzt?

"Wir müssen die Menschen emotional erreichen" – wenn Christoph Ploß über Kampagnen spricht, redet er in der Sprache der Werbewirtschaft: über Markenkerne, die es zu verteidigen, Kanäle, die es zu bespielen gelte, über Zielgruppen, die mittels spezifischer Mailinglisten zu erreichen seien. Inhalte sind nicht egal, aber zweitrangig. Seine eigenen Überzeugungen in der Verkehrspolitik – Ploß kann, wenn er will, leidenschaftlich für die alte schwarz-grüne Idee einer Stadtbahn werben – spielten in der Buskampagne keine Rolle.

Auch das lässt sich als Anpassung an veränderte Verhältnisse deuten. Politische Überzeugungen mag es in der CDU weiterhin geben, sie sind nur nicht mehr sonderlich gefragt. Klassische CDU-Wähler, sagen Hamburger Christdemokraten einhellig, haben zwei Anliegen: Wirtschaft und innere Sicherheit. Und auf beiden Feldern macht die SPD die Politik, die sie in der CDU selbst gern machen würden.

"Was Sie schreiben können, ist, dass die gesamte Opposition, nicht nur wir, sondern auch die FDP, nur in Nuancen eine andere Wirtschaftspolitik machen würde": Das sagt Jens Wolf, bis vor Kurzem wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion.

"Die SPD hat nahtlos an unsere Politik angeknüpft": Das sagt Manfred Jäger, vormals innenpolitischer Sprecher und Staatsrat unter Ole von Beust.

Was bleibt da für die CDU?

Als die Winterhuder Christdemokraten sich im Frühjahr zu einer Strategiedebatte trafen, lobte Parteichef Roland Heintze einen "Ideenwettbewerb" für den nächsten Wahlkampf aus. Warum soll man uns wählen? – eine Antwort auf diese Frage zu finden fällt der CDU derzeit erkennbar schwer.

In der Fraktion haben sie ein ähnliches Projekt: Missstände suchen. Jeder Abgeordnete ist gehalten, in seinem Zuständigkeitsbereich Probleme aufzuspüren, um deren Lösung sich die Partei verdient machen könnte – möglichst solche, die nicht mit ein paar Millionen aus dem Haushalt zu lösen sind. Als vorbildlich gilt eine Entdeckung von Fraktionschef André Trepoll, der den Zustand der Kinderspielplätze beklagt.

Zur Übermacht der SPD in der Mitte kommt rechts die Konkurrenz der AfD. "Wir dürfen nicht zur AfD light werden", mahnte Christoph Ploß bei der Winterhuder Strategiedebatte. "Wir lassen uns von der AfD treiben", warnt seine ebenfalls sehr junge Stellvertreterin im Ortsvorstand, Freya Gräfin Kerssenbrock. "Wenn die ein Thema anfassen, fassen wir es nicht mehr an, aus Angst, das sei rechts und eklig." Parteichef Heintze warf ein: "Im Moment sind wir stark in der Mitte aufgestellt, das bringt uns gerade mal 18 Prozent."

Noch nicht AfD light, aber schon von der AfD getrieben, zu weit in der Mitte und durch die SPD regelrecht enteignet: Wahrscheinlich bleibt der CDU gar nichts anderes übrig, als zur Partei des Protestbürgertums zu werden.