Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, wird der eigenen Familie ein gewisses Maß an Verrücktheit bescheinigen. Auf dieser schlichten, aber wichtigen Tatsache beruht Dani Levys neuer Film. In Die Welt der Wunderlichs ist die natürliche craziness der Verwandtschaft das Fundament, sie bestimmt die Atmosphäre der Erzählung, das Temperament der Figuren, die Form – und manchmal auch die Formlosigkeit – der Inszenierung.

Im Mittelpunkt steht Mimi Wunderlich (Katharina Schüttler), eine gescheiterte Musikerin und alleinerziehende Mutter. Als die Kamera sie zum ersten Mal als Kassiererin in einem Elektromarkt ins Visier nimmt, ist sie den Job auch schon wieder los. Mimi muss nämlich wieder einmal in die Schule eilen, wo ihr süßer, großbebrillter Sohn Felix gerade die Lehrerin in einen Schrank gesperrt und den Schlüssel in die Toilette geworfen hat.

Nicht nur die Hyperaktivität ihres Sprösslings plagt Mimi, sondern auch ein manisch-depressiver Vater (Peter Simonischek), der sie für Wetteinsätze schamlos beklaut und beharrlich seine Entlassung aus der offenen Psychiatrie betreibt.

Mit Telefonterror und routiniert suizidalen Erpressungsversuchen tritt außerdem die Mutter (Hannelore Elsner) auf den Plan, ein einstiger Schlagerstar, der zwischen an der Wand prangenden Goldenen Schallplatten und geschlossenen Vorhängen im Bett vegetiert.

Außerdem gibt es eine trinkende, die eigene Weltüberforderung gegen die Wände ihres Friseursalons schreiende Schwester (Christiane Paul) und einen drogenabhängigen Noch-Ehemann und Ex-Musiker (Martin Feifel), der zwischen Prostituiertenbesuchen und der nächsten Dröhnung hin und wieder den gemeinsamen Sohn betreut.

Als Mimi nach Zürich in eine Castingshow für erfolglose Musiker eingeladen wird, sieht sie ihre große Chance. Doch ihr Wunsch, endlich einmal allein in die Welt zu fahren, wird von ihrem Anhang nicht erfüllt, geschweige denn bemerkt. Letztlich läuft diese Heldin den ganzen Film vor ihrer Familie davon und die Familie hinter ihr her.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Vor zwölf Jahren drehte Dani Levy Alles auf Zucker, eine Komödie, in der Henry Hübchen einen ehemaligen DDR-Sportreporter spielt, der durch das Testament seiner Mutter mit seinem jüdisch-orthodoxen Familienzweig konfrontiert wird. Auch in diesem Film flitzen alle ständig aufgeregt herum – in diesem Fall rund um den Berliner Alex – und kommen am Schluss doch irgendwie zueinander. Zusammengehalten wird Alles auf Zucker und seine entfesselte Schauspielertruppe – unter anderem Hannelore Elsner, Udo Samel, Sebastian Blomberg – durch ein perfektes Komödien-Timing. Das ist diesmal anders.