Sein Blick ist konzentriert, als er den Raum betritt, skeptisch. Gut, das passt. Er ist ja das Orakel, die Medusa, der Schamane. Alles Titel, die man Don DeLillo angeheftet hat wie Ehrenzeichen. Der oberste Chronist eines Störfalls namens Moderne. Der größte lebende Diagnostiker im Verfallsgeschehen der Gegenwart.

Sechzehn Romane hat er geschrieben, und alles, was unsere Zivilisation umtreibt, wird darin durchgespielt. Terror, Paranoia, Kalter Krieg, Seuchen, Attentate – ein Schnellkurs in Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der westlichen Spielart, humanistische Werte auf dem Altar des Profits zu opfern. Americana (1971): das Fernsehen als Illusionsmaschine. White Noise (1985): Umweltkatastrophe und Drogensucht. Libra (1988): die Kennedy-Ermordung als monströse Verschwörung. Underworld (1997): die Nachkriegswelt im Schatten der Atombombe.

Und jetzt Zero K, ein Roman, den man als Gipfelpunkt der literarischen Coolness bezeichnen müsste, wäre die Anspielung nicht so kokett. Denn es geht tatsächlich um Kälte: Superreiche lassen sich einfrieren, um in einer besseren Welt wiederaufzuerstehen.

Science-Fiction, kulturkritischer Essay, Parodie auf Erlösungsglaube und Technikhörigkeit – das Buch ist ein eleganter Beweis, dass Erzählliteratur sehr wohl spekulativ und spannend zugleich sein kann. Und natürlich ist da wieder der DeLillo-Sound, gemischt aus Lakonie, Härte und Checkertum, als hätten sich Derrida und Tony Soprano eine Sprache ausgedacht. "Everybody wants to own the end of the world." Jeder will das Ende der Welt in der Hand haben. Schon der erste Satz ein Zitat, mit dem sich ein Small Talk eröffnen lässt oder ein Traktat über die Verwerfungen der Postmoderne.

Er ist blass, das Haar grau und schütter. Flanellhemd, schwarze Hose, Gesundheitsschuhe. Der Look der working class, und daran hat er zuletzt in Interviews auch wieder erinnert: dass er aus der Bronx stammt, Sohn eines Versicherungsmaklers und einer Näherin. Sein erster Job: Parkwächter. Mit dem Schreiben begann er mit 35.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Als er Platz nimmt in einem der eleganten Sesselchen im Arbeitszimmer seiner New Yorker Agentin, 79. Straße, Upper West Side – die Häuser haben hier Dienstboteneingänge und Concierges –, da sieht man, wie schmal er ist, zerbrechlich. Im November wird er 80. Die Verlage benutzen immer noch ein Foto aus den frühen neunziger Jahren, als wollten sie ihn einfrieren. Man verkneift sich diese Anspielung, beginnt stattdessen mit der Geschichte, wie man ankam am Flughafen und, da man auf dem Einreisepapier das Falsche angekreuzt hatte, abgeführt wurde in einen Verhörraum der Homeland Security.

Beamter: "Warum sind Sie hier?" Reporter: "Ich interviewe einen Autor, Don DeLillo." Beamter: "Was schreibt der?" Reporter: "Romane, meistens über Amerika." Beamter: "Romane? Aber das hier ist Amerika. Amerika ist real."

Don DeLillo: Don Genau. Es gibt keinen Raum mehr für Fiktion.

DIE ZEIT: Ist Don DeLillo nicht selbst schon eine Art literarische Idee? Man kann Sie sich gut vorstellen als geistigen Zwilling dieses Geheimagenten aus Libra. Er sitzt in seinem engen Büro und wühlt sich durch Textberge, liest Foucault und Heidegger.

DeLillo: Ist das der CIA-Historiker? Liest der Heidegger?

ZEIT: Nein, aber das würde man von Ihnen annehmen: Don DeLillo, nur Gedanken, Texte und Sprache.

DeLillo: Ich bin viel aktiver als Nicholas Branch. Erstaunlich, dass ich mich an seinen Namen erinnere. Aber ich habe Libra deutlicher vor Augen als andere Werke, weil ich zurzeit viel an Kennedy denke. Man hat mich gebeten, etwas zum Jubiläum zu schreiben. Nächstes Jahr wäre er hundert geworden.

ZEIT: Ein amerikanisches Trauma.

DeLillo: Natürlich. Und für uns, die wir in einem bestimmten Alter sind, ist es immer noch ein enorm wichtiger Moment.

ZEIT: So viel Tod in Ihren Werken. Und jetzt die Überwindung der Sterblichkeit. Ross Lockhart, eine der Hauptfiguren des Buchs, ist Milliardär, hat enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluss und will sich dennoch der Gegenwart entziehen, indem er sich einfrieren lässt. Ist das nicht Eskapismus?

DeLillo: Er ist aber auch getrieben von der Liebe zu seiner schwerkranken Frau, Artis. Da Artis sterben wird, ist sein Leben in gewisser Weise wertlos geworden. Er braucht ein Jahr, um sich durchzuringen, ihr in den Tod zu folgen. Und das bringt Jeff, seinen Sohn, gegen ihn auf, der einen tiefen Groll hegt, weil der Vater ihn als Kind sitzen ließ.