Dieses Buch ist ein Experiment mit dem Erzählen, aber es ist ein dunkles Experiment aus der literarischen Küche einer Alchemistin, die weiß, dass sie kein Gold herstellen kann. Eva Schmidts Roman hat trotzdem einen heiteren, fast wolkenlosen Anfang, er setzt mit dem bewegten Bild aus einer Stadt ein, die aussieht "wie ein riesiger, mit dem Maul im Wasser liegender Fisch". Ein Schwenk, ein Zoom, dann folgen Episoden, in denen der Leser den Verbindungen der Figuren nachspüren muss. Neue Beziehungen knüpfen und lösen sich wieder. Die Technik hatte im Film der neunziger Jahre Konjunktur – aber hier folgen keine Binnenerzählungen im Kino des Romans. Es folgen Beschreibungen an einem Figurenmaterial, das diesen Aufwand eigentlich nicht rechtfertigt.

Allwissend ist dieser Erzähler, wenn auch müde. Er präsentiert das Nötige, den See, die Burg, die Siedlung, die Villa. Er hält ein langes Jahr lang die Handlungsstränge in Gang und erledigt seine Pflicht, aber er verweigert Anschaulichkeit oder Überraschungen. Es gibt nur diesen unbeteiligten Ton, und selbst wenn der Erzähler den Motiven seiner Figuren nachgeht und sie innere Monologe halten lässt, klingt es entseelt. Nie wird der Horizont jener Gleichgültigen und Gemütsarmen überschritten. Es ist, als wollte sich der Roman die träge Schuld seiner Figuren aufladen, ihre Verdammung zur Banalität mittragen.

Marcel ist Kokser und macht natürlich alle Frauen unglücklich. Natürlich ist die reiche Familie aus der Villa zerfallen, der Sohn ein Nichtsnutz. Ben wiederum ist Kind einer Alleinerziehenden, die selbstverständlich ein Problem mit dem Alkohol hat. Wie eigentlich alle. Und einsam sind sie natürlich auch. Wolfi, der Stadtstreicher, genau wie die Künstlerin Karin. Die Leitmotive sind nicht ohne Komik: Immerfort wird auf dem Balkon geraucht. "Eine Runde Sekt" signalisiert, dass Beziehungen geknüpft werden. Wer mit sich zu Rate geht, grübelt darüber, ob er zu viel trinke. Und dann die Hunde: "Durch Hunde lernt man Menschen kennen, ob man will oder nicht." Vierbeiner spielen hier eine große Rolle, als Gegenwelt und als soziales Ereignis. Ohne sie gäbe es noch weniger Handlung. Hier ist nur der Hund ein echter Mensch.

Ein graues Völkchen also, berechenbar in Worten und Taten, allesamt stecken sie im Schema ihrer Verwahrlosung fest. Eva Schmidt deutet kein Jenseits der Tristesse an, sie beobachtet, und das wechselseitige Ausspähen gehört auch zu den Gewohnheiten, ja Haupttätigkeiten ihres Personals. Keiner weiß etwas vom anderen, aber jeder hat ein Auge auf ihn. Diese abgespannte, folgenlose Neugier ist eine Demütigung des Begafften. So fühlen sich alle ertappt, beengt, wollen sich rechtfertigen und ganz neu beginnen.

Beobachtung ist das Prinzip dieser Erzählung. Damit formt Schmidt Charaktere gegen die erzählerische Norm. Denn die Vorgeschichten dieser Figuren sind unerheblich, weil banal. Ihre Zukunft ist uninteressant, weil erratbar. Sie werden ihrer nackten, peinigenden Gegenwart ausgeliefert. Einmal will Herr Agostini, geradezu ein Sanguiniker in diesem Kreis, eine Geschichte erzählen. Doch kennt er weder seine Figuren genau noch ihre Vorgeschichte. Aus reiner Gegenwärtigkeit folgt nichts. Erzählen ist eine Zumutung.

Einige Episoden bestreitet eine ältere Frau, die sich gelegentlich in Webcams einloggt, um in Echtzeit Sehenswürdigkeiten in Neuengland zu betrachten. Sie, die in einem Haus am Rand der Siedlung lebt, bemerkt eines Tages, dass sie belauert wird. Ihr wird unbehaglich, sie zieht ins Hochhaus nebenan, nur um fortan ihrerseits zu beobachten. Am Ende wird sie es sein, die den Wunsch verspürt wegzugehen. Als Einzige, vielleicht. So kann das Beobachten auch ein Mittel zum Überleben sein, ein letztes Aufflackern von Kraft.

Eva Schmidt, Jahrgang 1952, wurde viel für ihre Lakonie gelobt. Literarisch gesehen ist Lakonie natürlich immer richtig, ähnlich wie schwarze Kleidung. Einer der Hunde in diesem Buch heißt sogar Hemingway. Nach dem langen Jahr sind drei Menschen gestorben, doch es fällt nicht weiter auf. Unerwähntes und Unerwähnbares erzeugen in diesem literarischen Labor gleichsam dunkle Materie. Die verformt das Sichtbare auf grimmige Weise. Ein Junge reißt aus: "Natürlich habe ich vergessen, eine Zahnbürste und Zahnpasta zu kaufen. Eine Weile bleibe ich sitzen. Überlege, wie es weitergehen soll. Doch mir fällt nichts ein." Als es ihn abends wieder nach Hause spült, hat niemand bemerkt, dass er fort war.

Dieser Roman erkundet quälend genau Erzählbarkeit. Das Erzählen ist das Allerunwahrscheinlichste. Es markiert sich als Paradox: Das Beobachten der Beobachtung erzeugt keine Geschichte. Es sind nur Erinnerungen an Erzählmöglichkeiten. Ein "Roman" soll nicht zustande kommen. All dies ist hoch reflektiert und als Kühlmittel gegen einen unbekümmerten Narrativismus auch willkommen. Dennoch hinterlässt das Experiment einen zwiespältigen Eindruck. Was sind Cora und Gloria und Ben noch, wenn sie gerade in einem Schwarzen Loch verschwinden? Ein letzter, indiskreter Blick des Lesers, dann erst mal eine Zigarette auf dem Balkon.

Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016; 212 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €