Wer den 87-jährigen Ennio Morricone befragen möchte, sollte ihn mit "Maestro" ansprechen. "Small-Talk-Fragen", sein Privatleben und "alles Banale" sind tabu. Morricones Filmmusiken für Sergio Leone, für "Spiel mir das Lied vom Tod", "Zwei glorreiche Halunken" oder "Es war einmal in Amerika", haben ihn zwar weltberühmt gemacht, aber er will keinesfalls darauf reduziert werden – immerhin schrieb er mehr als 500 andere Filmmusiken. Morricone hat bereits einen Oscar für sein Lebenswerk bekommen, in diesem Frühjahr folgte ein zweiter für die Musik zu Quentin Tarantinos "The Hateful Eight". Er empfängt uns in seiner römischen Wohnung, um Werbung für sein Best-of-Album "60 Years of Music" zu machen. Klein und streitlustig sitzt er auf einem gewaltigen Sofa in einem abgedunkelten Zimmer und lauert auf falsche Fragen.

DIE ZEIT: Maestro, Gratulation zum Oscar!

Ennio Morricone: Dass es sich nicht um meinen ersten Oscar handelt, ist Ihnen hoffentlich bekannt?

ZEIT: Selbstverständlich. Sie schienen mit den Tränen zu kämpfen, als Sie die Auszeichnung entgegennahmen. Waren Sie sehr überrascht?

Morricone: Tränen hatte ich nur in den Augen, weil mein Rücken so schmerzte. Ich wollte da eigentlich überhaupt nicht hin, weil mir die Reise zu anstrengend war. Aber Quentin Tarantino und der Produzent ließen mir keine Wahl.

ZEIT: Sie haben sich immer dagegen gewehrt, auf Ihre Western-Filmmusiken reduziert zu werden. Hat es nicht eine gewisse Ironie, dass Sie nun für einen Western noch einen Oscar bekamen?

Morricone: Nein, denn The Hateful Eight ist kein Western, sondern ein Abenteuerfilm.

ZEIT: Auf dem Cover Ihrer neuen CD 60 Years of Music sieht man Sie mit gestrecktem Zeigefinger vor dem Mund. Ermahnen Sie uns zur Stille?

Morricone: Ja. Stille ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Musik. Musik ist ein Zusammenspiel von Tönen und Stille. (dirigiert und summt laut den Anfang von Beethovens "Fünfter":) Ta-ta-ta-taaa, ta-ta-ta-taaaa! Das wirkt nur so stark durch die Stille zwischen den Tönen. Eigentlich ist alles bloß Stille, die wir manchmal mit Wörtern und Musik stören.

ZEIT: Aber Sie haben in Ihre Kompositionen auch viele Geräusche eingearbeitet: Schüsse, pfeifende Wasserkessel oder das Knallen von Peitschen.

Morricone: Ich habe das aus der Musique concrète übernommen. Der französische Komponist Pierre Schaeffer hat damals aus Alltagsgeräuschen einen neuen Entwurf von Musik geschaffen. Das hat mich schon in jungen Jahren sehr beeindruckt. Deshalb habe ich das Peitschenknallen in einigen Leone-Western eingebaut oder das Heulen eines Kojoten in Zwei glorreiche Halunken.

ZEIT: Sie sind in Darmstadt auch John Cage begegnet, dem Pionier der Neuen Musik.

Morricone: Cage hat meine Arbeit nicht weiter inspiriert. Trotzdem hat er mich beeindruckt. Er hämmerte auf Klaviertasten ein, spielte vor leeren Blättern oder wiederholte endlos die gleiche Note. Extreme eben. Er stand für das Absurde und Paradoxe in der Musik, er stieß an ihre Grenzen.

ZEIT: Haben Sie versucht, es ihm nachzutun?

Morricone: Selbstverständlich! Aber ich wurde oft zurückgepfiffen, weil die Leute Angst hatten, dass ich ihre Filme ruiniere. Mir wurde deutlich gemacht, dass ich mich mit solchen Experimenten zurückzuhalten hätte. Filme sollen meistens einfache Menschen unterhalten. Das habe ich dann akzeptiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

ZEIT: Das klingt sehr desillusioniert. Konnten Sie wenigstens bei kleineren Filmen Ihre avantgardistischeren Einfälle umsetzen?

Morricone: Ja, in den Filmen des Horror-Regisseurs Dario Argento. Die waren immer voll von Blut, Monstern und roher Gewalt, da habe ich mich an entsprechend unkonventioneller Musik versucht.

ZEIT: Und bei Tarantino? The Hateful Eight bietet auch einige Szenen von drastischer Gewalt. Ihre Musik klang entsprechend schroff.

Morricone: Ja, das war toll. Aber eben auch naheliegend: Je drastischer, blutiger und brutaler die Bilder sind, desto mehr verlangen sie nach einer dissonanten Musik. Da akzeptieren die Zuschauer ausnahmsweise auch mal unbequeme Klänge.

ZEIT: Zur Avantgarde gehörte oft auch das Experimentieren mit elektronischer Musik. Was halten Sie von der Arbeit mit Computern?

Morricone: Nichts. Ich schreibe meine Musik auf Papier. Es mag Musiker geben, die mit Computern interessante Effekte erzeugen. Aber in der Regel werden diese Geräte viel zu oft von Dilettanten missbraucht. Anstatt in ein gutes Orchester mit sechzig oder siebzig Musikern zu investieren, beschränken sich viele Produzenten auf Computerklänge. Wem das reicht, dem ist nicht zu helfen.

"Üblicher ist: ein guter Film mit schlechter Musik"

ZEIT: Rettet eine gute Musik einen schlechten Film?

Morricone: Natürlich hofft man das manchmal, aber das ist Wunschdenken. Wenn ich miese Filme mit guter Musik retten wollte, ist meine Musik meistens mit den Filmen untergegangen. Üblicher ist eher das Gegenteil: ein guter Film mit schlechter Musik. Die meisten guten Filme halten minderwertige Musiken zum Glück aus!

ZEIT: Woher wissen Sie, ob Ihre Musik zu einem bestimmten Film gut ist und passt?

Morricone: Früher habe ich Regisseuren vorab Auszüge der Musik vorgespielt. Dann geschah es immer wieder, dass sich der Regisseur für eine Szene die falsche Melodie rauspickte. Ich musste dann ewig mit ihm diskutieren, das war oft zum Verzweifeln.

ZEIT: Jetzt darf niemand Ihre Musik vorab hören?

Morricone: Doch, meine Frau. Weil mich die Diskussionen zu viele Nerven kosteten, habe ich sie irgendwann als Filter zwischen mich und den Regisseur geschaltet. Sie ist eine gute Zuhörerin. Und bislang hatte sie immer recht.

ZEIT: Ist es denn so schwierig, Filmemachern Ihre musikalischen Ideen zu vermitteln?

Morricone: Der Regisseur hat oft eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Musik dem Film guttun würde. Aber seine Vorstellungskraft beschränkt sich natürlich auf das, was er schon kennt. Und wenn das nicht besonders viel ist, wird es schwer, ihm unkonventionelle Ideen zu vermitteln. Man kann auch nicht alles in Worten erläutern, manchmal muss einfach eine Melodie reichen. Eigentlich ist es für einen Komponisten fast unmöglich, dem Regisseur eine Musik näherzubringen, die der nicht versteht.

ZEIT: Aber meistens haben Sie sich doch geeinigt?

Morricone: Nein! Wenn ein Regisseur mir überhaupt nicht entgegenkam, habe ich mich verabschiedet. Wenn jemand nicht mag, was ich anzubieten habe, geht man besser getrennte Wege.

ZEIT: Ist es in solchen Konfliktsituationen manchmal ein Problem, dass Sie kein Englisch sprechen?

Morricone: Das glaube ich nicht. Vielleicht haben Sie recht, und manches wäre entschärft worden, wenn ich mein Gegenüber besser verstanden hätte. Andererseits: Vertrauen ist wichtiger als Sprache.

ZEIT: Trotzdem: Bereuen Sie es manchmal, dass Sie kein Englisch sprechen?

Morricone: (laut) Und wie!

ZEIT: Was hielt Sie ab, es zu lernen?

Morricone: Die Arbeit! Ich hatte nie Zeit! Ich arbeite seit meinem vierzehnten Lebensjahr und habe nie eine wirkliche Pause gemacht. Wann hätte ich da Englisch lernen sollen?

ZEIT: Hat es Sie nie gereizt, nach Hollywood zu ziehen?

Morricone: Schauen Sie doch mal aus dem Fenster! Ist es nicht toll hier? Warum sollte ich hier weggehen? Natürlich wurde ich immer wieder aufgefordert, nach Hollywood zu ziehen. Aber warum bloß? Könnte es dort schöner sein als hier? Ich habe in den USA komponiert und in Studios aufgenommen – warum das besser als Rom sein soll, ist mir nie klar geworden. Inzwischen mache ich diese Reisen auch nicht mehr. Wer etwas von mir will, muss akzeptieren, dass ich es von Rom aus erledige.

ZEIT: Sie gelten als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filmkomponisten. Ist das vielleicht die Rache Hollywoods, dass Sie erst spät in Ihrer Karriere nur zwei Oscars bekamen?

Morricone: Nein, nein. Zwei Oscars für Filmmusiken sind doch toll. Immerhin ist einer davon für mein Lebenswerk. Ich bin zufrieden.

ZEIT: Woran arbeiten Sie gerade?

Morricone: An einem Konzert für zwei Klaviere und Orchester, das nichts mit Filmmusik zu tun hat. Ich habe neulich wieder zwei Anfragen aus Hollywood abgelehnt, zurzeit verspüre ich keine Lust mehr, für Filme zu komponieren. Ich genieße lieber etwas mehr das Leben.

ZEIT: Können Sie das denn hier in Rom?

Morricone: Natürlich werde ich auf der Straße oft angesprochen. Aber ich streite dann einfach ab, Ennio Morricone zu sein. Ich sage dann: "Oh, ich sehe wohl so aus wie der, aber ich bin nicht Morricone." Die Leute entschuldigen sich sofort, und ich lache in mich hinein und antworte: "Das macht doch nichts, ich habe das schon häufiger gehört." Sie glauben ja nicht, wie oft ich damit durchkomme!

Ennio Morricone: 60 Years of Music (Decca)