Von einer Erbin

Erben ist ungerecht, sagen die, die nicht geerbt haben. Erben zementiere Ungleichheit, es befördere die Spaltung der Gesellschaft und widerspreche der Idee der Leistungsgesellschaft, schimpfen die, die nichts abbekommen vom großen Erbschaftskuchen, der gerade verteilt wird. Unvorstellbare drei Billionen Euro, etwa das Zehnfache des Bundeshaushalts, sollen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren an die nächste Generation weitergereicht werden. An Leute, die dafür nichts weiter zu tun brauchen, als die Hände aufzuhalten. An Leute wie mich.

Meine Eltern sind keine Superreichen, keine Fabrikbesitzer oder Topmanager. Sie waren Beamte, die immer fleißig ihrer Arbeit nachgegangen sind und sparsam gelebt haben. Das Geld, das sie übrig hatten, haben sie in festverzinslichen Wertpapieren und Aktien angelegt. Ich spreche hier also nicht im Namen der milliardenschweren Unternehmerfamilien, die mit ihrer Lobbyarbeit gerade die Debatte um die Erbschaftsteuer so erfolgreich beeinflussen. Ich spreche für den gut verdienenden Mittelstand der alten Bundesrepublik, der in den siebziger und achtziger Jahren noch beträchtliche Summen anhäufen konnte. Für Bundesschatzbriefe gab es damals satte acht Prozent Zinsen. Davon haben meine Eltern profitiert; ihr Vermögen ist über die Jahre beträchtlich gewachsen. Sie leben beide noch, aber einen Teil ihres Geldes haben sie meinem Bruder und mir bereits vor langer Zeit als Schenkung vermacht: eine halbe Million Euro.

Von dem Geld kann ich mir kein Schloss kaufen, aber ich könnte mir ein schönes Haus leisten oder eine kleine Jacht und in den Ferien mit meiner Familie im Mittelmeer herumfahren. Wir könnten ein Jahr lang auf Weltreise gehen und müssten uns keine Gedanken um die Finanzierung machen. Wir hätten genug Geld, um anschließend noch ein paar Sabbatjahre dranzuhängen. Oder um unseren Kindern den Besuch eines Eliteinternats oder ein Studium in Harvard zu bezahlen.

Es sind so viele Möglichkeiten, die mir das Erbe bietet. Aber ich will sie nicht wahrnehmen. Denn ich finde Erben ungerecht. Ich hatte bereits bessere Startbedingungen als die meisten: Meine Eltern haben mich schon als Kind liebevoll unterstützt. Ich habe eine gute Ausbildung genossen und musste mein Studium nicht durch eigene Arbeit finanzieren. Jetzt stehe ich mitten im Beruf und bin stolz darauf, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich wundere mich nur: Auf mein Einkommen erhebt der Staat Steuern. Mein Vermögen aber lässt er unangetastet. Warum?

Warum diskutieren wir die Ungleichheit von Einkommen, Stichwort Managergehälter – aber nicht die von Vermögen, häufig gespeist durch große Erbschaften? Warum soll ich etwas behalten dürfen, für das ich nichts geleistet habe?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Ich habe viele Freunde, die am Ende des Monats auf plus/minus null sind. Obwohl sie genauso viel arbeiten wie ich, wissen sie noch nicht, wie sie ihren Kindern einmal die Ausbildung finanzieren sollen. Wenn ihr Auto vor der Zeit den Geist aufgibt, haben sie ein Problem. Selbst Menschen, die gut verdienen, zahlen in der Regel 30 Jahre lang ihr Haus ab. Und sie stehen manchmal vor der Frage, ob sie in den Sommerurlaub fahren oder der Tochter ein Auslandsjahr finanzieren sollen. Für Leute, die Angst haben, bald ihre Innenstadtmiete nicht mehr zahlen zu können, sind das natürlich Luxussorgen. Aber: Mit eigener Arbeit wird heute fast keiner mehr reich. Dass die Lebenswelten der Wohlhabenden und der großen Mehrheit immer weiter auseinanderdriften, hat kaum mehr mit Einkommensunterschieden zu tun, aber immer häufiger damit, in welches Land, welche Schicht und welche Familie wir hineingeboren wurden.

Die Analysen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty zeigen, dass es ständig wachsende Kapitaleinkommen sind, vor allem Einnahmen aus Grundbesitz, die die Spaltung der Gesellschaft vertiefen. In Deutschland, wo die Einkommensunterschiede noch im europäischen Durchschnitt liegen, sind die Vermögen heute schon stärker konzentriert als in unseren Nachbarländern. Laut Sozialbericht der OECD besitzen die reichsten zehn Prozent der Deutschen 60 Prozent des Vermögens – und das vererben sie ihren Kindern.

Ich schreibe diesen Artikel anonym. Ich möchte nicht diejenige sein, die geerbt hat. Erben findet im Verborgenen statt. Vor allem weil es in einem so eklatanten Widerspruch zur Idee der Leistungsgesellschaft steht, die allen die gleichen Chancen eröffnen soll. Mein Chef soll bei der nächsten Gehaltsverhandlung nicht denken, ach, die Erbin, die hat das doch gar nicht nötig. Ich möchte, dass meine Leistung honoriert wird, und verhandele deshalb um Geld, das ich gar nicht brauche. Das ist grotesk.