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Die Worte waren dermaßen abscheulich, dass sie die Welt glatt davon abbringen könnten, weiter Magneten zu benutzen.

Donald Trump wirft sich einen Tic Tac in den Mund und sagt, hübsche Frauen zögen ihn an wie ein Magnet: "Ich warte nicht, ich küsse sie. Wenn du ein Star bist, kannst du tun, was du willst. Du kannst sie küssen, kannst sie anfassen." Worte so hässlich, dass sie die Welt davon abbringen könnten, zu Stars und Sternen aufzuschauen. Dazu kam dann noch die "Entschuldigung" nach dem Motto, unter Männern komme so etwas eben vor.

Und der Macho, der da herumtönt, ist ein Politiker, der sich um den wichtigsten Sessel der Welt bewirbt. Zwei Tage vor einem Treffen mit seiner Rivalin Clinton und einen Monat vor den Wahlen veröffentlichte die Washington Post die Tonaufnahme, in Sendequalität – Trumps Mikrofon war noch offen gewesen – und spannte damit den Faden des republikanischen Kandidaten, der ohnehin kurz vor dem Zerreißen stand, noch fester.

Kaum war die Aufnahme veröffentlicht, dachten in der Türkei viele: "Wenn da mal nicht Fethullah Gülen hintersteckt!"

Der Verdacht war nicht aus der Luft gegriffen. Gülen, von Erdoğan derzeit zum "Gegner Nummer eins" erklärt, wird beschuldigt, jahrelang die türkische Politik mit "Sex-Videos" gelenkt zu haben.

Der erste Schlag mit Videos gegen die Politik erfolgte im Mai 2010. Fünf Monate vor einem Referendum, das die Verfassung ändern und die Zügel der Justiz der Regierung übergeben sollte. Die größte Oppositionspartei CHP führte eine Gegenkampagne durch. Da tauchten im Internet Schlafzimmeraufnahmen von einem Treffen des CHP-Vorsitzenden mit seiner Sekretärin auf.

Nach der Verbreitung dieser Aufnahmen, in denen es am Schluss "Fortsetzung folgt" hieß, erklärte der CHP-Vorsitzende, sich einer Intrige ausgesetzt zu sehen, und trat zurück. Doch obwohl es damals sehr en vogue war, bezichtigte er nicht die Gülenisten, sondern die Regierung.

Im September ging das Referendum nach Regierungswunsch aus, der Unabhängigkeit der Justiz war eine tiefe Wunde beigebracht.

Der zweite Schlag erfolgte im April 2011. Die Erdoğan-Regierung stand vor einer äußerst kritischen Wahl, bis dahin waren es nur noch knapp zwei Monate hin. Dieses Mal trafen die Bänder die zweitstärkste Oppositionspartei im Parlament, die MHP, die laut Meinungsumfragen im Aufwind war. Auf den im Internet verbreiteten Aufnahmen waren verheiratete, für ihre nationalistisch-konservative Haltung bekannte Politiker mit anderen Frauen im Bett zu sehen. Die Aufnahmen waren so professionell, als stammten sie aus einem Big Brother-Container.

Elf Stabsmitarbeiter des Vorsitzenden mussten zurücktreten. An den Urnen hatte die MHP einen gewissen Stimmenverlust hinzunehmen. Die Wahl gewann, wenn auch mit Verlusten, erneut Erdoğan. Seither existiert in der Türkei der Begriff "Kassettenpolitik".

"Video" schien eine Technik zu sein, mit deren Hilfe sich die Politik von Schlafzimmern aus fernbedienen ließ. Um Politik zu gestalten, brauchte es nun anstelle von talentierten Politikern, versierten Experten, geschickten campaignern nur noch einen Schlosser und vier, fünf Abhörtechniker und Geheimdienstler.

Referendum und Wahlen waren geschafft. Die Regierung verkündete ihren endgültigen Sieg. Mit den Bändern hatte es ein Ende.

Vor diesem Hintergrund kommt es den Wählern in der Türkei recht bekannt vor, wenn jetzt, fünf bis sechs Jahre nach dem Sturm damals, den Medien vor einer kritischen Wahl vulgäre Aussagen Trumps von einem offen "vergessenen" Mikrofon "serviert" werden.

In Nachbarschaften erzählt man sich gern folgende Anekdote: Schnappt die Polizei einen Dieb, schiebt sie ihm unter Bastonade die Schuld für sämtliche Diebstähle im Viertel in die Schuhe.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli fand die Regierung einen Täter, dem sie die Schuld für ihre sämtlichen früheren Sünden in die Schuhe schieben kann: Fethullah Gülen.

Als hätte sie Gülen nicht selbst in den Regierungsapparat gesetzt, als hätte sie nicht selbst gefördert, dass er sich gleich einem parallelen Staat im Staate ausdehnte, als hätte sie nicht über Schulen dafür gesorgt, dass er sich global ausbreitete, als hätte sie nicht sämtliche Komplotte gegen Armee, Zivilgesellschaft, Hochschulen und Medien mit ihm gemeinsam geschmiedet, wäscht die AKP-Regierung ihre Hände in Unschuld: "Alle Verbrechen hat Gülen begangen."

Nach dem Umsturzversuch wurden 89 angebliche Gülen-Anhänger unter dem Vorwurf festgenommen, das Video-Komplott gegen den CHP-Vorsitzenden ausgeheckt zu haben.

Und die Kassettenopfer der MHP behaupteten: "Hinter der Operation stecken Gülenisten."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Jeder weiß, wie stark Gülen im Geheimdienst und wie umfangreich sein Archiv ist.

Es gibt da aber eine weitere vergessene Aufnahme. Die Schlussszene dieses geschmacklosen Films um Sex, Lügen und Bänder: das Video, wie Erdoğan in seinem Amtszimmer die Brille aufsetzt und sich die Schlafzimmeraufnahmen des Oppositionsführers anschaut – bevor sie im Internet verbreitet wurden.

Das Video zeigt den damaligen Premierminister frontal und belegt, dass er von dem Geschehen unterrichtet war. Wie aber wurde es aufgenommen? Richtig: mit der Webcam auf dem Computer, in den er schaut. Die mit seiner Zustimmung im Staat untergebrachten Geheimdienstler überwachten ihn ebenso wie seine Rivalen. Sie legten das Video ins Archiv und brachten es zu gegebener Zeit in Umlauf.

Jetzt verstehen Sie wohl, warum bei der Verbreitung der Trump-Kassette unmittelbar vor den Wahlen den Türken sogleich Gülen einfällt, dessen Auslieferung Erdoğan von den USA fordert.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe