An einem Abend im März hört Yayi Bayam Diouf die Stimme ihres Sohnes Alioune zum letzten Mal. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Thiaroye-sur-Mer, einem Vorort Dakars, der Hauptstadt des Senegals, als sie seinen Anruf entgegennimmt. Seine Stimme klingt von weit her, er ist mit den Nachbarn ins benachbarte Mauretanien gereist, um dort zu fischen. Die heimischen Fischgründe geben nicht mehr genug her. Alioune ist 26, er ist Dioufs einziges Kind.

"Mama", sagt er. "Morgen fahre ich nach Eldorado." Das Land des Goldes, so nennen sie hier Europa. Ein Sog, ein Versprechen. Einen nach dem anderen hat es in die Pirogen gelockt, lange, bunt bemalte Holzboote, mit denen die Männer traditionell auf Fischfang gehen. Nur dass diese Reise viel länger dauert. Tage auf See, ohne Land zu sehen.

"Mama", sagt der Sohn. "Wir wollen nach Spanien. Versuch nicht, mich davon abzuhalten. Du kannst nur für uns beten. In vier Tagen bin ich dort. Dann rufe ich dich an."

Yayi Bayam Diouf wartet. Nach einem Monat erhält sie einen Anruf, es ist einer von Aliounes Gefährten. Mit drei Pirogen legten sie ab. Plötzlich kam ein Sturm auf, eine der Pirogen kenterte. Es war die, in der Alioune saß. Die Gefährten sahen, wie die Gekenterten gegen das Wasser kämpften, hörten ihre Schreie, sie fuhren vorbei. "Was hätten wir tun sollen?", fragt der Mann in die Stille am Telefon. "Wir konnten sie nicht retten. Unsere Piroge war doch schon voll."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

82 Männer aus dem Dorf sind damals gestorben. Viele weitere hat das Meer verschluckt. "Es gab Jahre", sagt Diouf, "da konnte unser Fußballspiel nicht stattfinden. Alle, die hätten mitspielen können, waren in Europa oder tot."

An jenem Apriltag des Jahres 2006 starb auch etwas in Diouf, die inzwischen 51 ist. Es verging die alte Diouf, eine stille muslimische Ehefrau, in traditioneller Vielehe lebend. Und eine neue wurde geboren. Eine, die spricht. Zu den Männern, Frauen, Kindern des Viertels, zu Politikern, zu den Hörern ihrer Radioshow. Und was sie sagt, ist: Bleibt! Steigt nicht in die Boote! Schafft etwas eigenes, hier im Senegal!

Für Europa sind die afrikanischen Flüchtlinge und Migranten Menschen, die keiner eingeladen hat, die aber trotzdem kommen. Europa scheint doch Platz für sie zu haben. Dort werden immer weniger Kinder geboren. In Afrika dafür sehr viele. Im Senegal bekommt eine Frau im Durchschnitt knapp fünf Kinder. Laut einer Studie der Vereinten Nationen dürfte sich die Einwohnerzahl Afrikas bis zum Jahr 2050 verdoppeln, bis Ende des Jahrhunderts könnte sie sich knapp vervierfachen. Das sind sehr viele Menschen, die einen Job, ein Stück Acker, ein Auskommen brauchen. Und genau daran fehlt es. 34 der 48 am wenigsten entwickelten Länder der Welt liegen in jenem Teil des Kontinents, den man früher Schwarzafrika nannte und heute subsaharisches Afrika. Der Großteil der 65 Millionen Flüchtlinge, die weltweit unterwegs sind, findet in armen Nachbarländern Zuflucht, die meisten afrikanischen Flüchtlinge sind binnenafrikanische Migranten. Und doch wird es in Zukunft sehr viel mehr nach Europa ziehen.

Für Europa sind die afrikanischen Flüchtlinge und Migranten zu einem politischen Großthema geworden, über das sich Bürger, Politiker und Parteien zerstreiten. Da gibt es Politiker wie den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz, der eine australische Lösung anregte: Im Mittelmeer aufgegriffene Flüchtlinge sollten sofort zurückgeführt oder interniert werden. Und solche wie Angela Merkel, die Fluchtursachen in Afrika bekämpfen will. Nur: Was genau soll das eigentlich heißen?

Für die Familien in Afrika sind die Menschen, die gehen, Söhne, Männer, Väter, Mütter, Töchter, die plötzlich fehlen. Viele im Senegal machen sich auf den Weg, und das, obwohl sie in Europa so gut wie nie politisches Asyl bekommen. Im Senegal wird keiner im Krieg erschossen. Das Land gilt in Westafrika als Stabilitätsanker, es ist eine Demokratie mit einer regen Zivilgesellschaft und einer vibrierenden Kunst- und Musikszene, die Menschen hier hängen einem moderaten Islam an, dem Sufismus. Im Senegal muss keiner verhungern. Auf der Liste der am wenigsten entwickelten Länder liegt es im Mittelfeld. Wie so viele afrikanische Länder ist es reich an Ressourcen, die vor allem ausländische Konzerne ausbeuten, davon profitiert die Elite, das Volk bekommt nicht viel davon ab. Die meisten Menschen arbeiten als Bauern oder Fischer. Wer nach Dakar kommt, erlebt eine Stadt im Immobilienboom. Und doch haben viele junge Leute keinen Job, nationalen Statistiken zufolge liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 13 Prozent, internationale Organisationen schätzen sie eher auf 43 Prozent.