Vor einem Jahr habe ich die Tübinger Bauverwaltung zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Monatlich kamen damals 200 Flüchtlinge in die Stadt, daher stellte ich folgende Aufgabe: "Wir müssen in zwei Jahren Wohnungen für 2.000 Flüchtlinge bauen." Die erste Reaktion aller Fachleute am Tisch war einhellig: "Unmöglich. Das können wir in so kurzer Zeit nicht schaffen." Wir haben uns darauf verständigt, dass wir es dennoch versuchen müssen. Die Menschen kommen ja zu uns.

Ein Jahr später haben sich viele unserer Befürchtungen bewahrheitet, die wir damals in einem 15-seitigen Katalog für die Regierungen in Land und Bund aufgelistet haben. Die meisten Hindernisse haben unsere Flüchtlingsprojekte voll erwischt. Alles dauert länger und wird teurer. Wir hatten geplant, im Juli die ersten 300 Plätze in Betrieb zu nehmen. Trotz größter Anstrengung wird das erste neue Gebäude nun erst im November fertig, weitere folgen im Dezember. So lange müssen die Flüchtlinge leider in Zwischenunterkünften leben.

An einem Standort, der wegen seiner Lage zwischen einer Bundesstraße und einer Bahnstrecke kaum als ökologisch wertvoll eingestuft werden kann, fanden sich Juchtenkäfer in einem halb toten Obstbaum. Zunächst schien es, als müsse der Standort ganz aufgegeben werden. Mit großem Planungsaufwand und einigen Monaten Zeitverlust ist es uns gelungen, die Flüchtlingshäuser um einen Baum herumzubauen, sodass er nun wie ein bedeutendes Naturdenkmal zwischen den Gebäuden steht.

Ein anderer Standort hat den Nachteil, in der Nähe von Tennisplätzen zu liegen. Weil Tennis laut ist, war ein Lärmgutachten nötig. Rein rechtlich müssen die Tennisplätze weg, wenn wir den Wohnraum dauerhaft nutzen wollen. Daher haben wir die Wohngebäude nur temporär genehmigt, um nicht weiter in Verzug zu geraten. Lärmschutz hat auch einen anderen Standort um ein halbes Jahr verzögert. Hier musste die Frage geklärt werden, ob das benachbarte Postverteilzentrum weiter betrieben werden kann, wenn mitten in der Stadt und 20 Meter von anderen Wohnungen entfernt ein Haus für Asylbewerber entsteht.

Wo keine Juchtenkäfer wohnen oder Tennisbälle fliegen, lauern andere Gefahren. Weil schnell verfügbare Standorte sehr schwer zu finden sind, mussten wir auch in stadtnahe Gewerbegebiete ausweichen. Der Lärmgutachter bekam gleich wieder Arbeit, denn es musste geklärt werden, ob die bestehenden Gewerbebetriebe weiter arbeiten dürfen, wenn nebenan Flüchtlinge wohnen. Ein Teil der Fläche kam deshalb nicht infrage. Für den Rest wurden Hochwasser und Erdbeben zum Problem. Die Gebäude sind nur für maximal zehn Jahre nutzbar. Trotzdem mussten wir die Vorschriften für Hochwasser und Erdbeben, die sich nur alle fünfhundert Jahre ereignen, erfüllen. Als würden wir für die Ewigkeit bauen! Ergebnis: erhebliche Mehrkosten und Umplanungen.

Nun haben alle diese Vorschriften gute Gründe. Es gibt ja noch den Brandschutz, den Denkmalschutz, den Nachbarschutz oder den Bodenschutz. Die Summe der Vorschriften ist jedoch derart gewachsen, dass es unmöglich ist, eine große Anzahl von neuen Gebäuden in kurzer Zeit zu bauen. So manches Schutzgut wird auch derart überbewertet, dass skurrile Lösungen gesucht werden müssen, um überhaupt noch etwas bauen zu können.

Das immer weiter wuchernde Vorschriftendickicht ist schon in normalen Zeiten ein Problem. Die Kanzlerin hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass die Zeiten nicht normal seien und nun "deutsche Flexibilität" gefordert sei. Die gibt es landauf, landab in den Kommunen und Landkreisen. Sonst wäre im letzten Jahr sowieso "Land unter" gewesen. Bei den Norm- und Gesetzgebern aber tut man sich damit immer noch sehr schwer. Auf jeden Vorschlag zur Vereinfachung eines Verfahrens habe ich eine ablehnende Antwort der jeweiligen Fachbehörden und Lobbygruppen erhalten. Dagegen kommt die Politik meist nicht an.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Mein jüngstes Beispiel: Wir müssen nagelneue Gebäude für Flüchtlinge teilweise neben 50 Jahre alte und nicht sanierte Sozialwohnungen setzen. Es wäre dem sozialen Frieden zuträglich, den Bewohnern der Altbauten den Umzug in die Neubauten zu erlauben und die Flüchtlinge in den bisherigen Sozialwohnungen unterzubringen. Den Ministerpräsidenten unseres Landes konnte ich von diesem Vorschlag schnell überzeugen. Die Ministerialbürokratie produziert trotzdem seit zwei Monaten Briefe, in denen wortreich erklärt wird, warum es vom EU-Beihilferecht bis hin zu eigenen Verordnungen ganz und gar ausgeschlossen ist, die Fördergelder für Flüchtlingsbauten so einzusetzen, dass bisherige Sozialmieter sich nicht benachteiligt fühlen. Der Tunnelblick und die Besitzstandswahrung der jeweiligen Fachlobby verhindern auf diese Weise jede Lockerung von Vorschriften.

Um nicht missverstanden zu werden: Einer der großen Vorzüge Deutschlands ist seine funktionierende Verwaltung, die präzise Bürokratie. Das müssen wir uns erhalten. Es geht nicht darum, alles über Bord zu werfen, sondern flexibel auf neue Aufgaben zu reagieren. Es würde meist schon reichen, sich mit dem Schutzstandard zufriedenzugeben, der vor 30 Jahren in Deutschland galt und daher für 80 Prozent aller Gebäude nach wie vor ausreicht. Kurz gesagt: Wenn wir so viele Flüchtlinge in so kurzer Zeit schützen wollen, wie wir es getan haben, dann müssen wir beim Schutz vor Lärm, Erdbeben und Hochwasser etwas weniger perfekt sein.