Im weitläufigen Frankfurter Messesaal tummeln sich viele Männer in schicken Anzügen. Mittendrin steht Aya Jaff. Die junge Frau trägt ein schwarzes Kleid und unterhält sich gerade mit Kollegen, als ihr ein Mann von hinten auf die Schulter tippt: "Zwei Bier, bitte." Aya Jaff dreht sich um. Unterdrückt Erstaunen, Peinlichkeit und Ärger und sagt: "Ich bin hier als Rednerin gebucht."

Noch heute, über ein Jahr später, schüttelt Jaff den Kopf, wenn sie an diesen Vorfall bei der Deutschen Anlegermesse zurückdenkt. "Das war mir in dem Moment total peinlich." Auch jetzt spricht sie wieder leise, so wie damals. Laut werden kann sie nicht, dafür ist sie gerade am falschen Ort. Die 20-Jährige mit den schwarzen Haaren und rot geschminkten Lippen sitzt im Café der Nürnberger Stadtbibliothek, vor ihr auf dem Tisch liegt ein mit Stickern übersäter Apple-Laptop, an den Nachbartischen kämpfen ältere Herren mit überdimensionalen Zeitungen. Es herrscht vornehme Ruhe.

Aya Jaff gründete das Online-Börsenspiel Tradity mit, das heute von 11.000 Schülern gespielt wird. Sie forschte als Stipendiaten im Silicon Valley zur Zukunft der Logistik. Technologie-Zeitschriften ernannten sie zur Digitalrevolutionärin, etablierte Medien wie der Deutschlandfunk befragten sie als Expertin.

Jaff wurde im Irak geboren. Als sie ein Jahr alt war, kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland und gründete schon zu Schulzeiten eigene Programmierclubs. Damit gehört sie zu einer in Deutschland seltenen Spezies: Derzeit kommt auf sechs männliche IT-Spezialisten eine Informatikerin, der Frauenanteil in Unternehmen der Informationstechnologie und Telekommunikation beträgt gerade einmal 14 Prozent.

Sie war gerade 14 Jahre alt, da drückte ihr die sechs Jahre ältere Schwester das Buch Poor Dad, Rich Dad in die Hand. In dem Buch beschreibt der amerikanische Autor Robert Kiyosaki, wie man der Armut entfliehen kann, indem man zum Unternehmer wird. Kiyosaki ist umstritten, manche bezeichnen ihn als Aufschneider. Für Aya Jaff aber war das Buch eine Inspiration. "Damals habe ich beschlossen, dass ich später Unternehmerin werden will." Unternehmerin, das hieß für die Schülerin nicht etwa ein zweiter August Oetker zu werden. Ihre Vorbilder hießen von Anfang an Bill Gates und Marc Zuckerberg. Smartphones, Laptops, Programmieren, das ist die Welt, in der sie aufgewachsen ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Ihr erstes Handy bekam Aaya Jaff in der Grundschule, den ersten Laptop in der siebten Klasse. Heute postet sie regelmäßig auf Facebook, Twitter und Instagram und führt ihre eigene Homepage. "Ein Unternehmen muss in Zukunft digital denken – egal in welcher Branche", sagt sie.

Viele Jugendliche, insbesondere junge Frauen, nutzen zwar digitale Technologien, durchdringen sie aber nicht. "Manche Jungs treffen sich in ihrer Freizeit und bringen sich das Programmieren gegenseitig bei", sagt Ursula Köhler von der Fachgruppe Frauen und Informatik in der Gesellschaft für Informatik. "Dass Mädchen das von sich aus machen, kommt selten vor." Auch in der Schule wird IT-Wissen kaum gefördert: Im Vergleich mit 20 anderen Ländern kommen Computer im Unterricht nirgendwo seltener zum Einsatz als in Deutschland. Das zeigte die vom Bundesbildungsministerium geförderte internationale ICILS-Studie von 2014.

Auch Aya Jaff lernte in der Schule nur in der sechsten Klasse ein bisschen Informatik. Doch sie hatte einen Vater, der sie bei Excel-Problemen um Rat fragte und ganz selbstverständlich annahm, dass seine Tochter sich mit Computern auskannte. "Mein Vater hat mir schon in der Grundschule das Tippen mit Zehnfingersystem beigebracht", sagt Jaff. Vielleicht war es ihr Glück, keinen Bruder zu haben, an den er sich hätte wenden können. Auf jeden Fall führte es dazu, dass die 14-Jährige nicht wie so viele Mädchen Rechner abschreckend fand, sondern bereit war, sich mithilfe von Internetangeboten wie Code Hero und Codeacademy erste Programmiergrundlagen beizubringen. Kurz darauf gründete sie sogar einen eigenen Programmierclub, um ihr Wissen mit anderen zu vertiefen.