Wie glücklich fühlen Sie sich heute – genau wie gestern oder vielleicht ein paar Prozent glücklicher? Komische Frage, denken Sie? Warten Sie’s ab! In ein paar Jahren dürfte es völlig normal sein, die tägliche Glücksbilanz, ähnlich wie das Wetter, am Handy oder Computer abzulesen.

Nicht nur die App zur Bestimmung des Glückspegels wird es geben. Die Software könnte uns auch sagen, worüber wir uns freuen, was uns erregt oder nervt, wie oft wir in den letzten 24 Stunden gelacht haben, ob wir verliebt oder depressionsgefährdet sind – ähnlich wie die EnkeApp, die der DFB in dieser Woche vorstellte. Benannt nach dem ehemaligen Nationaltorwart Robert Enke, der sich aufgrund einer Depression das Leben nahm, soll sie die Stimmungslage des Handybesitzers abfragen und ihn im Notfall mit einer Beratungshotline verbinden. Das Beispiel zeigt: Computer werden immer einfühlsamer. Und die Kunst, Gefühle zu verstehen, ist bald nicht mehr allein dem Menschen vorbehalten.

Das ist das Verdienst des Affective Computing, einer Forschungsdisziplin, die man mit "gefühlvollem Rechnen" ebenso übersetzen könnte wie mit "Gefühlsberechnung". Ihre Vertreter arbeiten mit Erfolg daran, unsere Gefühle maschinell zu erkennen – und zu simulieren. Manche ihrer Projekte erscheinen kurios, andere faszinieren oder erschrecken, je nach Blickwinkel. Klar ist: Da ist eine technische Revolution im Gange, die manche schon mit der Erfindung des Internets vergleichen. Sie wird nicht nur die Art verändern, wie wir über Gefühle reden, sondern unser Fühlen selbst.

Nehmen wir zum Beispiel Schuld und Vergebung. Möchten Sie sich etwas von der Seele reden, sich aber keinem Priester anvertrauen? Dann ist Hoffnung nah. Im Mai wurde in New York der erste vollautomatische Beichtstuhl in Betrieb genommen. Im Pop-up Confessional kann man einem Konversationsprogramm gegenüber alle Sünden loswerden, die einem auf dem Herzen liegen. Die künstliche Intelligenz versucht, sich darauf einen Reim zu machen und einfühlsam zu reagieren. Noch ist das Ganze eher spielerisch. Das Projekt soll testen, wie weit Menschen sich einer Maschine gegenüber öffnen – und was diese aus den Gesprächen lernen kann. Doch der Pop-up Confessional ist bereits nah an der Realität.

In vielen Labors wird an ähnlichen Anwendungen gearbeitet, an virtuellen Therapeuten oder Lehrern, die so einfühlsam auf ihre Nutzer reagieren wie echte Menschen. Am Institute for Creative Technologies in Los Angeles erprobt man beispielsweise die Automatisierung der Psychotherapie von traumatisierten Kriegsveteranen. Die harten Jungs, die sich Menschen gegenüber nur schwer öffnen, sitzen vor einem Bildschirm und plaudern mit einem animierten Computerwesen namens Ellie über ihre Situation.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Der Avatar tastet sich, wie eine echte Therapeutin, vorsichtig an die Patienten heran, sagt: "Wie geht’s dir heute?", "Was war dein Lieblingsfach in der Schule?" oder "Erzähl mir von der schwersten Entscheidung deines Lebens". Zugleich zeichnen Kameras und Mikrofone die Gestik, Mimik und Stimme des Probanden auf, woraus das Programm dessen jeweilige Gefühlslage berechnet und das Verhalten des Avatars anpasst.

Kämpft der Veteran mit schmerzhaften Erinnerungen, senkt Ellie mitfühlend den Kopf und gibt ihm Zeit, sich zu fangen – ganz so, als ob sie seinen Schmerz nachvollziehen könnte. Gleichzeitig analysiert das Programm die nonverbalen Signale des Probanden, um Rückschlüsse auf eine mögliche Depression und posttraumatischen Stress zu ziehen: Wie oft lächelt er, wie lange dauert das Lächeln, wie häufig senkt er den Blick?