"Wenn Du einem Menschen mit Autismus begegnest, hast Du einen Menschen mit Autismus kennengelernt." Es ist gut, diesen Satz in der Einleitung eines Sachbuchs über Autismus zu lesen. Besonders wenn dieses Buch im Untertitel das Versprechen trägt, eine geheime Geschichte des Autismus zu erzählen. Das Zitat, so ergänzt der Westküsten-Wissenschaftsjournalist Steve Silberman, sei unter Autisten geläufig.  Jeder Autist ist anders.

Silbermans Buch, das in den Vereinigten Staaten unter dem Titel NeuroTribes veröffentlicht wurde und zum Bestseller avancierte, ist der Versuch, durch plastische Fallgeschichten die Vielfalt des autistischen Spektrums zu beleuchten. Das Buch ist fraglos Ergebnis einer fleißigen Recherche. Davon zeugen der Fußnotenapparat und die zahlreichen klinischen und wissenschaftlichen Bezüge. Sein Umfang zeugt von vielleicht zu viel Fleiß: Auf mehr als 500 Seiten erzählt der Autor die Geschichte des Autismus entlang von historischen Personen (Patienten, Forscher und Angehörige). Dabei ist er so akribisch, dass wohl jeder Leser mehr Details erfährt, als er möchte – sicher aber mehr, als zum Verständnis nötig wären.

Das ist der erste, formale Kritikpunkt an Geniale Störung. Der zweite ist inhaltlich. Es kommen bei Silberman viele beeindruckende, außergewöhnliche Persönlichkeiten mit Autismus vor. Außergewöhnlich in dem Sinne, wie sie sich ausdrücken, wie sie ihr Leben meistern, oft auch insofern, als sie aufgeklärte und zugewandte Angehörige oder Freunde haben, durch die sie ihren Platz in der Gesellschaft finden. Dann gibt es natürlich noch die historischen Protagonisten, über die sich die klinische Geschichte von Symptomatik und Diagnose erzählen lässt. Weniger geeignet für eine große Erzählung sind schwere Fälle geistiger Entwicklungsstörung, tragische Fälle von sozialer Vereinsamung, die mutmaßlich vielen Fälle des Scheiterns an einer "neuronormalen" (das Adjektiv benutzt der Autor) Welt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Sicher ist es einfacher, über Asperger-Autisten, über Inselbegabte und Savants zu schreiben. Auch wenn der Autor diese nicht als repräsentativ für das gesamte Spektrum darstellt, bestimmen sie doch den Leseeindruck. Es ist ähnlich wie im Kinofilm Rain Man mit Dustin Hoffmans sympathischer Darstellung eines Inselbegabten. Die meisten Menschen des autistischen Spektrums sind wohl ganz anders, und doch denkt man beim A-Wort an Hoffmans Rolle des Raymond Babbitt.

Man könnte es so sagen: Wer eine Geschichte schreibt, der braucht Protagonisten, Ereignisse und entscheidende Wendungen, kein statistisches Mittel. Schon weil es hier auch um ein höchst ungewöhnliches Stück Medizingeschichte geht. Silberman beschreibt den Autismus von seiner parallelen Entdeckung im Nazi-Wien und in den USA aus. Er berichtet von falschen Interpretationen, von grauenvollen "Therapien" (Elektroschocktherapien für kleine Kinder, Irrenhaus für Erwachsene) und den Verheerungen in der öffentlichen Wahrnehmung (vom Vorwurf der "Kühlschrank-Mutter" bis zur Lügengeschichte über einen angeblichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus). Vor allem aber erzählt Silberman von Autisten, die er selbst getroffen oder deren Angehörige er gesprochen hat. Klar im Buch erkennbar ist auch seine Genese, an dessen Anfang ein Artikel stand, den Silberman 2001 im Wired- Magazin veröffentlicht hatte. The Geek Syndrome handelte von Autismus im speziellen Soziotop des Silicon Valley. Silberman, selbst Autor und Redakteur bei Wired, ist ein eingefleischter geek, versessen auf Computer. Geniale Störung ist voller größerer und kleinerer Referenzen. Da blitzen Star Trek, die Programmiersprache Perl und immer wieder große Sympathie für die Mathematik- und Technikfixierung vieler Menschen aus dem autistischen Spektrum auf. All das erklärt eine gewisse Verzerrung in der Auswahl der Protagonisten, entschuldigt sie vielleicht. Aber kürzen hätte der Autor wirklich können – oder wenigstens sein Lektor.

Ein Kind mit der Diagnose Autismus wurde nicht mehr wie ein Kind behandelt
Steve Silberman

Angenehm und verständnisfördernd ist Silbermans klare, empathische Haltung, aus der heraus er einen gesellschaftlichen Appell entwickelt: Medizinische Ursachenforschung sei vielleicht interessant, aber gar nicht so entscheidend (und Heilungsversprechen seien gefährlicher Unsinn), vielmehr müsse die Gesellschaft mit diesen Menschen so umgehen, wie es ihren Bedürfnissen entspreche.

Natürlich liefert Silberman dafür viele positive Beispiele. Praktisch argumentiert er für Inklusion und begrifflich für eine zugewandte Sichtweise. Was man früher einfach "geistige Behinderung" nannte, sieht der Autor als "Neurodiversität". Nicht nur jeder Autist ist anders, jeder Mensch ist es: So wird das autistische Spektrum zum Teil der menschlichen Vielfalt. Das mag policitally correct klingen, vielleicht naiv, aber es ist eine plausible Folgerung und menschlich absolut nachvollziehbar. Bleibt das "geheim" im Untertitel. Muss man ein so faszinierendes Thema so verkaufen? Im englischen Original (NeuroTribes) versprach der Buchdeckel etwas anderes, Passenderes: das Vermächtnis des Autismus und die Zukunft der Neurodiversität.

Steve Silberman: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. DuMont Verlag, Köln 2016; 560 S., 28,– €, als E-Book 21,99 € (VÖ 18. Oktober 2016)