DIE ZEIT: Herr Haas, Ihre Musik ist sehr visuell und sinnlich. Man meint, darin die Kraft und Gewalt der Bergwelt zu spüren, in der Sie aufgewachsen sind.

Georg Friedrich Haas: Es ist merkwürdig, dass ich zu den Bergen mittlerweile eine tief sitzende Aversion entwickelt habe. Es gibt dort keine Sonnenaufgänge und keine Sonnenuntergänge. Wenn man in Tschagguns im Montafon lebt, gibt es nur zwei Richtungen: taleinwärts oder talauswärts. Ich glaube, dass diese Eindimensionalität einengt.

ZEIT: Wie hat sich das in Ihrer künstlerischen Arbeit niedergeschlagen?

Haas: Die Verbindung zur Natur ist zweifellos wichtig für meine Kunst. Aber sie hat keinerlei Auswirkungen auf deren Inhalte. Für die Dunkelheit meiner Musik gibt es zwei andere, sehr konkrete Gründe. Aus Scham habe ich jahrzehntelang darüber geschwiegen. Erst jetzt, da ich in New York ein in jeder Hinsicht völlig neues Leben führe, bin ich imstande, darüber zu reden. Der erste Grund wird seit meinem Coming-out Anfang des Jahres relativ häufig diskutiert: Ich habe eine sadomasochistische sexuelle Neigung, die ich 40 Jahre lang bekämpft habe. Das heißt, ich habe 40 Jahre lang in Scham gelebt, in dem Gefühl, ich bin ein schlechter Mensch, ich muss mich bessern. Ich habe verzweifelt versucht, mich zu ändern, und hatte gleichzeitig die Gewissheit, dass ich niemals ein wirklich glückliches sexuelles Leben führen kann, da ich mir meine Neigung nicht eingestanden habe. Deshalb bin ich auch nach New York gezogen. Ich wusste, hier gibt es eine breite BDSM-Szene ...

ZEIT: Das ist die Abkürzung für "Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism", ein ganzes Bündel tabuisierter sexueller Praktiken.

Haas: In New York habe ich eine Chance, mich zu verwirklichen. In Österreich hätte ich mich das nicht getraut.

ZEIT: Obwohl diese Szene in Österreich doch auch existiert.

Haas: Es gibt sie schon, aber in Österreich kennt man mich. New York ist so groß, da kennt mich niemand. Wobei mir das heute wurscht ist. Ich spreche offen darüber, weil ich mich nicht mehr verbergen will. Und weil ich jüngere Menschen ermutigen möchte, es nicht wie ich zu machen: Jahrzehntelang falsche Wege zu gehen, unglücklich zu sein, Menschen, die man liebt, unglücklich zu machen – nur weil man nicht imstande ist, die scheinbar dunklen und abgründigen Aspekte des eigenen Ichs zu akzeptieren. Die zweite, noch gewichtigere Motivationsquelle meiner Musik aber sind die massiven Schuldgefühle, die ich aufgrund meiner Familie empfinde. Ich bin in einem nationalsozialistischen Umfeld aufgewachsen.

ZEIT: Wie haben Sie das als Kind und Jugendlicher wahrgenommen?

Haas: Ich dachte, es ist normal, wenn man dreimal am Tag verprügelt wird, und es ist normal, wenn man am Tisch erst reden darf, wenn man gefragt wird, und man immer gerade sitzen muss. Gewalt war selbstverständlich. Man weiß als Kind ja nicht, dass das falsch ist. Ich hatte einen Volksschullehrer, der über die Nazi-Zeit gesprochen hat, von Monstern, die es gegeben hat, die furchtbare Dinge getan haben. Ich bin nach Hause gegangen und habe das erzählt, und bei dem Wort Nazi habe ich eine Ohrfeige bekommen. Da habe ich mir gedacht: Besser ich benutze dieses Wort nicht mehr. Natürlich habe ich nicht weiter gefragt, denn Nachfragen galt als Frechheit und hätte nur zu weiteren Schlägen geführt. Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein, da wurde mir bewusst: Diese Monster, das sind meine Eltern und Großeltern. Trotzdem war ich nicht fähig, zu denken, meine Familie ist kriminell. Ein Kind kann das nicht. Damals war ich überzeugt: Der Lehrer lügt. Durch meine Erziehung, vor allem durch den Einfluss meines Großvaters, der eine anerkannte Persönlichkeit war ...

ZEIT: ... der Architekt Fritz Haas ...

Haas: ... und mich mit einschlägiger Literatur vollgestopft hat – durch all das war ich noch zu Studienbeginn indoktriniert. Erst mit 20 oder 21 Jahren bin ich aufgewacht.

ZEIT: Wie kam es dazu?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Haas: Platt gesagt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man wird sich irgendwann der schmerzlichen Wahrheit bewusst, aus einer Verbrecherfamilie zu stammen. Und schaut dieser Wahrheit offen ins Gesicht und zieht daraus Konsequenzen. Oder man macht es so wie Jörg Haider, der zwar intelligent genug war, um die Wahrheit zu erkennen, aber so tat, als würde er sie nicht kennen. Diesen Zwiespalt hat er letztlich mit seinem Leben bezahlt. Er starb, vollgestopft mit Alkohol und Drogen, auf dem Weg zu seiner Mutter, von deren Ideologie er sich niemals gelöst hatte. Dass ich aufhörte, ein Nazi zu sein, verdanke ich drei Dingen. Zum einen den Diskussionen mit einem wunderbaren Freund und praktizierenden Katholiken, der mir klarmachte, dass ich meine Weltanschauung nicht auf ein emotionales Geschwurbel von Volk, Vaterland, Familie und Abendland gründen kann. Zum Zweiten der Musik. Die Klangwelt von John Cage hat mich fundamental verändert. Mir ist klar geworden: Man kann Schönberg verehren und ein Nazi sein. Das geht. Aber nicht Cage. John Cage ist ein Komponist, für den der Freiheitsbegriff existenziell ist, der mit dem Zufall und mit der Liebe zum Zufall operiert. Cage sagt: "Wenn ein Stück von mir gespielt wird, und ich erkenne es nicht wieder, dann spricht das für mich." Wenn man diese Welt betritt, die Welt der non-intentional music, die zulässt und nicht einengt, die umarmt, was klingt, dann lässt sich das nicht mit den reaktionären Anschauungen meines Elternhauses vereinen.

ZEIT: Ein Dilemma für Sie.