Seine Geschichte könnte hier im ohrenbetäubenden Lärm der Schweißmaschinen noch einmal ganz neu beginnen. Tuna scheint wie verwandelt, wenn er mit Gehörschutz, Sicherheitsbrille und Blaumann durch die Komponentenfertigung von Mercedes-Benz in Bremen läuft. Den Mercedesstern stolz auf der muskelbepackten Brust sieht der 16-Jährige aus, als gehörte er ganz selbstverständlich zu den Arbeitern in Halle vier. Tuna und Mercedes-Benz. Der Verhaltensauffällige und der begehrteste Arbeitgeber der Stadt. Ausgerechnet der Junge, der sich nicht beherrschen kann, schnell ausrastet, mit seiner Wut oft den Unterricht sprengte, vor einigen Jahren einer Mitschülerin die Schulter brach, ausgerechnet das Inklusionskind Tuna hat es als Praktikant hierher geschafft. Als Einziger in seiner Klasse.

Ist das schon das Happy End unserer Fortsetzungsgeschichte, auf das wir fünf Jahre lang gewartet haben?

Seit 2011 reisen wir ein- bis zweimal pro Schuljahr an die Gesamtschule Bremen Ost (GSO), treffen dort Schüler und Lehrer, setzen uns in den Unterricht, hören, was sie von sich und über die anderen erzählen, wollen wissen: Wie ist es, wenn alle gemeinsam lernen? Weil sich ein Bundesland wie Bremen dazu verpflichtet hat, jedem Kind die gleiche Bildung an einer Grund- oder weiterführenden Schule zu ermöglichen. Egal, ob es gesund oder behindert ist, begabt oder entwicklungsverzögert, schüchtern oder aggressiv. Was verändert sich, wenn Autisten neben Musterschülern sitzen und Lernverweigerer neben Leistungswilligen? Wie hoch ist der Frust und wie groß das Glück?

Schlaglichtartig haben wir auf Momentaufnahmen dieses größten Experiments der jüngsten Bildungsgeschichte geblickt, haben die Schüler beim gemeinsamen Theaterspielen gesehen, beim Musikmachen, Rechnen, Englischsprechen und dem Vortragen von Balladen. Wir erinnern uns an chaotische Sportstunden, Mobbing, Krisengespräche und Freudentänze. Wir haben gesehen, wie das Roma-Mädchen Elena, die wie alle anderen Schüler in diesem Text anders heißt, am Anfang kaum schreiben konnte und fast nicht sprach, wie Alex zu Beginn der fünften Klasse quietschte und in Dauerschleife quasselte, vorne in seiner ersten Reihe, bis die ganze Klasse einstimmte in ein schwer zu ertragendes Konzert. Wir haben miterlebt, wie Murat als der Besondere unter den Besonderen seinen Platz in der Klasse fand, seine Mitschüler dazu brachte, darüber nachzudenken, wie er wohl die Welt sieht, als Autist. In diesem Text wird über den Jungen zum ersten Mal nichts mehr erzählt werden dürfen. Seinen Eltern hat es nicht gefallen, wie ihr Sohn in den Artikeln der letzten Jahre beschrieben wurde. Deshalb geht diese Fortsetzungsgeschichte nun ohne ihn weiter.

Es ist ein besonderes Schuljahr, das für die Schüler der Klasse 10.3 im August begonnen hat. Ihr letztes gemeinsames Jahr. Die Zeit rast jetzt erbarmungslos dahin. Dem Abschied bibbern sie alle mit Sorge entgegen. ("Ich werde so flennen", sagt ein Junge. "Ich habe schon jetzt einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke", sagt eine Lehrerin.) Keiner fragt sich jetzt mehr, wie schaffen wir die nächsten Jahre gemeinsam, wie halten wir das aus, so unterschiedlich, wie wir alle sind? Jeder fragt sich jetzt: Wie schaffe ich es nach diesem Jahr bloß allein? Ohne die anderen. Ohne die Lehrer Frank Dopp, Siebo Donker und Astrid Möllmann, die so manchem Schüler zur Ersatzfamilie wurden, die all die Jahre um jeden Einzelnen gekämpft haben, nicht aufgaben, als Team unzertrennlich waren und der Klasse so zeigten, dass es sich lohnt, füreinander einzustehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Astrid Möllmann sieht Tuna schon von Weitem durch die Halle kommen. Breitbeinig, grinsend. Es ist das Grinsen eines Zufriedenen. Möllmann nimmt ihn in den Arm. Das macht die Sozialpädagogin immer, wenn sie ihre Schüler sieht. Also auch hier, mitten im Mercedes-Werk. Tuna lässt es geschehen. Gemeinsam mit dem Sonderpädagogen Siebo Donker hat sich Möllmann am Morgen aufgemacht, um erst Tuna und dann Alex an ihren Praktikumsplätzen zu besuchen. "Wie isses, Tuna?", fragt Donker. "Gut, alles ist gut." Tuna sitzt an einem Bistrotisch im Pausenraum und erzählt von Schrauben, Schläuchen und Kabeln, die er auswechseln müsse, damit die Schweißwerkzeuge wieder problemlos funktionierten. Er erzählt von Fehlern, die er schon gemacht habe, die ihm aber keiner übel nahm. Von Büchern, die ihm der Meister geben will, damit er noch mehr erfährt über die Maschinen, die sie hier benutzen. Als Tuna kurz rausgeht, um seinen Praktikumsordner aus dem Spind zu holen, lachen sich Donker und Möllmann an. Dass Tuna ihnen hier so selbstbewusst gegenübersitzt, klarkommt in einem Werksbetrieb mit wildfremden Menschen, ganz ohne Unterstützung, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist auch ihr Verdienst. Er sei nervös gewesen vor diesem Praktikum, erzählt Tuna. Unter die Lust, etwas zu wagen, was ihm keiner zugetraut hatte, mischte sich Angst. Als sie in der Schule ausfüllen mussten, was sie sich für das Praktikum wünschten, schrieb Tuna: "Dass sie freundlich zu mir sind. Wobei es reicht, wenn sie mich so nehmen, wie ich bin."

In Bremen zeigt sich jetzt: Inklusion heißt mehr, als Schüler, die verschiedener nicht sein könnten, für ein paar Jahre gemeinsam in einen Klassenraum zu setzen. Diese Jahre im Versuchslabor vergehen schnell, und dann kommt es darauf an, ob der Satz "Ihr gehört jetzt dazu" auch in der Arbeitswelt gilt. Wird das Versprechen eingelöst, dass die Inklusion die Perspektiven aller Kinder und Jugendlichen mit Handicap verbessert? Weder Politiker noch Bildungsforscher haben darauf schon eine Antwort.

Im Nationalen Bildungsbericht 2016 kommt auf 349 Seiten das Wort Inklusion zwölfmal vor. Auf den Seiten, auf denen es um die berufliche Bildung geht, gar nicht. Bei der Kultusministerkonferenz: nur Verlautbarungen. Wenig konkrete Handlungsanleitung. Im Rahmen der Inklusion sollten "Voraussetzungen für eine dauerhafte Eingliederung in die Arbeitswelt geschaffen" werden, heißt es – "durch eine frühzeitige Vorbereitung und Erprobung von beruflichen Tätigkeiten". Wer die Jugendlichen vorbereiten und aufmerksam machen soll auf Betriebe, die mit behinderten Schülern arbeiten, schreiben die Kultusminister nicht.

An der GSO kümmert sich Siebo Donker um die Berufsvorbereitung. Er ist mit den Inklusionsschülern zu Handwerksmeistern gefahren, damit sie wissen, was ein Maler, ein Elektriker, ein Dachdecker macht. Weil sie im Unterricht fehlten, blieben Diskussionen mit den Fachlehrern nicht aus. Dass sich Lehrer überhaupt um die beruflichen Perspektiven ihrer Schüler kümmern, ist längst nicht die Regel. In vielen Inklusionsklassen geht es schlicht darum, den Tag zu überstehen, ohne Zwischenfälle, Ausraster, Katastrophen. Was über den reinen Unterricht hinausgeht, gilt schon als Zumutung. Meist fehlt es an Personal, an Ausstattung, Kompetenz und Unterstützung. In Bremen sehen die Lehrer, was es ausmacht, ein Team zu sein, das keiner auseinanderreißt, das sechs Jahre lang durch Höhen und Tiefen miteinander geht. An anderen Schulen unvorstellbar. Noch ist Deutschland weit davon entfernt, dass die ersten Inklusionserfahrungen ein Bild der Hoffnung zeichnen. Lehrer agieren zwischen Versuch und Irrtum, zwischen Scheitern und Gelingen.