Luther, Luther, Luther. Luther-Bettwäsche, Luther-Servietten, Luther-Schnaps, Luther-Kerzen, Luther-Einkaufswagenchips, Luther-Keksförmchen, Luther-Playmobilfiguren, Luther-Schneekugeln, Luther-Geschirrtücher, Luther-Brillenputztücher, Luther-Quietscheentchen. Das alles und noch mehr hält Amazon für den feierwilligen und lutherbewussten Protestanten bereit. Beim Geschirrtuch kann man sogar wählen: Luther im Doppelporträt mit Melanchthon oder "Luther vor Karl V." Mit Luther abtrocknen! Im nächsten Jahr wird es sogar ein "Pop-Oratorium" namens, nun, "Luther" geben. Es tourt durch deutsche Großstädte und verkündet mit 2.000 Sängern das Leben des Reformators in Liedform, falls es jemand bis dahin noch nicht genau mitbekommen haben sollte.

Man kann diese protestantische Dauerwerbesendung schon fast missionarisch nennen. Sie ist einfach überall, und es wird ab jetzt noch ärger. Das Reformationsjubiläum ist eine seit zehn Jahren andauernde Fernsehserie, deren lang ersehnte letzte Staffel nun endlich erscheint. Alle sind aufgeregt, aber als Katholik kann man da nur sagen: Danke, aber ich gucke nicht.

Die Protestanten versichern sich Martin Luthers und überlegen, was er ihnen heute noch zu sagen hat. Uns Katholiken ist in Sachen Luther schon alles gesagt worden. Schon vor 500 Jahren war eigentlich alles klar. Deutsche Kardinäle haben mittlerweile achtungsvolle Bücher zu Luther geschrieben. Fehler wurden zugegeben. Die Vergangenheit ist bewältigt. Unterschiede bleiben, da kann man nichts machen. Hat der Papst sich schon für oder bei Luther entschuldigt?

Unbestritten ist: Protestanten stehen auf der richtigen Seite der Geschichte, sind vernünftig und tolerant, frei, demokratisch, eigenverantwortlich und modern. Das können sie gern feiern. Glückwunsch! Der Diagnose kann man sich als Katholik ganz problemlos anschließen. Neidlos und wertschätzend. Andererseits dürfen Katholiken in der protestantischen Dauerwerbesendung eigene Tugenden und Errungenschaften nicht vergessen, damit sie entspannt und selbstbewusst durch das finale Feierjahr kommen. Es gibt keinen Grund, Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln. Warum es schön ist, katholisch zu sein, hat der Kölner Kabarettist Jürgen Becker einmal so beschrieben: "Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin,/ die haben doch nichts anderes als arbeiten im Sinn./ Als Katholik, da kannste pfuschen, dat eine is jewiss,/ am Samstag gehste beichten und fott is der janze Driss." Da ist man schon mittendrin im großen Gewissensthema. Katholiken sind nicht eingeschlossen ins Gefängnis ihrer Freiheit.

Sie sind nicht allein dem eigenen Gewissen unterworfen. Das ist ein Grund zur Freude. Sie dürfen schöpfen aus dem großen, überzeitlichen Gnadenschatz ihrer Kirche. Sie haben von außen gesetzte, verbindliche, strenge Regeln, an die sie sich halten können – oder auch nicht. Das geht beides. Jürgen Becker fasst treffend zusammen: "Moral ist nur erträglich, wenn sie doppelt ist." Diese Haltung ist völlig okay. Alle wissen, dass es schwer ist. Alle sündigen dauernd. Das Heil wird aber mittlerweile sehr großzügig verteilt, seit des Papstes Barmherzigkeitsoffensive sowieso.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Katholische Autoritäten können hart sein, aber wenigstens sind es Autoritäten. Man kann nachschlagen: Was ist die offizielle Sichtweise meiner Kirche zu Thema x oder y? Und dann gibt es auch eine Sichtweise. Zu der kann man sich verhalten. Die Summe dieser Verhaltensweisen determiniert, ob man linker oder rechter Katholik ist.

Der katholische Klerus hat einiges durchgemacht, man wirft ihm allerhand vor. Dennoch: Als Katholik kann man besonders im Reformationsjahr zu ihm aufschauen. Nehmen wir Kardinal Woelki, einen exzellenten Redner, schlauen Politiker und volksnahen Hirten. Er hat deutliche Anti-Obergrenzenworte gefunden. Für den Piloten der abgestürzten German-Wings-Maschine stellte er im Kölner Dom mutig eine Kerze auf. In der viel diskutierten Silvesternacht predigte er über Terror und Märtyrer, vor vollem Haus, welches lieber nur das Tedeum gesungen hätte, anstatt sich schmerzhafte Wahrheiten sagen zu lassen. Katholische Autoritäten wie er werden gehört, immer noch. Sie dürften auch mal angetrunken Auto fahren, das würden Katholiken leger sehen. Sie sind keine Heiligen.

Die gibt es aber. Und es kommen sogar regelmäßig neue hinzu. Dabei werden den Kandidaten Wunder zugesprochen; das ist natürlich hart im Vernunftzeitalter. Aber wenigstens gibt die katholische Kirche den Anspruch nicht auf, einen Draht (nach eigener Lesart: den besten) nach oben zu haben und deshalb auch gelassen Überirdisches zuzumuten. Sei es bei der Eucharistie, der Priesterweihe oder der Heiligsprechung. Bei all diesen Vorgängen wird nicht behördlich etwas angeordnet oder eingesetzt oder trocken toterklärt. Liturgische Highlights werden als solche inszeniert, mit "pomp and circumstance", damit es auch schön aussieht.

Auf diesem Feld ist der Katholizismus ganz weit vorn. In Sachen Schönheit, sagen wir ruhig: Sinnlichkeit. Jürgen Becker dichtet in "Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin": "Zu Holland, USA und solchen Ländern muss man wissen,/ bei den Puritanern schmeckt das Essen janz beschissen./ Doch bist du katholisch wie Italiener und Franzos,/ da gibt’s lecker was zu spachteln und der Wein ist janz famos."

Gemeinhin gilt der Protestantismus als Konfession für den Verstand und der Katholizismus als Konfession für das Auge. Darf man nicht eigentlich froh sein, wenn man in Religionsdingen nicht nur auf den Verstand zurückgeworfen ist? Deshalb kann man sich im Reformationsjahr gut sagen: Es ist sicher klüger, Protestant zu sein, aber ist es auch schöner? All diese Dinge – Weihrauch, Messgewänder, Choräle, Latein, Prozessionen, Kreuzzeichen, Stundengebete, Rosenkränze, die Allerheiligenlitanei, der Karneval, Namenstage, Weihwasser, Reliquien, Wallfahrten – darf man auch genießen, dazu sind sie da. Zum Höhepunkt der Reformationsfeierlichkeiten empfiehlt es sich daher, als Katholik mal bei Youtube ein beliebiges Pontifikalamt in einer beliebigen Kathedralkirche anzugucken. Das fördert ein Bewusstsein dafür, Mitglied in einer der ältesten – und auch schwierigsten – Institutionen Europas zu sein. Ohne eigenes Zutun. Dieses Erbe ist ein Identitätsangebot, das man annehmen kann oder auch nicht.

Für Katholikinnen im Reformationsjahr ist das Problem noch mal anders gelagert. Sie müssen sich zu der Frage verhalten, welche Konfession besser zum eigenen Geschlecht passt. Die Reformatoren befreiten die Frauen aus den Klöstern, stellten sie hinterher aber an den Herd. Von dort durften sie sich, anders als im institutionellen Katholizismus, wegentwickeln. Die Lutheraner bieten reale Amtsgewalt an, das muss man respektvoll anerkennen. Und aufhören, gegen die immer gleichen katholischen Wände zu rennen.

Katholische Tradition ist eben männlich. Das lässt sich nicht mehr ändern. Wem es gelingt, ein positives Verhältnis zur Tradition aufzubauen, der schläft besser. Sie ist nicht nur ein Quell des Missvergnügens, sie ist auch ein riesiges Angebot. Seit 2.000 Jahren äußert sich die katholische Kirche im Prinzip fortlaufend zu theologischen, politischen und moralischen Fragen. Antworten auf diese Fragen nur in der Heiligen Schrift finden zu können, das wäre doch beängstigend. Mal schauen, was die nächste Enzyklika bringt. Man kann der katholischen Kirche nicht vorwerfen, sie beschäftige sich als Heilsanstalt nicht mit den drängendsten Fragen der Gegenwart.

Zu denen gehörte seinerzeit auch Martin Luther. Die Beschäftigung mit ihm ging nur völlig daneben. Heute ist man verständnisvoller, mischt sich in innerprotestantische Angelegenheiten nicht ein. Sollen die Glaubensbrüder ruhig noch ein Jahr richtig krass feiern. Es ist doch schön, wenn man zu sich kommt oder mal aus sich raus. In den Jubelgesang müssen Katholiken deshalb nicht einstimmen – aber halt, es wird ja eh nur vernünftig gesprochen.