Er nennt die Vernunft eine "Hure". Sie schläft mit jedem. Als er selbst sich mit 41 Jahren entschließt, sein Keuschheitsgelübde als Mönch zu brechen, heiratet er, wie er sagt, um es mit dem Teufel aufzunehmen. Der quält ihn körperlich. Die Ohrgeräusche geben in den ersten Jahren der Ehe mal Ruhe, aber als später sein Vater stirbt, fühlt er unausgesetzt Donnerschläge im Kopf. In seinen antisemitischen Hetztiraden stellt er sich vor, beispiellos widerwärtig, wie Juden die Exkremente des Teufels anbeten und verzehren, und über den verhassten Papst schimpft er, während er selbst immer korpulenter wird, der habe kein Recht, etwas so Natürliches wie Sex zu verbieten, so wenig, "wie er Macht hat, Essen, Trinken und das natürliche Ausscheiden zu verbieten oder das Fettwerden". Gegen den Teufel helfen, außer Sex, am besten: Essen, Trinken, Geselligkeit, Witzemachen.

Wie fern, wie fremd, wie befremdlich: Der Reformator Martin Luther hat mit dem Körper gedacht, gelebt und – geglaubt. Er hat die Reformation als einen kosmischen Kampf zwischen Gott und Satan am eigenen Leib ausgetragen. Das war vor 500 Jahren, lange bevor sich in der Moderne der rationale Geist von der Körpernatur trennte. Den Epochenumbruch, den Luther zwischen Mittelalter und Moderne in Gang setzte, hat er verkörpert, und was immer seinen Körper erschütterte: Die Menschen seiner Epoche sahen dem mächtigen Mann bei seinem Kampf zu, wie gebannt.

Heute, 500 Jahre später, hat ein spätmoderner Mensch diesen Luther in allen seinen Lebensregungen neu entdeckt, als Menschen aus Fleisch, Geist und Blut. Eine Frau. Sie hat nicht nur sein Denken und Handeln als Rebell gegen die damals übliche Käuflichkeit Gottes ernst genommen. Sie hat sich nicht auf seinen theologischen und politischen Weg beschränkt. Vielmehr hat sie sein Ohrensausen wahrgenommen, die Askese, die Leibesfülle, die Verstopfung – über Luthers ganzes Leben hinweg, denn er berichtet ja fortgesetzt über seinen Körper. Und sie hat in mehr als zehn Jahren Forschung an den Quellen eine Biografie verfasst, die das Zeug hat, das ins Haus stehende Reformationsjubiläum zu prägen: Luther. Renegade and Prophet, jetzt auch auf Deutsch: Der Mensch Martin Luther. Die Biografie.

Die Luther-Biografin Lyndal Roper am Fenster ihres Arbeitszimmers im Gebäude der Historischen Fakultät in Oxford © Sebastian Böttcher für ZEIT Literatur

Nach 500 Jahren und zahllosen Publikationen ist diese Biografie tatsächlich die erste von einer Frau: Sie heißt Lyndal Roper, hat die ehrenvolle Regius-Professur in Oxford inne und wurde soeben mit einem der angesehensten Wissenschaftspreise gewürdigt, dem hoch dotierten Gerda Henkel Preis. Begründung: Sie habe als Historikerin der Frühen Neuzeit in ihren methodisch grundlegenden Büchern über die Hexenverfolgung, die vormoderne Sexualität und die Neuordnung der Geschlechtermoral auf der Schwelle zur Moderne gezeigt, wie das Psychische ins Physische einwandert und umgekehrt. Sie hat Körpergeschichte geschrieben. Jetzt also die Luthers.

Die ehemalige High School for Boys in der George Street im britischen Oxford, ein ziemlich grässlicher Neorenaissance-Bau von 1881, ist heute der Ort, an dem die glanzvolle Geschichtsfakultät der Universität ihren Sitz hat. Die Tür geht nicht auf, ein komplizierter elektronischer Code, Touristen sollen hier abprallen, hier wird geforscht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Dann öffnet sie sich aber doch: Lyndal Roper biegt um die Ecke, zierlich, drahtig, kleiner fahrradtauglicher Rucksack, ein kurzärmeliger schwarzer Pulli in fein gewirkter Spitze. Jungenhaft, weiblich. Zartes Kraftpaket. Sogleich lächelt sie dieses Lächeln, das während unserer Begegnung immer wieder zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit blitzschnell wechseln wird. Sie fragt mich, protestantischer Pflichtsound, auf Deutsch: "Bin ich also zu spät?", dabei wissen wir beide: Ich bin es, die zu früh ist, und zwar viel zu früh.

Diese Frau ist also die 60-jährige Spitzenforscherin, die mehr als zehn Jahre ihres Lebens in den Stadt- und Landesarchiven der ostdeutschen Provinz über Papieren gesessen hat, welche ein halbes Jahrtausend alt sind, um Luther zu finden. Nun geht sie in der Old Boys’ School zügig die majestätische Treppe hoch, erster Stock, in ihr Zimmer: Und da steht er.

Martin Luther steht in Lyndal Ropers Arbeitszimmer gegenüber der Tür auf der Fensterbank, er steht da in Purpurrot, Ottmar Hörls korpulente Luther-Kunststoffstatue von 2010, die Bibel aufgeschlagen in den kräftigen Händen und beinahe feist das Gesicht: massiv. Monumental. Ein feste Burg, hier stehe ich, ich kann nicht anders, denkt man unweigerlich, aber diese Statue kann durchaus anders, sie ist in Wirklichkeit federleicht, man kann sie unter den Arm nehmen. Eine befreundete deutsche Historikerin hat sie auf dem Rücksitz ihres Autos von Thüringen bis nach Oxford gefahren.