Einer Schachtel gleich steht der Wohnblock auf der grünen Wiese; die Betonwucht des Eingangs scheint geradewegs in einen Bunker zu führen. In den Balkonhöhlen rattern Plastikwindräder gegen die Öde an. Fahle Glühlampen verbreiten ihr Geisterlicht. Ein Unort am Dorfrand von Pfäffikon. So wie es Tram-Endstationen sind. Oder Imbiss-Ecken in Tankstellen.

Als die Polizisten im ersten Stock die Türe aufwuchteten, schlug ihnen verqualmte Luft entgegen. Der Boden war übersät mit Zigarettenstummeln; auf den Ablagen standen gebrauchte Gläser und schmutzige Teller. Im Wohnzimmer lief der Fernseher, im Sessel davor lag ein regloser Mann in Socken. Das Blut war ihm aus der Nase bis auf die Brust getropft. Den Schuss in den Hinterkopf bewertete der Staatsanwalt später als "besonders hinterhältig", ja als "eigentliche Hinrichtung" und Beweis für "absolute Geringschätzung gegenüber dem Leben". Erschossen hatte den ehemaligen NZZ-Redaktor sein Sohn Stephan*, ein 19-jähriger Fahrradmechaniker-Lehrling. Ende Oktober steht er vor Gericht.

Keinen Kilometer vom Tatort entfernt sitzen an diesem warmen Herbsttag die Familien Koller* und Bengasi* um einen drehbaren Couchtisch. Alles darauf ist selbst gebacken, doch niemand greift zu. Solche Familien kennen die Polizei nicht mal von Parkbußen. In diese offenen Gesichter hinein nach einem Tötungsdelikt zu fragen scheint eine Zumutung. Die Söhne, Stephans Freunde, nennen die Tat "Vorfall" und Stephan "einen riesigen Kollegen". Herzlich. Hilfsbereit. Liebe- und verständnisvoll. Immer gut gelaunt und gelassen. "Er machte alles für die Menschen, die er mochte." Als sie merken, dass sie in der Vergangenheit sprechen, verstummen sie rasch. Ihre Mütter sagen: "Er war ein richtiger Sonnenschein." Und: "Immer wollte er beim Kochen helfen." Ja sogar bezahlen für das, was er gegessen hatte. Nach dem Abendessen wäre er stets am liebsten geblieben. Doch kaum rief ihn sein Vater an, wurde er unruhig und hatte es eilig. Beim Abschied umarmte er sie so heftig, wie dies nicht mal die eigenen Söhne taten.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Stephans Foto macht die Runde. Ein Mann mit breiten Schultern und dem gutmütigen Gesicht eines erwachsenen Kindes lächelt in die Kamera. Mario* und Patrick*, aktive Eishockeyspieler und Lehrlinge im letzten Lehrjahr, angeln nach der Taschentuch-Box auf dem Tisch. Erst tun sie so, als müssten sie sich die Nase putzen. Dann werden auch die Augen ihrer Mütter nass, und die Väter gehen rasch auf den Balkon, um zu rauchen. "Warum", fragt Patrick, "sprach er nie über seine Probleme? Warum gab er uns nie Gelegenheit, ihm unsere Freundschaft zu beweisen?"

Natürlich hatten sich Patrick und Mario längst ein eigenes Bild von Stephans Zuhause gemacht. Wann immer sie ihren Freund besuchten, lag sein Vater vor dem Fernseher. Wenn sie kamen, sagte er "Hoi", wenn sie gingen "Tschüss". Manchmal "schrie er auch herum". Dann musste Stephan alles stehen und liegen lassen, um zu waschen und zu putzen. Sonst ging der Vater mit Fäusten auf ihn los. Einmal, als sich Stephan in seinem Zimmer verbarrikadiert hatte, trat er die Tür ein. Doch nie ließ ihr Freund etwas auf seinen Vater kommen. "Immer suchte er die Schuld bei sich", sagt Patrick.

Erwachsene hielt der Vater stets energisch vom Betreten seiner Wohnung ab. "Das geht Sie einen feuchten Dreck an!", fuhr er Patricks Mutter an. Sonja Koller, ein zartes Wesen mit blondem Engelshaar, wundert sich nachträglich selbst, wie entschlossen sie sich an seinem schweren Körper vorbeischob. Auf dem Balkon stapelten sich leere Gin- und Champagnerflaschen; das WC war kaputt, im Wasser schwamm der Unrat. In der Küche blieb ihr Rücken am Schrank kleben, als sie den schwarz verkrusteten Kochherd aus einem Schritt Entfernung anschauen wollte. Als sie das Putzmittel vom Schrank herunterholen wollte, zerfiel die Packung in ihre Einzelteile. Später sagte ihr Stephan: "Ich habe das nicht mehr gesehen. Als Mami noch lebte, war alles noch schlimmer."

Dass in dieser Wohnung einst eine Frau gelebt hatte, erkannte man an den Volants der Samtvorhänge, dem goldfarben angemalten Barockspiegel und einem Kronleuchter. Jetzt standen die Stücke wie ramponierte Requisiten eines längst liquidierten Theaters herum. Ähnlich ihrer Einrichtung, war auch Elenas Erscheinung ganz auf den wirkungsvollen Auftritt ausgerichtet. "Eine Art Superweib", sagt Svetlana Romanow*. "Sinnlich und frech." Die Schweizer Theaterschaffende mit russischen Wurzeln kannte Elena schon, als diese noch in einem Moskauer Filmbetrieb gearbeitet hatte. Obwohl Sekretärin, gab sie sich als Managerin aus. Eines Tages schickte sie der Chef zum Flughafen, um den Filmredakteur der Neuen Zürcher Zeitung abzuholen. Ihr Schwung und ihre wuchtige Körperlichkeit fegten auf Anhieb sämtliche Gewissheiten des distanziert-förmlichen Balts L. hinweg.