Dass ein Weltstar des Klaviers wie der 69-jährige Murray Perahia nach Jahrzehnten bei CBS und Sony ein neues mediales Leben bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft beginnt, verkündet die Firma mit Stolz. Bereits 2013 hat er für die DG in Berlin Bachs Französische Suiten aufgenommen. Und natürlich spielt er wie kaum ein Pianist sonst heute "schön": hochbewusst, organisch, balanciert, sinnvoll charakteristisch, Tanz für Tanz diskret spezifiziert, ohne jede subjektive Grille und doch deutlich in seiner Eigenheit – ein Monument ästhetischer Ausgewogenheit. Die Tontechnik der DG lässt diese dank mehr Raumklang nun noch etwas kantenloser erscheinen als zuvor, bei Perahias Bach-Einspielungen für Sony. Seit 1998 nimmt er, Freund und Schüler immerhin von Vladimir Horowitz, Bach auf – ein Bekenntnis auch zum Bach-Spiel auf dem modernen Flügel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Nun also jene Suiten, die den sogenannten französischen Einfluss auf Bach, den Umgang mit der Galanterie, repräsentieren. Dem hat sich jede Interpretation zu stellen, und es ist nicht etwa leichtere Kost, was hier gefordert wird, sondern vielmehr der Umgang mit dem Leichten und den Figuren einer grazilen Eloquenz. Glenn Gould empfand diesen Einfluss auf Bach geradezu als tragisch und drückte dies in meisterlicher Überschärfe aus, wie auf einem Röntgenbild – stets im Rückschluss auf das historische Instrument, für das diese Werke gedacht sind. Die Rezeptionsgeschichte, geht man noch weiter zurück, bietet auch andere Lösungen: bei Rudolf Serkin etwa, der das historische Instrument gleichsam ironisch zitierend einbringt, während Wilhelm Kempff der Musik ein Lächeln ihres Schöpfers über das stilistische Experiment abzugewinnen vermag.

Und so lässt sich über Murray Perahias wunderbar elliptische Lesart der Französischen Suiten am ehesten vielleicht Schumanns schöne Bezeichnung setzen: "Fast zu ernst". Dafür überzeugt Perahia durch eine Art überzeitliche Deutung. Mit aller Diskretion vollzieht er den Prozess des Kontrapunkts genau in der Art des Bachschen Zugriffs auf den französischen Stil, bei dem "die kontrapunktischen Details ästhetisch unauffällig sind", wie es bei Carl Dahlhaus so schön heißt. Aus Figur und Ornament lässt er immer wieder auch etwas Romantisches wie Stimmung leuchten und steigert so das Sympathische von Werk und Interpret jenseits jeder Ideologie.

Johann Sebastian Bach: Französische Suiten. Murray Perahia (DG)