Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bessere Wohnungen, eine umfassende Sozialversicherung und so weiter – es ist keineswegs sicher, dass wir uns diese Dinge leisten können, wenn wir die Vorteile preisgeben, die wir aus der kolonialen Ausbeutung ziehen." So lautet schon 1945 der hellsichtige Befund von George Orwell. Er hat noch einige Gültigkeit, wenn man "Kolonialismus" durch den "globalisierten Kapitalismus" ersetzt. Der systemische Zusammenhang, in dem die einen gewinnen und die anderen verlieren, ruft immer wieder die Ungleichheitsforscher auf den Plan: nun den Soziologen Stephan Lessenich mit seinem Buch Neben uns die Sintflut.

Lessenich achtet auf Nebenwirkungen des westlichen Wohlstands und sieht die "dunklen Seiten der westlichen Moderne": die Hightech-Landwirtschaft in Europa, die vom zerstörerischen Sojaanbau in Argentinien lebt; die Abholzung der Mangrovenwälder Thailands, um unseren Hunger auf Shrimps zu stillen; den Sandimport für die Bau- oder Fracking-Industrien, der in Afrika die Küsten erodieren lässt; den Plastikmüllstrudel im Nordpazifik. Der globale Süden liefert den Rohstoff für das Wachstum im Norden, und er dient als Senke für unsere Abfälle.

Ohne die Landnahme in der Außenwelt kann eine kapitalistische Gesellschaft nicht leben, sie ist – so der von Lessenich eingeführte Strukturbegriff – eine "Externalisierungsgesellschaft". Immer neu verlagert der Kapitalismus Gewalt und Ausbeutung, Abfall und Naturzerstörung dorthin, wo seine Nutznießer es nicht wahrnehmen müssen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Dass wir über die Verhältnisse der anderen leben, ist nicht neu, und Lessenich selbst betont, das wisse nun "jedes Kind". Aber da dieses Wissen mit den Moralvorstellungen unserer christlich-abendländischen Welt nur schwer vereinbar sei, werde es verdrängt oder weginterpretiert. Lange suggerierten "Entwicklungstheorien", der Wohlstand der Reichen werde durch den Mechanismus globaler freier Märkte quasi automatisch nach unten "tröpfeln"; wenn die Flut des Wohlstands steige, würden auch die kleinen Boote angehoben. Wo intellektuelle Selbstberuhigung nicht mehr funktioniert, sagt Lessenich, externalisiert man die Verantwortlichkeiten: Wegen der korrupten Eliten habe Entwicklungshilfe nichts gebracht. Oder man beruhigt das soziale Gewissen durch Spenden – wobei der Exportweltmeister auch den Titel in der Wohltätigkeit hält.

Mit dieser Diagnose unterläuft Lessenich zwar die Differenzierungen in jüngsten Studien von Ökonomen wie Branko Milanović, die eine neuartige Ungemütlichkeit zeigen: Während sich in den westlichen Industrienationen die Lage der Schwachen relativ verschlechtert und die Mittelschicht stagniert, bildet sich in den neu in den Weltmarkt eintretenden Ländern eine neue Mittelklasse, und auch die Lage der Ärmsten verbessert sich ein wenig.

Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer.
Stephan Lessenich

Gleichwohl: Lessenichs Kritik bezieht ihre Aktualität daraus, dass zumal in ökologischer Hinsicht das Wegsehen immer schwerer fällt. Die Universalisierung des Wachstumswahns kehrt als Erosion, Brunnenvergiftung und Klimakatastrophe zurück; die ökologischen Asymmetrien der Globalisierung lassen die Migration anschwellen. Mit dem so realistischen wie zynischen Bonmot des Finanzministers: Wir erleben und erleiden nun unser "Rendezvous mit der Globalisierung". Die große Wanderung der Verlierer hat begonnen – und mit ihr die Verlustangst bei uns.

Der Limes zwischen uns und den neuen Barbaren war nur durchlässig für Güter und Kapital und unüberwindbar für Migranten ohne Visum. Nun wird er belagert. Der kategorische Imperativ der Weltbürgerrechte endet am Mittelmeer, die grenzenlose Freiheit für das Kapital erfordert eine Welt bewachter Grenzen und eingezäunter Gemeinschaften. Das irreale offizielle Ziel der Weltökonomen – mehr Gleichheit auf dem Konsumniveau des Westens – droht ins ökologische Desaster zu führen.