Postkommunistische Politiker holen Deutschlands nationalsozialistische Vergangenheit bei Gelegenheit gern als Argument hervor. Meistens hören wir so etwas aus Polen, ab und zu aus Ungarn. Kürzlich auch aus der Tschechischen Republik, als Präsidentensprecher Jiří Ovčáček in den sozialen Medien auf skandalöse Weise auf das heutige Deutschland als das "Reich" anspielte. Meiner Meinung nach sind das Anzeichen dafür, dass sich nicht nur die Beziehungen dieser Länder zu Deutschland ändern, sondern auch zum Westen als Ganzes.

Der Unterschied zwischen Westeuropa auf der einen Seite und Mittel- oder Osteuropa auf der anderen ist viel größer, als wir Osteuropäer uns in den vergangenen Jahren eingestanden haben. Vielleicht hat uns in die Irre geführt, dass wir augenscheinlich den Westen eingeholt haben. Unsere Städte sind hübsch hergerichtet und herausgeputzt, unsere Autos unterscheiden sich kaum von denen im Westen, das Sortiment in unseren Geschäften ist ähnlich. Dennoch gibt es Unterschiede ganz grundsätzlicher Art, die meist in Krisenzeiten zum Ausdruck kommen.

So zum Beispiel in der Flüchtlingskrise. Der größte und meiner Meinung nach am stärksten unterschätzte Unterschied liegt in der Beziehung zum Risiko. Der kommunistische Totalitarismus lehrte jeden eine einfache Regel: Wenn du Ruhe gibst, nicht aus der Reihe tanzt, dann werden wir dich in Frieden lassen. Gleich mehrere Generationen sind in dem Glauben aufgewachsen, dass Politiker für Ruhe sorgen, für eine gewisse historische "Unbeweglichkeit", wie sie der slowakische Dissident Milan Šimečka so gut beschrieben hat.

Nach dem Fall des Totalitarismus glaubte die Mehrheit der Bürger, dass die Unbeweglichkeit andauern werde, mit dem Unterschied, dass wir nun reicher sein würden, so wie es damals die Leute im Westen waren. Nur wenige waren darauf vorbereitet, dass mit dem Reichtum des Westens zum Beispiel auch die Notwendigkeit zusammenhängt, gegen die Konkurrenz zu bestehen – dass ich also zum Beispiel meine Arbeit verlieren kann, weil mein Unternehmen keine qualitativ hochwertigen Produkte herstellt.

Das alles haben wir mit der Zeit gelernt, und auch die Menschen im Osten verstehen heute die Grundregeln des Lebens im Westen. Neu ist, dass wir zum ersten Mal seit dem Ende der achtziger Jahre den Eindruck haben, nicht nur unsere Privatsphäre sei bedroht, sondern die Nation.

Unter der Wucht der Flüchtlingskrise sowie terroristischer Angriffe (man muss hinzufügen, dass Osteuropa paradoxerweise nichts davon betrifft) erwachen auf einmal alte, aus Zeiten des Totalitarismus überlieferte Codes wieder zum Leben – nämlich dass die da oben fähig sein müssen, für Unbeweglichkeit zu sorgen – für absolute Unbeweglichkeit.

Sie verstehen alles, sie äußern niemals Zweifel, sie haben für alles eine Lösung

In Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei beobachten wir deswegen zunehmend Politiker, die sagen: Wir garantieren euch Ruhe, und wir werden dafür sorgen, dass das so bleibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Dass die Anschläge sich ausschließlich gegen westliche Länder richten, liefert diesen Politikern kostenlose Argumente. Denn sie können an ihren erlogenen Behauptungen festhalten, sie würden ihre Rolle im Gegensatz zu den Politikern im Westen gut beherrschen.

Die Politik dieser Populisten knüpft an den Stil an, den wir noch von kommunistischen Funktionären kennen. Sie äußern zum Beispiel niemals Zweifel, sie verstehen alles, und sie haben für alles eine Lösung. Das lässt sich anhand des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman zeigen. Er gibt Experten im Böhmerwald Ratschläge, wie sie die Borkenkäferplage bekämpfen sollen, hat eine Antwort auf die Frage, wie man Kinder mit Behinderung am besten unterrichtet, er weiß, was gegen den Wassermangel in tschechischen Flüssen zu tun ist, wo Umgehungsstraßen verlaufen sollen und Ähnliches mehr.