DIE ZEIT: Warum müssen wir uns um Afrika kümmern?

Paul Collier: Weil es eine Tragödie ist, dass eine Milliarde Menschen in Staaten beheimatet sind, die ihren Bürgern kein anständiges Leben ermöglichen. Das ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar.

ZEIT: Die Bundesregierung hat Sie als Berater für ihre neue Afrikapolitik engagiert. Haben Sie sich über diesen Auftrag gefreut?

Collier: Deutschland hat international eine sehr hohe Glaubwürdigkeit und bringt bei dem Thema eine Ernsthaftigkeit mit, die vielleicht bisher gefehlt hat. Man hat mich gefragt, ob ich helfen will, und ich mache das gerne, weil ich glaube, dass wir etwas bewirken können.

ZEIT: Sie haben Angela Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert. Jetzt arbeiten Sie mit ihr zusammen.

Collier: Ich bin einfach nicht davon überzeugt, dass wir die Probleme Afrikas lösen können, indem wir Afrika entvölkern und die Leute nach Europa holen. Es gehen in der Regel die Aktiven und Kreativen – und gerade sie werden in den eigenen Ländern gebraucht. Umso mehr freut es mich, dass die deutsche Regierung nun bei den Fluchtursachen ansetzen will.

ZEIT: Warum glauben Sie, dass das funktionieren kann? Es ist schließlich nicht der erste Versuch, die Armut in Afrika zu besiegen.

Collier: Wir können aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Es war ein Fehler, den afrikanischen Regierungen vorschreiben zu wollen, was sie tun sollen. Sie können niemandem zu seinem Glück zwingen. Das funktioniert nicht. Und es war ein Fehler, dass wir uns stark auf soziale Belange konzentriert haben. Das gilt besonders für die Hilfsorganisationen. Sie wollen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern und solche Dinge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

ZEIT: Was ist daran schlecht?

Collier: Ich habe nichts gegen lächelnde Kinder. Aber wenn wir den afrikanischen Regierungen die Verantwortung dafür abnehmen, die Bevölkerung mit vernünftigen Schulen und Häusern zu versorgen, dann werden sie in der Bevölkerung nie den Rückhalt bekommen, den sie brauchen, um ihre Länder voranzubringen.

ZEIT: Was wollen Sie anders machen?

Collier: Der Schlüssel sind die Unternehmen. Die meisten Hilfsorganisationen mögen keine Unternehmen, schon gar keine ausländischen Großkonzerne. Doch mit den Unternehmen kommt der Wohlstand. Sie sind ein Motor des Fortschritts und können weitreichende gesellschaftliche Veränderungen auslösen. Genau so war es übrigens auch in China.

ZEIT: Warum ist das so?

Collier: Wir haben dazu Untersuchungen gemacht: Firmen mit 50 Mitarbeitern sind ungefähr zehnmal so produktiv wie Kleinbetriebe mit vier Beschäftigten, weil sich die Arbeitnehmer auf bestimmte Tätigkeiten spezialisieren können. Wenn Afrika wirtschaftlich aufholen soll, sind über einen längeren Zeitraum hohe einstellige Wachstumsraten nötig. Das bekommen wir nicht hin, wenn wir die Leute mit Kleinkrediten fördern, damit sie am Straßenrand Körbe flechten.

Die jungen Leute in Afrika wollen keine Opfer mehr sein

ZEIT: Und wie wollen Sie die Unternehmen nach Afrika locken?

Collier: Eines der großen Probleme ist die Energieversorgung. In vielen afrikanischen Ländern gibt es kein funktionierendes Stromnetz. Dann sagen aber die westlichen Regierungen: Ihr dürft wegen des Klimawandels keine Kohle verbrennen, und Staudämme mögen wir ebenfalls nicht. Wasser und Kohle sind die wichtigsten Energieträger in Afrika. Was sollen die Länder tun? Kerzen anzünden? Wir brauchen umfassende Investitionen in die Infrastruktur, dann werden sich Unternehmen in Afrika niederlassen.

ZEIT: Das kostet Geld.

Collier: Viel Geld. Wir reden hier über Projekte in der Größenordnung von vielleicht 45 Milliarden Dollar jährlich. Aber wissen Sie, was die gute Nachricht ist?

ZEIT: Was?

Collier: Es gibt auf der Welt genug Geld. In vielen westlichen Ländern haben Versicherungen und Pensionskassen große Schwierigkeiten, die Ersparnisse ihrer Kunden anzulegen, weil die Zinsen so niedrig sind. Das gefährdet die Altersversorgung in den Industrienationen. Wenn mit diesen Geldern die Modernisierung der Infrastruktur in Afrika finanziert würde, dann würden sich damit ansehnliche Renditen erzielen lassen. Das ist eines der Dinge, die wir vorhaben: die Bedingungen für private Investitionen verbessern.

ZEIT: Wenn sich mit Investitionen in Afrika so viel Geld verdienen lässt, warum macht das dann noch keiner?

Collier: Weil die Risiken als zu hoch wahrgenommen werden und die meisten Finanzunternehmen wenig über Afrika wissen. Märkte können mit solchen Unsicherheiten nicht gut umgehen. Eine unserer Ideen ist, dass die Staaten der G20 einen Teil der Risiken übernehmen und Informationen bündeln. In vielen Ländern schränken zudem strenge Anlagevorschriften den Handlungsspielraum der Pensionskassen ein, womöglich müssen wir auch da etwas tun. Wir wollen hier zusammen mit den afrikanischen Regierungen verschiedene Modelle entwickeln.

ZEIT: Und so kann der Westen Afrika retten?

Collier: Wir können Afrika nicht retten. Das wäre der völlig falsche Ansatz. Wir hatten genug theatralische Posen, die am Ende nur das eigene schlechte Gewissen beruhigen sollen. Afrika kann sich nur selbst retten. Aber wir können dabei helfen.

ZEIT: Es gibt inzwischen viele Experten, die Entwicklungshilfe komplett ablehnen, weil sie nur die Abhängigkeit vergrößere.

Collier: Das ist doch ein künstlicher Gegensatz: Entwicklungshilfe ist kein Allheilmittel, aber auch kein Teufelszeug. Es kommt auf die Umstände an. Schauen Sie sich Ruanda an. Die Armut ist gesunken, die Wirtschaft wächst. Der Westen hat geholfen, aber vor allem waren die Menschen in Ruanda entschlossen, nach dem schrecklichen Bürgerkrieg die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Gute Gesetze, stabile Institutionen und eine interessierte und informierte Bevölkerung – das ist die Basis für wirtschaftlichen Wohlstand.

ZEIT: Der Westen hat viele Hundert Jahre benötigt, um diese Voraussetzungen zu schaffen.

Collier: So viel Zeit brauchen wir auch nicht. Als ich ein Kind war, war China noch bitterarm, heute ist es eine wirtschaftliche Großmacht. Wenn alles gut läuft, braucht ein Land eine Generation, um die Armut zu überwinden.

ZEIT: Viele afrikanische Regierungen werfen den Industrienationen vor, ihre Märkte abzuschotten und so den Entwicklungsländern zu schaden.

Collier: Das ist nicht ganz falsch. Ich halte trotzdem nicht sonderlich viel von diesem Argument, weil es vom eigenen Versagen ablenkt. China hat die Weltwirtschaftsordnung nicht verändert und dennoch den Sprung aus der Armut geschafft.

ZEIT: China wurde aber nicht jahrzehntelang von westlichen Mächten unterdrückt.

Collier: Wie bitte? Großbritannien hat in China Kriege geführt, um das Land mit Opium überschwemmen zu können. Die Chinesen haben sich davon aber nicht entmutigen lassen. Ich will die Folgen des Kolonialismus in Afrika nicht schönreden, aber indem wir die Afrikaner zu Opfern erklären, entmündigen wir sie. Nach meiner Erfahrung wollen das gerade die jungen Leute in Afrika nicht mehr hören. Da wächst eine Generation heran, die ihr Schicksal in die Hand nehmen will. Diese Menschen sind die Zukunft.