Seit es eine moderne staatliche Ordnung gibt, gibt es auch ihren Gegenpol: denjenigen, der sich ihr nicht fügen, sich ihr nicht anpassen mag, den Rebellen und Revolutionär, den Außenseiter und Hasardeur. Der St. Gallener Philosoph Dieter Thomä begreift ihn als "Dreh- und Angelpunkt der politischen Philosophie", als ein produktives Schwellenwesen, "wo Zugehörigkeiten und Abweichungen verhandelt werden, wo Konflikte zwischen Einbezogenen und Ausgeschlossenen ausgefochten werden". Ob der störrische Einzelkämpfer isoliert und vernichtet wird oder es dem Gemeinwesen gelingen kann, ihn für sich produktiv zu nutzen, hängt mitunter vom politischen System ab. In jedem Fall stellt der Störenfried die Legitimation des Bestehenden infrage. Das Ausmaß an Liberalität, das sich Gesellschaft und Politik verordnet, befindet darüber, ob der das Bestehende befruchten kann oder nicht.

Naheliegenderweise findet Thomä den modernen politischen Störenfried erstmals bei Thomas Hobbes, der ihn als kräftigen Knaben bezeichnet, als puer robustus. Der puer robustus verweigert sich dem vernünftigen und friedensstiftenden Gesellschaftsvertrag, der ihm Schutz gewährt. Er tritt seine Rechte in kindischer Rebellion nicht an den Leviathan ab, sondern vagabundiert zwischen dem Naturzustand und dem Gewaltmonopol des Staates. Er glaubt sich stark genug, den staatlichen Schutz zu entbehren. Der puer robustus bezeichnet in der Perspektive Thomäs nicht das schlechthin Andere von Politik und Gesellschaft, er ist vielmehr eine Figur am Rande, die das Spiel beharrlich aufmischt. Als Paradebeispiel wäre Schillers Wilhelm Tell zu nennen, zunächst ein "Einsamer und Seltsamer", der schließlich einen neuen Bund schmiedet, in dem alle Menschen Brüder werden. Aus dem verhassten Unhold und Außenseiter wird bisweilen ein Held – weshalb Thomä beim puer robustus etwas jargonhaft von einer "Kippfigur" spricht.

Auf 700 Seiten verfolgt Thomä die Spuren des puer robustus in der Geschichte der politischen Theorie und der Literatur, und sein Verfahren entspricht ganz dem seines Helden. Thomä spürt in der Philosophiegeschichte vermeintlich randständige Bemerkungen zum Außenseiter auf, die ihn jeweils unversehens ins Zentrum der Auseinandersetzung um politische Legitimität führen. Der Begriff des puer robustus – was Vor- und Nachteil der Studie zugleich ist – hat bei Thomä ein weites Herz: Thomä findet den puer robustus bei Rousseau als edlen Wilden gegenüber Hobbes deutlich aufgewertet, er erblickt ihn bei Diderot als zynisch-radikalen Künstler, bei Marx als rustikalen Proletarier, bei Tocqueville als riskanten Pionier, bei Freud als Ödipus – und natürlich darf auch der moderne Halbstarke oder Aktivist nicht fehlen. Dieser verschlungene, pointenreiche, durchaus im guten Sinne detailversessene Essay mündet schließlich ins politisch Aktuelle: Es dürfte derzeit schwerfallen, jemanden zu treffen, der sich nicht als eigenwilliger Solitär oder als Teil einer wie auch immer geknechteten Minderheit empfindet. Der puer robustus ist von einer Randfigur zum Dauerpartisan unserer Zeit geworden.

Es stört in dieser grundsätzlich anregenden Auseinandersetzung mit dem Störenfried, dass sich der Autor seiner Figur rhetorisch stark anverwandelt. Er spricht – wie ein lebhafter Rebell – sehr gerne über sich: Regieanweisungen, die angeben, wie der Autor, der als beständiges "Ich" auftritt, seine Argumentationsschritte sortiert, was er vorhat, was nicht, wohin ihn ein Gedanke führt oder wohin nicht, was ihn interessiert oder nicht, nehmen dem Buch unnötigerweise Tempo. Kenntlich zu machen, wenn eine Einschätzung stark subjektiv geprägt ist, mag schon sinnstiftend sein, aber gewiss nicht da, wo ohne Not Befindlichkeiten herausgestellt werden: "Dass Rousseau zwischen methodischer Fiktion und historischer Genese schwankt, nehme ich ihm nicht übel." Wie denn überhaupt auffällt, dass Thomä die Neigung hat, den Maßstab unserer Alltagsmoral an historische Texte zu legen, um sich dann ernsthaft zu wundern, dass Hobbes oder Schiller nicht gendersensibel formulieren ("Brüder" statt "Menschen"!).

Um der Vielschichtigkeit des puer robustus gerecht zu werden, unterteilt Thomä seinen Störenfried in drei Kategorien: in den egozentrischen Störenfried (der monomanisch seinen Eigenwillen auslebt wie bei Hobbes), in den Exzentriker (der keinen Eigenwillen hat, aber ins Ungewisse strebt wie bei Diderot), schließlich in den nomozentrischen Störenfried, der seine bereits internalisierten Regeln durchsetzen will (wie bei Schiller oder Rousseau). Der puer robustus ist bei Thomä durchaus normativ besetzt. Er zeigt sich ihm idealerweise als eine wünschenswerte, progressive Figur der Demokratie, deren Verkrustungen, Vermachtungen und Verfilzungen beständig aufgebrochen werden müssen. Der Störenfried, dem Thomä abgeneigt ist, etwa der Islamist oder der Rechtsradikale, wird als gestörter Störer aufgefasst. Dieser "massive Störenfried" neigt zur "unbedingten Bejahung einer Ordnung", er "zerstört andere und sich selbst". Der gute oder wahre Störenfried trägt als "Schwellenwesen" eine prinzipielle Offenheit in sich, die die Gesellschaft in Bewegung hält. Der böse Störenfried ist ein Ordnungsfanatiker. Und es ist naheliegend, allzu verständlich und sympathisch obendrein, dass sich Thomä gute und nicht etwa böse Störenfriede wünscht. Aussuchen kann man sie sich leider nicht.

Dieter Thomä: Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds; Suhrkamp, Berlin 2016; 715 S., 35,– €, als E-Book 29,99 €