Was ist das Wichtigste, was Sie über Martin Luther herausgefunden haben?

Heiner Geißler: Die Parallelen zu Papst Franziskus, der jegliches Brimborium ablehnt. Bei seiner Amtseinführung etwa entschied er sich gegen die mit Hermelinfell besetzte traditionelle Mozetta aus rotem Samt und das mit Juwelen besetzte goldene Pektoralkreuz. Er wählte stattdessen eine Mitra und ein Messgewand, das er aus Buenos Aires mitgebracht hatte. Luther hätte das gefallen. Er schrieb an den christlichen Adel deutscher Nation: "… ist’s gräulich und erschrecklich anzusehen, dass der Oberste in der Christenheit … so weltlich und prächtig fährt".

Maja Nielsen: Margot Käßmann erzählte, dass Luther anscheinend eine wenig kraftvolle, hohe Fistelstimme besaß. Das verblüffte mich. Ansonsten ist es für eine Kinderbuchautorin schwierig, wirklich Neues zu entdecken.

Norbert Bolz: Über Luther kann man nichts wesentlich Neues mehr herausfinden. Aber was man weiß, kann man gut und verständlich formulieren.

Lyndal Roper: Neues habe ich sicher nicht gefunden, aber mich hat überrascht, dass Luther so sehr auf der Realpräsenz Christi beim Abendmahl bestanden hat. Keinem anderen Thema widmete er so viel Zeit.

Thomas Kaufmann: Die Lutherliteratur und die vielen Lutherausgaben zu kennen bewahrt vor manchen "Neuentdeckungen". Meine wichtigsten Forschungen beziehen sich vor allem auf Luthers publizistische Strategien, seine Benutzung fingierter Adressaten, seinen sehr reflektierten Umgang mit Druckern und sein kompliziertes Verhältnis zu Fragebögen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Joachim Köhler: Dass er, was Derbheit, Witz und Lust am Paradoxen betraf, viel Ähnlichkeit mit Eulenspiegel hatte, den man nicht zufällig den "Lutherschen Heiligen" nannte. Der Reformator selbst hielt ihn für die "beste Arznei wider die Anfechtung".

Athina Lexutt: Der Lebensbegriff in der Habakuk-Stelle, die Luther laut Selbstzeugnis zu seinem reformatorischen Durchbruch verhalf, ist von mir ebenso starkgemacht worden wie die Anfechtung. Das beides sah man sicher auch vorher – aber nicht so klar.

Uwe Siemon-Netto: Erstens: Luthers Ruf als "Fürstenknecht" ist falsch. Er lehrte präzise, wie Despoten zu entmachten seien: immer ohne Insurrektion, weil diese zur Herrschaft des Pöbels führe, der ja "keinen Verstand" habe. In der NS-Zeit handelten Carl Goerdeler und Dietrich Bonhoeffer nach lutherischen Widerstandslehren. Zweitens: Als Journalist bin ich ein Priester. Luther sagte, wer seinen Beruf aus Liebe zum Nächsten ausübe, der verrichte den höchsten Gottesdienst. Diese befreiende Doktrin orientiert den Blick des Menschen um – weg von sich selbst und hin zum Mitmenschen. Dies ist das wirksamste Antidot gegen die weltweite Narzissmus-Epidemie.

Heinz Schilling: Die Einbettung des Reformators in eine Zeit des Umbruchs, deren menschliche und existenzielle Probleme denjenigen unserer Gegenwart in manchem sehr ähnlich waren. Dadurch gewinnen auch die "Mit- und Gegenspieler" eigenes Profil und Gewicht. So Papst Leo X. und vor allem Kaiser Karl V., der traditionell als dem Reformator religiös unterlegen dargestellt wird.

Volker Reinhardt: Was nicht genügend hervorgehoben wurde: Luther, der Meisterregisseur seiner selbst, das Mediengenie, der große Kommunikator.

Was müsste über Martin Luther noch herausgefunden werden?

Heiner Geißler: Ob er auf dem Sterbebett die Letzte Ölung bekommen hat.

Maja Nielsen: Warum sich seine Einstellung zu den Juden so radikal änderte.

Norbert Bolz : Die Psychoanalyse Luthers ist seit Erikson keinen Schritt vorangekommen. Hier müsste man ansetzen.

Lyndal Roper: Wichtiger, als noch mehr über Luther herauszufinden, wäre die Erforschung der soziale und kulturelle Geschichte der Regionen, in denen die Reformation zuerst Fuß fasste. So könnte man besser verstehen, was seine Reformation in der damaligen Zeit bedeutete.

Thomas Kaufmann: Warum seine revolutionäre Offenheit gegenüber Neuerungen (freie Pfarrerwahl; Duldung der Juden; keine Ketzerverfolgung, allgemeines Priestertum etc.), die er in den frühen 1520er-Jahren an den Tag legte, nach dem Drama des Bauernkriegs einem engstirnig-engherzigen, landesherrlich diktierten Kirchenregiment wich. Warum er das Angebot auf einen Kardinalshut ausgeschlagen hat. Warum es keine hübschen Altersbilder von ihm gibt.

Joachim Köhler: Warum er statt der von ihm angebeteten Ex-Nonne Ave von Schönfeld ausgerechnet deren "arrogante" Kollegin Katharina von Bora heimführte. Lag es daran, dass beide zur gleichen Zeit an Liebeskummer litten – er wegen der schönen Ave, die einen Apothekergehilfen nahm; sie, weil ihr Erwählter, Dürerfreund Hieronymus Baumgartner, sie sitzen gelassen hatte?

Athina Lexutt: Biografisch reicht’s, meine ich. Ich würde gerne theologisch noch mehr über Luthers Kirchenbegriff und sein Verständnis von Trost herausbekommen.

Uwe Siemon-Netto: Es gibt wohl nichts Faktisches, das nicht jemand in den 80.000 Seiten seiner Werke entdeckt hätte. Gedankenspiel: Was wäre aus Europa geworden, wenn der markige Luther nach Paris gekommen und zusammen mit dem kernigen Rabelais die Neuzeit geprägt hätte? Ein schmunzelnder Kontinent?

Heinz Schilling: Er müsste in den Kontext der außereuropäischen Weltgeschichte gestellt werden. Der lange vertretene protestantische Anspruch, mit Luther und der Reformation sei der universalgeschichtliche Weg in Neuzeit und Moderne gebahnt worden, relativiert sich damit entschieden. Das zeigt sich besonders klar, wenn man das Jahr 1517 globalgeschichtlich unter die Lupe nimmt.

Volker Reinhardt: Trotz dürftiger Quellenlage: Entsprechen die von ihm überlieferten Mythen seiner Vita eigentlich den Tatsachen? Und: In welchem Maße war er in der Lage, seine eigenen Thesen und Gemeinplätze zu hinterfragen?