Er auf der Bühne: ein Naturereignis, ein Tonvulkan, ein Instrumentalist, den man nicht vergisst. Gefährlich, wendig, lässig, rockig. Virtuos bis zum Anschlag, aber ohne all diese Testosterondoofheit, die einem viele Gitarristen so verleidet. Man muss ja nicht nur gut spielen können, man muss ja auch wissen, was man besser nicht spielt.

Ronny Graupe heißt Jazz-Deutschlands neuer Supergitarrist, und er macht sich einen Spaß aus der immer noch anzutreffenden Nachfrage: Ronny wer?

Auf seiner Webseite gibt er detailliert Antwort. "Graupen, seit dem 17. Jahrhundert belegt, vermutlich aus dem slawischen krupa für ›Graupe, Grütze, Hagelkorn‹, auch Gräupchen, Roll- oder Kochgerste genannt, sind geschälte, polierte Gersten- oder Weizenkörner von halb- oder länglich-runder Form. Graupen werden vor allem als sättigende Einlage für Suppen und Eintöpfe verwendet, teilweise auch als Zutat für Kochwürste, Süßspeisen und Schleimsuppen."

Hatte Volker Kriegel selig so etwas auf seiner Webseite stehen? Wahrscheinlich hatte dieser legendäre deutsche Jazzgitarrist noch nicht einmal eine Webseite, als er im Jahr 2003 von uns ging – wozu auch, ihn kannte ja jeder. Herrlich, seine zauberhaften Melodien, sein ausgetüftelter, zyklisch mäandernder Jazz-Rock, lieblich geradezu, vielleicht sogar etwas zu lieblich.

Ronny Graupe spielt scharfkantiger, wechselhafter, unkalkulierbarer – jedenfalls wenn er mit der Rolf Kühn Unit auftritt. Da kommen die Leute ins Konzert, um den 87-jährigen Klarinettisten Kühn zu hören, und dann haut sie erst mal der 37-jährige Graupe um.

Ronny wer? Der spielt ja unglaublich!

"Wie er sein Instrument beherrscht und mit welchen Ideen er kommt", das begeistert Rolf Kühn. Und dann die Unverwechselbarkeit, die er sich erspielt hat. "Das ist doch das Schwerste heute", sagt Kühn, "die eigene Stimme zu finden. Es gibt Millionen Gitarristen; wen kann ich wiedererkennen?"

Graupe habe "diesen absolut eigenen Klang, nicht dunkel wie Wes Montgomery oder Jim Hall, sondern sehr hell. Dadurch treten seine rasanten Läufe plastisch hervor."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

In der persönlichen Begegnung ist Graupe weder schillernd noch schrill, sondern ein zurückhaltender, umgänglicher, sehr reflektierter Gesprächspartner. Um mal in Ruhe über alles zu reden, schlägt er das Café Niesen vor, eine Hipster-Stube in Prenzlauer Berg in Berlin, kurz hinter dem akut einsturzgefährdeten Gleimtunnel, eine Örtlichkeit so urban wie allem Rummel abgewandt. Vor dem Fenster zog sich einst die Mauer entlang, um diesen östlichen Teil der Stadt vor den schädlichen Einflüssen des Westens zu schützen. Das jedenfalls war der Plan gewesen.