Ein riesiger schwarzer Hund stürmt auf das Gartentor zu. Hinter ihm stakst ein knurriger weißhaariger Herr. "Na, denn mal rein ins Mörderhaus", sagt er.

Hannes Rudloff ist 75 Jahre alt und fast blind. Er tastet sich ins Haus zurück. Dort ist es dunkel, Wände und Decken sind holzgetäfelt, wie es Mode war in den siebziger Jahren. Rudloff steigt hinunter in den Keller. Er bleibt vor einer Rigipswand stehen. Hier hatte 1993 bei der ersten Durchsuchung des Hauses – kurz vor dem Suizid Kurt-Werner Wichmanns in der U-Haft – ein Leichenspürhund angeschlagen. Aber erst 2016 hat die Polizei unter der Leitung der neuen Sonderkommission die Wand abtragen lassen – vergebens, Verbrechensspuren ließen sich nicht mehr feststellen.

Der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann hat fast sein ganzes Leben in diesem zweistöckigen Backsteinhaus nahe Lüneburg verbracht. Hier wuchs der mutmaßliche Serienmörder auf, hier fanden die Ermittler sein Waffenarsenal und Kinderpornos. Das Haus ist so mysteriös wie Wichmann selbst. Es gibt eine schallisolierte Tür, dahinter ein geheimes Zimmer, zu dem nur Wichmann und dessen Bruder Zutritt hatten. Schon als Kind hatte er eine Abhöranlage installiert, um die Untermieter der Eltern belauschen zu können.

Er war 14 Jahre alt, als er eine Frau würgte und mit einem Dolch bedrohte

Wichmann hatte zahlreiche Vorstrafen wegen Körperverletzung, Betrug und Nötigung, und er saß wegen Freiheitsberaubung und Vergewaltigung fünf Jahre im Gefängnis. Seit vergangener Woche steht nun fest, dass er auch ein Mörder ist. Anhand eines erbsengroßen Blutstropfens an einer Handschelle – die im Backsteinhaus zwar schon vor Jahren sichergestellt, aber erst jetzt auf DNA hin untersucht wurde – konnte nachgewiesen werden, dass die 27 Jahre lang als vermisst gegoltene Birgit Meier von Wichmann getötet worden war (ZEIT Nr. 42/16). Alles deutet darauf hin, dass der Fall noch größere Dimensionen hat. Die Lüneburger Polizei schreibt in ihrer Pressemitteilung: "Der damalige Tatverdächtige kommt nach übereinstimmender Einschätzung der Kriminalisten insbesondere aufgrund seines Persönlichkeitsprofils durchaus auch für andere schwere Gewalttaten in Frage, die er zu Lebzeiten begangen haben könnte." Die Liste dieser möglichen Taten ist lang. In Lüneburg befasst sich eine neu eingerichtete Ermittlungsgruppe auch mit den sogenannten Göhrde-Morden, Bluttaten an zwei Liebespaaren im Naherholungsgebiet Göhrde bei Lüneburg. Die Morde geschahen 1989 – und wurden nicht aufgeklärt. Wichmann kommt auch hier als Täter infrage.

Der alte Rudloff wurde nach Wichmanns Selbstmord sein Nachfolger in doppelter Hinsicht: Er kaufte in den 1990ern nicht nur dessen Haus – er heiratete auch Wichmanns Witwe, Alice, eine ehemalige Schönheitskönigin aus Hamburg mit gutem Draht in die Hamburger Gesellschaft. Sie war zwar verheiratet, als sie Wichmann über eine Kontaktanzeige kennenlernte. Aber sie verfiel dem 13 Jahre jüngeren blonden Schönling mit der Fönfrisur, der so unverschämt charmant sein konnte. Sie verließ ihren Mann und zog zu ihm an den Rand Lüneburgs. Sie passte in Wichmanns Beuteschema: Er hatte eine Affinität zu erheblich älteren, wohlhabenden Frauen, denen er schmeichelte und von denen er sich aushalten ließ. Einige dieser Beziehungen liefen parallel, Sadomasochismus spielte wohl eine Rolle. Diese Frauen beschreiben ihn als "charmant", sie erzählen gern davon, wie er sie "bezirzt" habe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Alice ist 2006 verstorben. Vom geheimen Leben Wichmanns habe sie nicht viel mitbekommen, meint Rudloff: "Wenn was los war, hat er sie weggeschickt für ein paar Tage." Er selbst hat Alice kurz nach dem Selbstmord seines Vorgängers kennengelernt. "Eine nette, hübsche Frau", sagt er. Und sie hatte Schulden. Also kaufte Rudloff ihr das Haus ab. Später hätten sie sich dann "zusammengetan". Über Wichmann hätten sie nie viel gesprochen. Rudloff scheint die Vorstellung, im Haus eines möglichen Serienkillers zu leben, eher als Kuriosum zu empfinden.

Wichmann war 14 Jahre alt, als er sein erstes aktenkundiges Verbrechen beging. Man darf sich sein Elternhaus nicht übermäßig liebevoll vorstellen – der Vater soll, laut Ermittlungsakten, die Mutter mit einem Beil bedroht und die Söhne misshandelt haben. Der verhaltensauffällige Teenager lebte damals nicht zu Hause, sondern im Wichernstift, einer Fürsorgeeinrichtung. Nach einem Weihnachtsurlaub im Jahr 1964 wollte Kurt-Werner nicht zurück ins Wichernstift, sondern abhauen. Deshalb stieg er mit Dolch und Taschenlampe in die Wohnung der Untermieter seiner Eltern ein, einer jungen Familie. Er suchte nach Geld. Im Schlafzimmer schliefen nur die Mutter und das Baby, der Mann war bei der Arbeit. Die Frau erwachte, als der Junge den Nachttisch mit dem Strahl der Taschenlampe abtastete. Sie schrie. Daraufhin trat er auf sie zu und würgte sie zweimal. Dann drehte er sich um und blieb vor dem Bettchen stehen, in dem der Säugling lag. Die Frau überkam "die Angst, er könne dem Kind etwas antun", so heißt es später im Urteil. Drei Wochen Jugendarrest gab es für den körperlichen Übergriff des Minderjährigen, "wegen versuchten schweren Diebstahls, versuchter Nötigung in Tateinheit mit versuchter schwerer Körperverletzung".

Dass Wichmann, viel später, ins Fadenkreuz der Mordermittler geraten ist, hat in erster Linie mit der Unermüdlichkeit von Wolfgang Sielaff zu tun. Der ehemalige Leiter des Hamburger LKA gab nach der Pensionierung keine Ruhe, bis der Fall Meier aufgeklärt wurde: Birgit Meier war Sielaffs Schwester. Der alte Kriminalist sammelte verschiedene Fachleute um sich, mit denen er Wichmanns Leben rekonstruierte und ein Täterprofil erarbeitete. Wichmann, sagt Sielaff, war eine "narzisstisch-psychopathische Persönlichkeit mit sadistischen Neigungen, einer gestörten Sexualität und einer Affinität zu Waffen". Er könnte mit mehreren ungeklärten Taten im Raum Lüneburg in Zusammenhang gebracht werden.

Wer war Kurt-Werner Wichmann, der 1949 zur Welt kam und sich 1993 das Leben nahm?