Die Menschheit zieht um. Dörfer entvölkern sich, Städte platzen aus allen Nähten. Schon heute leben 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten – im Jahr 2050 sollen es gar zwei Drittel sein. Mit dieser Wanderbewegung hängen viele Krisen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit zusammen. Kurzum: Die Zukunft der Menschheit wird in der Stadt entschieden.

Nun setzen die Vereinten Nationen das Thema auf die Tagesordnung. Kommende Woche treffen sich Tausende Diplomaten, Bürgermeister und Stadtplaner zum Weltsiedlungsgipfel Habitat III in Quito – 20 Jahre nach dem Vorgängertreffen Habitat II. Bei so einem Konferenzturnus ist der politische Nachholbedarf natürlich enorm.

In der Hauptstadt Ecuadors wollen die Regierungen eine "Neue Agenda für Städte" verabschieden. Dort drängen außerdem Städtenetzwerke darauf, in den UN-Prozessen zu Klimaschutz oder Nachhaltigkeitszielen endlich eine eigene Stimme zu bekommen. Denn ihre Probleme sind groß.

Vor allem in Asien und Afrika versprechen sich viele Landbewohner vom Stadtleben mehr Freiheit, höheren Wohlstand und bessere Gesundheit. Doch für mehr als eine Milliarde Menschen von Mumbai bis Lagos, von La Paz bis Baltimore endet die Hoffnung in den Hütten der Elendsviertel. Bis 2050 könnte sich die Zahl der Slumbewohner sogar verdoppeln. Denn es wird immer mehr Megacitys geben, chaotische Ballungsräume, in denen sich mehr als 10 Millionen Einwohner drängen.

Heute sind Städte für drei Viertel der CO₂-Emissionen verantwortlich. Allein die Baustoffe, die notwendig wären, um jede Familie und jedes Büro nach westlichen Ansprüchen zu beherbergen, würden künftig das gesamte CO₂-Budget der Menschheit fordern. Dann wäre noch niemand zur Arbeit gefahren, kein Zimmer geheizt, kein Computer angeschaltet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Doch gleichzeitig sind Städte auch Orte voll kreativer Energie. Während nationale Regierungen oft zögern, treibt der Problemdruck die Politiker am Ort zu mutigen Lösungen. So will etwa Santiago de Chile bis Ende 2017 das U-Bahn-System für 2,5 Millionen Menschen auf Wind- und Solarstrom umstellen. Kapstadt hat sich radikale Ziele zur Erhaltung der Wasserressourcen gesetzt. Toronto knüpft mit einem Ernährungsrat neue Beziehungen zu den umliegenden Bauern.

Neue Technologien wie wiederverwertbare Leichtbaustoffe und energieeffiziente Heizungen, Elektroautos oder smarte öffentliche Verkehrssysteme werden eine größere Rolle spielen. Wichtig – und oft vernachlässigt – sind zudem Hilfen für die Armen, transparente Verwaltungen, das Engagement für die kulturelle Eigenart.

Im Folgenden zeigen wir an sieben Beispielen den Ideenreichtum der Städte. Sie beweisen, wie kluge Projekte häufig gleich mehrere Probleme auf einmal lösen.

New York: Austern fördern

In New York gehören Austern zur Esskultur. Eine halbe Million der edlen Muscheln schlürfen die Bewohner hier jede Woche weg. Was übrig bleibt, gilt als Müll. Da setzt die Öko- und Bildungsinitiative Milliarden-Austern-Projekt an. Sie holt neuerdings von 50 Restaurants die scharfkantigen Schalen ab, reinigt sie und setzt sie im Mündungsgebiet des Hudson River aus. An jeder Schale können bis zu 20 neue Austern andocken.

Das freut nicht nur Gourmets, sondern auch Umweltschützer. Denn Austern ernähren sich, indem sie Wasser filtern. Die Organismen sollen die Wasserqualität verbessern, den Artenreichtum erhöhen und bei Sturm die Wucht heranrollender Wellen mindern, indem sie natürliche Riffs aus Austernbänken bilden. Dabei waren die Muscheln im New Yorker Hafen wegen Industrieschadstoffen über Jahrzehnte weitgehend ausgestorben. Seit Umweltgesetze Wirkung zeigen, erholt sich der Bestand wieder.

Delhi: Wasser für alle

Das Wort "Politiker" habe in Indien keinen guten Klang, sagt Roshan Shankar. Und doch macht der 26-Jährige jetzt Politik, um die ebenfalls noch junge Aam Aadmi Party (AAP), die "Partei des einfachen Mannes", nach ihrem Erdrutschsieg 2015 in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi zu unterstützen. Dafür kehrte er aus seinem kalifornischen Studienort Stanford zurück in die 16-Millionen-Metropole*, die "unter ihrem eigenen Gewicht zu zerfallen droht", wie Shankar sagt.

*Anm. d. Red.: Zuvor hieß es "16-Milliarden-Metropole". Diesen Fehler haben wir korrigiert.