Er hatte das Prinzip schnell erkannt. "Kommen die Eltern wieder zu Besuch?", fragte Karim, es war ein Spätsommermorgen und ich hektisch. Das Auto sah unmöglich aus, seitlich blütenpollengelb verkrustet, auf dem Dach ein Mosaik klebriger Blätter, Ästchen und Vogelverdauung. Wenn Eltern in die Stadt kommen, besteht die Hauptaufgabe von Kindern ja darin, den Eindruck zu erwecken, ihr Leben im Griff zu haben, und ein Auto, das aussieht, als hätte die Natur ihre eigene Christo-Verhängung inszeniert, ist keine Metapher für Kontrolle. Karim bot mir einen Klappstuhl an, als die Waschanlage meinen Wagen verschluckte. Den Stuhl habe er von zu Hause mitgebracht. Damit die Leute sich ein bisschen ausruhen können.

"Wie geht’s dir?"

"Ganz gut, bisschen stressig gerade alles, aber sonst okay." Ich balancierte sehr unausgeruht auf dem windigen Stuhl.

Karim zog die Augenbrauen hoch.

"Immer sagst du stressig. Immer sagst du okay. Wieso bist du nicht glücklich?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Hoppla. Ich lachte. Er runzelte die Stirn.

"Wieso lachst du, wenn du nicht glücklich bist?"

Das war nicht die Art seichter Waschstraßenkonversation, nach der mir gerade war. Schulterzuckend drehte ich die abmontierte Radioantenne in meiner Hand hin und her und ärgerte mich über das irreführende Wort "Expresswäsche".

"Du bist gesund. Das bist du doch, oder? Und du hast Eltern, die dich besuchen. Und du hast einen Beruf. Hast du Freunde? Siehst du. Dann kannst du auch glücklich sein. Ich bin immer glücklich."

Karim Hasni ist mein Tankwart. Man kann nach einer Begegnung mit ihm sehr gut die Augen verdrehen und kopfschüttelnd vom Tankstellengelände fahren. Was war das denn? Nur fühlt man sich dabei nicht überlegen, sondern trotzig und dumm. Karim rüttelt an dem, was man sich gerade so als Stimmungsfassade aufgebaut hat. Aus den fünf, sechs Kurzgesprächen, die wir bisher geführt hatten, war ich immer merkwürdig verlegen hinausgestolpert. Es war unmöglich, mit Karim belangloses Dienstleister-Höflichkeitspingpong zu spielen. Schönes Wetter heute? Ihm doch egal. Alles ist immer gleich Big Talk zwischen Ölstandprüfung und Ich-zahle-Säule-sieben. Als führe er eine eigene Markus Lanz-Show auf, nur dass seine Sendezeit auf Werbepausenlänge begrenzt ist und er das Wesentliche seiner Gäste deshalb rasant schnell freilegen muss – und schon der Stuhl zeigt ja, dass er uns Tankstellenkunden als eben genau das sieht. Woher nur diese Tiefgründigkeitsversessenheit?

Ich treffe Karim ein paar Wochen später wieder, dieses Mal bin ich zu Fuß gekommen. "Wollen wir uns einen Kaffee teilen?", fragt er. Während der Automat in den Pappbecher strullert, mustere ich meinen Tankwart. Ständig räumt er etwas weg oder um, auch jetzt muss er kurz im Hinterzimmer verschwinden, den Schlüssel für den Pfandautomaten holen, dann wieder ungeduldig vor dem immer noch surrenden Kaffeespender rumstehen, auf die Uhr schauen, ein hochgekrempelter Hemdsärmel in Person. Seit 19 Jahren ist er an dieser Hamburger Tankstelle. Ein Mal hat er an einer anderen ausgeholfen, noblere Gegend. Es gefiel ihm nicht besonders.

Sein Deutsch holpert nur manchmal ein wenig, die Nebensätze versuchen sich dann in einer arabischen Blumigkeit, die ein bisschen verrutscht klingen kann. Beim Sprechen klopft er sich immer wieder mit der Faust aufs Herz.

Ich habe ihn auf Mitte 40 geschätzt, sein Gesicht unter dunklen Locken hat diese Endlosjugendlichkeit, die arglosen Menschen häufig geschenkt ist. Selbst wenn er ernst schaut, sieht er ein bisschen verschmitzt aus, als könne irgendwas in ihm auch nicht fassen, mittlerweile ein erwachsener Mann zu sein.

Ein Jahrzehnt, erfahre ich jetzt, gewinnt er so. In Wahrheit nämlich ist es schon 54 Jahre her, dass Karim in Algeriens Hauptstadt Algier geboren wurde. Mit seinen zwei Schwestern und dem Bruder verstand er sich gut, seine Eltern liebte er sehr, erzählt er, und trotzdem verließ er sie im Alter von gerade 18 Jahren. "Ich war Kicker in der U19-Nationalmannschaft, wenn ich mich fokussiert hätte, wäre aus mir vielleicht ein Fußballstar geworden, aber ich wollte die Welt sehen. Algerien ist für junge Leute zu wenig."

Barcelona, Stockholm, Mailand, Neapel, Rom, Paris, Marseille. Überall blieb Karim ein paar Monate. "Modesüchtig war ich damals. Ich liebte Schuhe. In Italien war es am besten, in Italien machen sie Kunst, wenn sie Schuhe machen." Er jobbte als Barmann in Discotheken und Clubs, hatte einen Schlag bei Frauen, der ihm bis heute unerklärlich ist, wie er sagt. "Ich war immer schüchtern, ich konnte sie nicht ansehen, besonders, wenn sie schön waren. Aber die Frauen mochten das." Er grinst, es ist klar, dass er, der Stammkundinnen gern "Schatz, bin gleich bei dir" zuruft, jetzt einen seiner Angebersätze folgen lässt: "Ich hatte in jedem Land eine."