Wenn man mit den Besitzern greiser Schäferhunde spricht, dann rechnen sie einem stolz vor, dass – ein Hundejahr als sieben Menschenjahre gerechnet – ihr Liebling den ältesten lebenden Menschen schon lange überholt hat. Kann man sich einen vergleichbaren Umrechnungsschlüssel auch für Fernsehserien und Reihen wie den Tatort denken? Mehr als 45 Jahre hat das Format auf dem Buckel, im November wird die tausendste Erstausstrahlung laufen, die Wiederholungen lassen sich kaum zählen. Doch mühelos zieht der Medienmethusalem bei ausgewählten Folgen ein Publikum von 14 Millionen Menschen an, in Österreich alleine werden bisweilen über eine Million Zuseher gezählt. Und vor allem: Die Qualitätspresse, sonst nicht so wirklich ein Freund der Massenkultur, zieht mit. Wenn – fünf Jahre nach Veröffentlichung des Schwarzbuchs Lidl zu den skandalösen Zuständen in dieser Ladenkette – der Tatort eine solche Filiale als Kulisse für einen recht konventionellen Mord wählt, dann schwärmt etwa der Spiegel: Der "aufreizend sozialkritische" Film stehe "wie ein trotziger Fels im Gewoge des heutigen Unterhaltungsfernsehens ... Fernsehen von dort, wo es wehtut".

So lässt sich das "Flaggschiff der ARD" als der angeblich "wahre deutsche Gesellschaftsroman" feiern. Taktlos wäre der Österreicher, der dem Jubilar das hässliche Wort "Anschluss" entgegenhielte. Wie hat es doch ein Enthusiast, der Kulturphilosoph Wolfram Eilenberger, formuliert: Den Tatort denken heiße Deutschland denken. Denn: "Wir sind Tatort."

Das gehört zur Mentalitätsgeschichte: Wie es einmal ein Bildungsbürgertum gab, gibt es heute eine "Tatort-Bourgeoisie", eine erfolgreiche, medial gestützte Wertegemeinschaft von Menschen, die sich auf der richtigen Seite wähnen. Ist man ein unverbesserlicher Skeptiker, wenn man den medialen Ovationen nicht traut und einen angesichts der Lobgesänge rund um das bevorstehende Jubiläum eine heillose Erinnerung an "Sommermärchen" und "Dieselgate" beschleicht? Oder bloß ein Fernsehforscher, welcher der Geschichte des Formats genauer nachgegangen ist?

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Da sitzt ja ein Skelett im Schrank: Die Polizeiserien im deutschen Fernsehen sind einer der zahlreichen Fälle von Elitenkontinuität zwischen dem "Dritten Reich" und der BRD. Manche der jungen Drehbuchautoren und Regisseure der bis zum Ende florierenden Nazi-Filmindustrie erlitten nach 1945 einen kleinen Karriereknick, überwinterten im Segment der Karl-May- und der Edgar-Wallace-Filme und landeten dann beim neuen Medium Fernsehen. Ungeachtet der Konkurrenz zwischen ARD und ZDF, beeinflussten sie dort den deutschen Polizeifilm in seiner Gesamtheit bis ins neue Jahrtausend. Etwa Jürgen Roland, Angehöriger einer Propagandakompanie der Waffen-SS, Schöpfer des Tatort-Vorläufers Stahlnetz und später Regisseur zahlreicher Episoden. Und Alfred Weidenmann, seit 1942 Leiter der Hauptabteilung Film in der Reichsjugendführung, Erfinder des Derrick, des Kommissar und Regisseur beim Alten – den letzten drehte der 83-jährige Weidenmann 1999. Oder sein Freund Herbert Reinecker, Leitartikler in der letzten Ausgabe der SS-Zeitschrift Das schwarze Korps, Schöpfer des Siska und Autor von 281 Drehbüchern zu Derrick, dessen Darsteller Horst Tappert in der SS-Waffendivision "Totenkopf" gedient hatte. Was Reinecker betrifft: Schuldig hat er sich nicht gefühlt.

Bieder praktizieren die Ermittler die Verachtung des Rechtsstaates

Ist es Zufall, dass der in der Periode des Auschwitz-Prozesses und der Studentenbewegung erstmals auf Sendung gehende Tatort ungeachtet seines linken Images das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts bis 1998 ignoriert hat? Spät, aber doch, könnte man sagen – aber wieso haben da die allmählich nachströmenden jungen Linken mitgespielt? Offensichtlich haben sie Max Horkheimers legendäres Diktum, dass, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, auch über den Faschismus schweigen müsse, ein wenig zu ernst genommen. An vermögenden Schurken und Schurkinnen ist im Täter-Verzeichnis des Tatorts ja wahrlich kein Mangel. Der Gegensatz zwischen "raffendem" und "schaffendem" Kapital wird noch heute im Konflikt zwischen nachhaltig wirtschaftenden Unternehmern und Raffhälsen, die Billigware aus China importieren, durchdekliniert – etwa in einem Austro- Tatort mit dem für die Tendenz des Formats repräsentativen Titel Gier.

Das Spiel rund um vergangene und verleugnete Schuld erlebte nach der deutschen Wiedervereinigung eine Cover-Version: Den ehemaligen Leipziger Ermittler mit dem sprechenden Namen Ehrlicher hat von 1992 bis zu seiner Pensionierung keiner gefragt, was er denn so in der DDR getan habe. Noch in seiner letzten Folge 2007 durfte er illegal Türen aufbrechen, ganz wie in der guten alten Zeit. Erst seine Nachfolger, die Kommissare Saalfeld und Keppler, mussten von 2008 an im nachgelassenen Schmutz des korrupten, menschenverachtenden DDR-Regimes wühlen, das seine Untertanen zu einem Falschen Leben – auch das ein aussagestarker Titel – verurteilte und dessen Seilschaften noch durchaus intakt sind. Geschont wurden auch lange Zeit mögliche Täter mit Migrationshintergrund – das ändert sich gerade, und Til Schweiger alias Nick Tschiller befreit in bester Pegida-Manier deutsches Territorium vom kurdischen Astan-Clan.