So ist das also, wenn in einer großen Demokratie die politische Mitte implodiert.

Kaum ist ein Wochenende voller neuer Tiefpunkte verdaut, setzt die Selbstberuhigung ein: Hillary Clinton zieht in einigen Umfragen an! Führende Republikaner setzen sich von Trump ab! Trump scheint die wichtigen swing states Pennsylvania und North Carolina zu verlieren!

Schon werden die Chancen der beiden Kandidaten durchgerechnet, die nötigen 270 Wahlmänner zu erreichen. Da sieht es nun für Hillary Clinton deutlich besser aus – jedenfalls nach allem, was man so aus früheren Wahlen weiß.

Aber dies ist eben keine Wahl wie irgendeine andere. Kein Experte weiß in Wahrheit, welche politischen Regeln noch gelten und ob auf die Umfragen Verlass ist. Viele Unterstützer Trumps misstrauen dem "System" im Ganzen. Warum sollte man annehmen, dass sie Meinungsforschern ihr Herz öffnen?

Die letzten vier Wochen dieses quälenden Wahlkampfs kreisen um ein einziges Thema: Warum steht dieser Mann noch? Was kann denn noch enthüllt werden, das ihn zu Fall bringt? Warum kann Clinton ihn nicht ausknocken? Und wie ist es möglich, dass vierzig Prozent der Wähler (und eine Mehrheit der Weißen) immer noch hinter ihm stehen?

Kurz: Sind die Amerikaner verrückt geworden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Man muss aus dem abstumpfenden Dauerbeschuss mit Lügen und Vulgaritäten einen Schritt zurücktreten, um die tiefere Bedeutung dieser nächsten Wochen zu erkennen. Donald Trumps jüngster skandalöser Auftritt und Hillary Clintons merkwürdige Wehrlosigkeit sind beides Symptome einer dramatischen Krise der amerikanischen Demokratie. Trumps Sieg würde die Krise mit Sicherheit weiter vertiefen, aber sie wäre auch mit einem Sieg Clintons nicht vorbei.

Und weil sich dieses Drama auf der größten Bühne der Welt abspielt – in jenem Land, das sich von jeher als Leitstern der freien Welt sieht –, steht mit dem Ansehen Amerikas das Modell der Demokratie schlechthin auf dem Spiel.

Die Gewöhnung an immer neue Tiefpunkte ist dabei Teil des Problems. Genau dafür stehen die Ereignisse der vergangenen Tage.

Am Freitagabend vergangener Woche veröffentlichte die Washington Post den Audio- und Videomitschnitt einer Unterhaltung Donald Trumps, der eigentlich hätte genügen müssen, den Kandidaten politisch zu erledigen. Da ist zu hören, wie er sich im Jahr 2005 gegenüber dem Moderator einer Hollywood-Klatschsendung sexueller Übergriffe rühmt. Er küsse Frauen, prahlt Trump, ohne zu fragen, und greife ihnen in den Schritt. "Wenn du ein Star bist, lassen sie dich." Auf Twitter brach ein Sturm der Empörung los, Zehntausende Frauen dokumentierten unter dem Hashtag #notokay ihre erniedrigenden Erfahrungen mit ähnlichen Übergriffen. Es ging hier nicht um unangemessene Sprache oder Fragen politischer Korrektheit, es ging gar nicht eigentlich um Sex, sondern um den Missbrauch von Macht.

Eigentlich hätte das eine ideale Vorlage für Hillary Clinton sein müssen, die zwei Tage nach dieser Enthüllung im zweiten TV-Duell auf Trump treffen sollte. Clinton wirft Trump seit Monaten seinen bestens dokumentierten Sexismus vor, und ihre ganze Wahlkampagne ist auf das historische Ziel ausgerichtet, die erste Präsidentin im Weißen Haus zu werden. Zunächst schien sich die Stimmung zu ihren Gunsten zu wenden: Die Elite der Republikaner distanzierte sich von Trump, der mächtige Sprecher des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, trat von einer gemeinsamen Veranstaltung mit Trump zurück, und sogar Mike Pence, sein Vizekandidat, kritisierte Trump öffentlich.

Doch der erwartete Untergang fand nicht statt.