Drei Fragen bilden bei allen Themen das Grundgerüst der Vermächtnisstudie: Was ist den Menschen heute wichtig? Wie wichtig sollte das, was heute eine Bedeutung hat, für nachfolgende Generationen sein ("Vermächtnis")? Schließlich: Was wird erwartet – wie wird es in Zukunft wirklich werden? Die Antworten erzählen, in welchem Land die Menschen leben möchten und wie sich dieses entwickeln wird. Die Abfolge der individuellen Antworten über die drei Fragen hinweg zeigt zudem, wie die Menschen ticken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Betrachten wir die ersten beiden Fragen. Raten die Menschen dazu, so wie sie selbst zu leben, liegt es nahe, von selbstzufriedenen Menschen zu sprechen. Raten sie aber zu einem Weg, den sie selbst so nicht ganz leben, geben sie sich selbstkritisch. Die Menschen wenden sich ab von ihren eigenen Verhaltensweisen, empfehlen eine Welt, die anders ist als die ihre. Beziehen wir dann die Prognose ein: Entspricht die erwartete Zukunft dem, was man selbst den nachfolgenden Generationen empfiehlt? Die Antworten zeugen von Zuversicht, Unsicherheit oder Kritik.

Die Studie zeigt ein differenziertes Bild: Es gibt sie nicht, die Selbstzufriedenen oder die Zukunftskritischen. Man kann die Menschen aber danach beschreiben, welchen Verlauf des Dreischritts "Jetzt, Vermächtnis, Zukunft" sie überwiegend wählen. Es ergeben sich hauptsächlich drei Gruppen. Die erste Gruppe beantwortet alle drei Fragen gleich. Das ergibt eine horizontale Linie, gesellschaftliche Stabilität. Man wünscht die eigenen Einstellungen auch nachfolgenden Generationen und geht davon aus, dass diese in Zukunft so gelebt werden. Man ist selbstzufrieden, sieht keine Anzeichen für einen gesellschaftlichen Kurswechsel. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Menschen mit Kindern und einem vielfältigen Freundeskreis.

Informiertheit über Politik und Kultur

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT Grafik

Werden die beiden ersten Fragen gleich beantwortet, die dritte aber ganz anders, ergibt sich ein Zacken, der in beide Richtungen gehen kann. Die Menschen mit diesem Antwortmuster geben recht selbstzufrieden und selbstverständlich ihre eigenen Vorstellungen weiter, befürchten aber, dass sich die Gesellschaft in Zukunft verändern wird. Sie sind zukunftskritisch. Antizipierte Erosion heißt dieser Verlauf. In dieser Gruppe befinden sich überproportional viele Frauen.

Die dritte Gruppe besteht aus Menschen, die mehrheitlich andere Werte vermachen möchten als die, die sie selbst leben. Sie zeigen sich selbstkritisch. Zugleich erwarten sie aber, dass diese Werte nicht die tatsächliche Zukunft prägen. Die anderen ziehen nicht mit und gestalten die Zukunft eher so, wie die Befragten heute selbst leben. Es zeigt sich die Form einer Nase (siehe Grafik). Kapitulation heißt dieser Verlauf. In dieser Gruppe finden wir insbesondere jüngere Menschen.

Sicherer Arbeitsplatz

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT Grafik

Sehr klare Unterschiede in der Antwortabfolge findet man zwischen den inhaltlichen Bereichen. Alle Fragen rund um das Thema Besitz werden mit dem Stabilitätsmuster beschrieben. Man will seinen Besitz vererben, so sollte das sein, so wird es auch sein. Alle Fragen rund um die Erwerbsarbeit folgen dem zweiten, zukunftskritischen Muster, der "antizipierten Erosion". Die Sicherheit des Arbeitsplatzes, Inhalte und Formen der Arbeit, all das wird sich verändern, obgleich man es nicht möchte. Die Unsicherheit nagt an den Menschen. Hier muss und kann die Politik unterstützen. Das Muster der Kapitulation bezieht sich auf Bereiche wie das Aussehen und das Informations- wie Konsumverhalten. Hier finden sich die Selbstkritischen, die anderes "vermachen" wollen, als sie heute (er)leben. Man muss sich fragen, welche Hürden abzubauen sind, um das kritische Potenzial zu nutzen.