Wenn Angela Merkel über Deutschland und Amerika spricht, dann sagt sie gern "wir". So auch am vergangenen Donnerstag, beim Tag der deutschen Industrie in Berlin: "Wir" könnten die Globalisierung gestalten, ermahnte die Kanzlerin die versammelten Wirtschaftsbosse. "Wir" müssten die westlichen Werte verteidigen. "Wir" sollten gemeinsame Standards für den Welthandel vereinbaren.

Das Problem ist nur: In der deutschen Wirtschaft wachsen die Zweifel, dass es dieses "wir" überhaupt noch gibt. Seit die amerikanischen Justizbehörden die Deutsche Bank ins Visier genommen haben, geht die Sorge um, dass es bei den Bußgeldern und Strafzahlungen für deutsche Konzerne letztlich nicht um Gerechtigkeit geht. Sondern um Marktanteile. Oder anders gesagt: um einen Wirtschaftskrieg mit dem Ziel, Deutschland ökonomisch zu schwächen.

Man kann diese Angst an vielen Orten spüren. Zum Beispiel in der Business-Class des Regierungsfliegers, wo Unternehmensführer platziert werden, wenn sie Politiker bei Auslandsreisen begleiten. Anfang der vergangenen Woche nahm Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine 120-köpfige Wirtschaftsdelegation mit in den Iran – ein Land mit enormem ökonomischem Potenzial, von dem nach der Lockerung der Atomsanktionen auch deutsche Firmen profitieren wollen. Das geht jedoch nur, wenn die Banken Kredite gewähren. Dazu sind viele Institute nicht bereit, weil sie fürchten, gegen noch verbliebene Sanktionsvorschriften zu verstoßen und dafür von den US-Behörden zur Rechenschaft gezogen werden. So wie die Commerzbank, die mehrere Milliarden Dollar bezahlen musste.

Europäische Unternehmen werden stärker zur Kasse gebeten als amerikanische

Die Verunsicherung ist so groß, dass sich die Bundesregierung eingeschaltet hat. Aus dem Bundesfinanzministerium ist zu hören, man mache sich Sorgen um den transatlantischen Zusammenhalt. Wirtschaftsminister Gabriel hat seinen Staatssekretär Matthias Machnig nach Washington geschickt, damit der klärt, was nun erlaubt ist und was nicht. Umgekehrt müssen die Europäer immer öfter in Washington erklären, dass die europäischen Steuerforderungen gegen Apple und die Datenschutzvorschriften für Google keine kriegerische Gegenmaßnahme seien.

Ein Grund für die Verstimmung ist die Machtfülle der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Volkswirtschaft ist nicht nur die größte der Welt, über ihre Währung kontrollieren die Amerikaner noch die entferntesten Länder. 90 Prozent aller globalen Devisengeschäfte werden in Dollar abgewickelt. Und weil jede elektronische Transaktion in Dollar, rechtlich betrachtet, auf amerikanischem Territorium stattfindet, haben die US-Behörden fast immer eine juristische Handhabe gegen die beteiligten Personen und Unternehmen, auch wenn sich diese im Ausland befinden. Auf diese Weise konnte der Korruptionsskandal bei der Fifa aufgedeckt werden, denn die Funktionäre der Fußballorganisation nutzten für ihre Zahlungen die Banken der Wall Street.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Wer beim Regelverstoß erwischt wird, dem drohen hohe Strafen. Die französische Großbank BNP Paribas musste ebenfalls wegen Sanktionsverstößen neun Milliarden Dollar in die USA überweisen. Und die Schweiz lockerte auf Druck der US-Steuerbehörden sogar ihr Bankgeheimnis, weil ihre Banken sonst womöglich den Zugang zum Dollarraum verloren hätten.

In Zukunft könnte die Zahl der potenziellen Reibungspunkte eher noch zunehmen, weil der amerikanische Markt für deutsche Unternehmen immer bedeutender wird. Im vergangenen Jahr haben die USA erstmals Frankreich als wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgelöst. "Je stärker die Ökonomien verflochten sind, desto eher wird es auch mal knirschen", sagt Bernard Mattes, Ford-Chef und Präsident der amerikanischen Handelskammer. Die Frage ist eben nur: bei wem?