Jeden Abend ein Glas Wein aufs Haus

Na, das kann ja lustig werden. Tage in einer glühend heißen Stadt ohne Parks, mit unendlichem Verkehr, mit schlechter Luft und schlechter Stimmung noch dazu, wegen der zu wenigen Euros und der zu vielen Flüchtlinge.

So ist in etwa das Bild, das man von Athen hat, bevor man da war: plus Antike natürlich, Athene, Zeus und Poseidon, das göttliche Ensemble, das nach wie vor zwei Millionen deutscher Touristen jedes Jahr herzieht.

Im zentralen Stadtteil Psirri, in dem das Hostel liegt, ist dann alles anders als erwartet. Enge Gassen, voll mit Tischen, ein Restaurant am anderen, das ganze Viertel isst draußen, trinkt draußen, lebt draußen. Alle gehen zu Fuß, man hört alle Sprachen. Grandioses Europa!

Gut, es schlängeln sich auch Autos und Motorräder durchs Gewühl, streifen beinah die Hemdsärmel des im Schatten kurz verschnaufenden Publikums. Stehen die Tische auf der Fahrbahn, oder führt die Fahrbahn durchs Café? Man weiß es manchmal nicht. Ist auch egal. Die Motoristen drängeln nicht, und sie hupen nicht. Sie verstärken nur jenes urbane Gewusel, in dem man sich so schön verlieren kann.

Und was die fehlenden Parks angeht: Von den Dachgärten, Balkonen und Terrassen grüßt das Grün Athens aus tausend Kübeln. Es blüht und rankt.

City Circus heißt das Hostel. Der englische Name ist Programm: Die Gäste kommen aus aller Welt, von Australien bis Südamerika, manche sogar aus Griechenland. Sie können wählen zwischen bezahlbaren Doppelzimmern und preiswerten Schlafsälen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Das Hostel erstreckt sich über zwei zusammengelegte Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Vor fünf Jahren standen sie noch leer und waren vom Einsturz bedroht, dann wurden sie behutsam in die Gegenwart geholt. Kolorierte Decken aus dem Jahr 1880 wölben sich über krass gestreifte Wände, handwerkliche Tradition trifft auf industrielle Moderne.

Kommoden aus den fünfziger Jahren, goldgerahmte Spiegel, rustikale Tische und herrlich abgenutzte Stühle aus Metall. Kein Zimmer gleicht dem anderen, das Mobiliar ist so bunt wie die Klientel.

Zunächst kamen nur Hipster zwischen 18 und 35; inzwischen sind es auch 50- und sogar 70-Jährige. Die Jungen mögen die Schlafsäle mit den Etagenbetten, weil sie sauber und billig sind; die Älteren, weil sie Erinnerungen wachrufen an die eigene Jugendzeit, mit dem Rucksack quer durch Europa.