Wind pfeift durch die verlassenen Höhlen im Valle Gran Rey, wo in den siebziger Jahren Hippies die Sonnenuntergänge auf La Gomera betrommelten. Nieselregen geht nieder auf die leere Wiese bei Gorleben, wo die Aktivisten der Republik Freies Wendland in den Achtzigern für eine ökologische Wende kämpften. Und der Monte Verità, auf dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts Lebensreformer in ihren Gärten für eine bessere Welt tanzten? Ist heute ein Kongresszentrum mit angeschlossenem Hotel. Wo sind all die Aussteiger hin, die Utopisten, wo sind sie geblieben?

Sie sind alle noch da. Oder besser: Sie gehen nach wie vor weg. Es kehren sogar mehr Menschen denn je den herrschenden Verhältnissen den Rücken. Näher als der Monte Verità liegt ihnen allerdings die Colonia Dignidad totalitärer deutscher Siedler in Chile. Und das persönliche Wohlergehen.

Der ehemalige NPD-Funktionär Holger Apfel sucht auf Mallorca hinter dem eigenen Zapfhahn seinen Frieden und verteilt in "Maravillas Stube" Pfeffis an die Gäste, wenn zu Hause in der zweiten Liga Dynamo Dresden siegt. Der hanseatische Rechtspopulist Ronald Schill wechselte sogar den Kontinent, um in einer Favela von Rio de Janeiro zu sich selbst zu finden, bevor er sein Glied am Fernsehstrand von RTL baumeln ließ. Und Lutz Bachmann, Gründer von Pegida, zog sich vor dem zweijährigen Jubiläum seiner Organisation an den kanarischen Rand des Abendlandes zurück. Die Parterrewohnung auf Teneriffa soll ihm allerdings schon wieder gekündigt worden sein – offenbar hat dem Vermieter seine allzu morgenlandsferne Gesinnung nicht gepasst.

Die neuen Aussteiger suchen auch eine Alternative für Deutschland, aber anders als die Alternativen von einst tun sie das ganz im Sinne der gleichnamigen Partei. Sie verlassen Deutschland, um es zu bewahren. Aus Furcht vor Flüchtlingen aus der Fremde fliehen Deutsche massenhaft in die Fremde, notfalls an den Plattensee ins islamskeptische Ungarn, bei höheren Rücklagen auch gerne hinter die Mauern einer Finca an der spanischen Mittelmeerküste. Wie Diogenes sitzen sie dort in ihrer Tonne, klimatisiert und sonnenbeschienen, abseits stürmischer Zeitläufte, und ignorieren die Nebenwidersprüche, die sich aus ihrer Flucht vor den Flüchtenden und der neu gewonnenen Fremdheit ergeben könnten.

Wer das Land nicht verlassen will, der kann trotzdem aussteigen und die eigene Privatsphäre als extraterritoriales Gebiet begreifen – so wie Peter Fitzek, der auf einem verfallenen Klinikgelände in der Lutherstadt Wittenberg das "Königreich Deutschland" ausgerufen hat, eigenes Geld, eigene Kennzeichen, eigene Ausweise ausgibt und sich von seinen Anhängern als "Imperator" verehren lässt. Den Staat, der ihm in Halle an der Saale in diesen Tagen wegen Untreue den Prozess macht, erkennt er wie viele andere "Reichsbürger" nicht an.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Aussteiger sind nicht mehr, wie früher noch, experimentelle Pioniere einer besseren Zukunft. Wer sich heute abkehrt, hortet Konservendosen, erwirbt den kleinen Waffenschein, bestellt die Lügenpresse ab und verschlingt Bücher aus dem Kopp-Verlag ( Der direkte Weg in den Dritten Weltkrie g). Für große Utopien oder sperrige Theorien ist kein Platz im privaten panic room, der immer auch eine Echokammer der Gleichgesinnten ist. Die Gemeinschaft schnitzt nicht mehr Flöten am Strand von Goa, sie überbietet sich als geschlossene "Community" in Internetforen mit Verschwörungstheorien.

Mit einer Dystopie im Nacken statt einer Utopie vor Augen sind die modernen Aussteiger vor allem Rollenspieler. In einem permanenten Reenactment vermeintlich besserer Vergangenheiten machen sie Ernst mit der inneren Kolonialisierung. Sie verwandeln, wie der AfD-Stichwortgeber Götz Kubitschek, ein altes Rittergut zwischen Saale und Unstrut in eine neurechte "Gedankenfabrik".

Oder sie ziehen, wie in den 1930ern der rassistische Siedlerbund der "Artamanen" zwischen Weichsel und Memel, in vernetzten Sippen aufs strukturschwache Land, um auf heimischer Scholle den Pflug anzusetzen. Am Ende steht Kartoffelbrei, nicht Olivenöl auf dem Tisch – aus reinrassigen Kartoffeln am besten. In der Mecklenburgischen Schweiz, der Lüneburger Heide oder dem Bayerischen Wald pflegen "völkische Siedler" einen vermeintlich ursprünglichen, sehr germanischen Lebensstil – mit dem reaktionären Ziel einer schleichenden Rückverzauberung der Gesellschaft durch die Reinhaltung des Blutes und Bearbeitung des Bodens.

Es scheint, als habe sich "die Linke" als Quelle utopischer Erzählungen erschöpft. Auf der Suche nach Alternativen sehen die Menschen keinen roten Morgen mehr, sie sehen schwarz. Und deshalb befindet sich der Ausstieg nicht mehr links. Sondern rechts. Bitte achten Sie auf den Abgrund zwischen Zug und Bahnsteigkante.