Ein Bett in der Lobby

In zehn Metern ist das Ziel erreicht, laut Handynavigation. Aber das kann eigentlich nicht stimmen. Die kleine Straße, die sich an den Hang von Barcelonas Hausberg Montjuïc schmiegt, liegt in einem ganz normalen Wohnviertel.

Menschen gehen mit Hunden spazieren oder reparieren Fahrräder. Aus den offenen Fenstern hört man Besteck klappern. Hier soll ein Hotel sein? Doch tatsächlich, die Hausnummer 174 hat eine Glastür, dahinter sieht man die Rezeption. Tritt man ein, steht man in einem hellen, luftigen Raum mit hohen Decken. Auf einem alten Holzbett, zum Sofa umgebaut, sitzt eine Urlauberin, barfuß und im Leinenkleid, und blättert in einem Bildband.

Es klingt immer sehr hübsch, wenn Menschen erzählen, wie sehr sie sich an einem fremden Ort gleich daheim gefühlt haben. Doch geht es beim Reisen tatsächlich ums Nachhausekommen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Über dem Sofabett mit der Barfußurlauberin stehen auf drei Regalbrettern allerhand Vasen, Figuren, Bücher. "Die hat Christian von seinen Reisen mitgebracht", erklärt die Frau an der Rezeption und deutet auf den jungen Mann, der gerade einen großen Blumentopf durch den Innenhof trägt. Christian Schallert ist der Inhaber des Hotels, das nach einem englischen Modeexzentriker aus dem 19. Jahrhundert benannt wurde, dem für seine Detailversessenheit berühmten George Bryan Brummell.

Sobald der Blumentopf platziert ist, nimmt sich Schallert Zeit, um ein bisschen zu erzählen. Vor zwei Jahren hatte ihn eine Freundin auf dieses Wohnhaus im Poble Sec aufmerksam gemacht. Es war in katastrophalem Zustand, alles eng, gedrungen, dunkel. Aber die verwunschene Gegend im Süden Barcelonas gefiel ihm auf Anhieb: Die kleinen Gassen mit winzigen Cafés und Bars, die Theater und Varietés entlang des alten Amüsierboulevards Paral.lel; die Plätze, auf denen sich abends die Leute zum Kartenspielen treffen.

Schallert, der sein Geld bis dahin mit selbst designten Postkarten und der Verwaltung von Airbnb-Apartments verdient hatte, konnte sich keinen besseren Ort für ein Hotel vorstellen: Hier gab es alles, was er an Barcelona mochte. Und in 20 Minuten war man auf dem Montjuïc, von dort aus mit der Seilbahn gleich am Strand. Er stellte sich ein Hotel vor, das wie ein Wohnhaus ein ganz selbstverständlicher Teil des Viertels bliebe.