Tage der Trauer und Zerstörung kündigen sich für Ende Oktober an. Die Geschäftsleiter der Berliner Zeitung haben für den 26. und 27. Oktober im Verlagshochhaus am Alexanderplatz einen Saal reserviert, um das Ende des Unternehmens in seiner heutigen Struktur zu verkünden. In einer an Härten reichen Auseinandersetzung der Zeitungen mit Digitalisierung und sinkenden Auflagen ist das ein neuer Höhepunkt.

Offiziell schweigen die Verantwortlichen bisher eisern, der Betriebsrat ist nicht unterrichtet, Aufsichtsräte sind auf Reisen, Eigentümer Christian DuMont Schütte wehrt Fragen bei einer persönlichen Begegnung ab. Man müsse erst die Mitarbeiter informieren.

Und doch ist es kein Geheimnis mehr, dass viele ihren Job verlieren werden. Die Berliner Zeitung gehört zu einem großen Regionalzeitungsverlag, DuMont Schauberg (Kölner Stadt-Anzeiger, Express, Mitteldeutsche Zeitung, Hamburger Morgenpost), und dieser Verlag steckt in einer wirtschaftlichen Krise. Vorige Woche wurde in der Hamburger Morgenpost ein Abbau von 25 Prozent der Stellen nur halbherzig geleugnet. In Berlin soll es härter kommen.

Früher war sie die modernste Zeitung der Hauptstadt, heute wirkt sie ausgezehrt

Nach vielen Gesprächen lässt sich sagen: Die Verantwortlichen wollen nicht nur die Kosten senken, das haben sie schon oft getan. Sie wollen die Berliner Zeitung in etwas Neues verwandeln, und diese Verwandlung hat etwas Radikales – und etwas Brutales.

Es gab die Zeitung im Osten, lange bevor die Mauer fiel, und bald danach galt sie als die modernste Hauptstadtzeitung mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren. Wer sich dort durchsetzte, bekam schnell mal ein Angebot von Spiegel, Süddeutscher Zeitung und von der ZEIT. Aber das ist eine Weile her. Das Blatt wirkt müde, vom jahrelangen Sparen ausgezehrt – und vom Wettkampf um Leser in Berlin. Die Hauptstadt ist Deutschlands härtester Medienmarkt, und die Berliner Zeitung hat über die Zeit am meisten verloren, verkauft weniger als 120.000 Exemplare pro Tag.

Nun soll sich die Redaktion noch einmal neu erfinden und Lokalblatt für Berlin sein, konsequent zugeschnitten auf die Bedürfnisse seiner Leser in Pankow, Lichtenberg, Marzahn, Prenzlauer Berg und Mitte. Drum herum bleibt ein wenig Platz für nationale Politik – und eine kommentierende Einmischung in dieselbe, für die das Blatt früher bekannt war.

Für diesen Umbruch will der Verlag sein angestammtes Gebäude, das Hochhaus am Alexanderplatz, verlassen und in kleinere Räumlichkeiten umziehen. Es wird bereits über die Teppichfarbe verhandelt. Ein sogenannter Newsroom soll entstehen, eine zentralisierte, um die Nachrichtenchefs herum angeordnete, idealerweise sternförmige Großraumredaktion, die es in anderen Verlagen längst gibt. Zu so einem Konzept gehört, dass die Redakteure bei ihrer Arbeit stärker als bisher für die Online-Seite des Verlags arbeiten – und erst dann für die Zeitung.

Radikal wird dieser Umzug, weil in den Newsroom auch eine Boulevardzeitung einziehen soll, der Berliner Kurier. Auch er gehört zum Großverlag DuMont Schauberg. Zusammen haben die Zeitungen und die zugehörige Internetseite bisher etwa 160 Redakteure.

Zwei solche Blätter zusammenzulegen wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Boulevard- und seriöse Tageszeitung waren einander so fremd und in Abneigung verbunden wie Kain und Abel. Boulevard-Redakteure galten oft als ungehobelte, teils missratene Brüder des bürgerlichen Journalismus, sie schüttelten Witwen, bedrängten also Menschen so lange, bis sie Fotos von Verstorbenen und persönliche Details von Opfern erhielten. Serientätermäßig verletzten sie Persönlichkeitsrechte. Ganze Anwaltskanzleien lebten davon, gegen Boulevard-Journalisten vorzugehen.

Aber diese Anwälte haben zunehmend mit Boulevard-Portalen im Netz zu tun. Boulevardzeitungen bekommen heute Preise für ihre herausragende Berichterstattung und Gestaltung, sie werden für ihre staatstragende, bewusst nicht an Vorurteile und niedere Instinkte appellierende Berichterstattung, etwa in der Flüchtlingsfrage, gelobt. Sie sind den Tageszeitungen ähnlicher geworden, der Berliner Kurier ist sowieso ein Stück zivilisierter als andere Boulevardmedien. In Berlin entsteht nun erstmals in der deutschen Pressegeschichte eine Redaktion, die beide Gattungen vereint.